Sex mit Teddy und andere Umwege – Seite 1

Feigling nannte einer der Jungs Misha Anouk, als er keine Blutsbrüderschaft schließen wollte beim Winnetou- und Old-Shatterhand-Spiel. Dabei hatte er gar keine Angst, er durfte als Zeuge Jehovas nur kein Blut annehmen oder spenden. Anouk schreibt, er sei immer sicher gewesen, dass seine Eltern ihn liebten; aber auch, dass sie ihn für ihren Glauben sterben lassen würden.

Anouk  ist Jahrgang 1981 und heute kein Zeuge Jehovas mehr. Über seinen Ausstieg hat er ein Buch geschrieben, Goodbye Jehova! heißt es. 

Seine Eltern waren vor der Familiengründung beide Missionare, sein Vater ist noch heute eine lokale Führungsperson, ein sogenannter Ältester. Anouk wurde hineingeboren in die "Wahrheit", wie die Zeugen ihre Lehre nennen. Er beschreibt, wie selbstverständlich die Glaubensinhalte und Pflichten in seiner Kindheit für ihn waren, wie aufreibend sie dann in der Jugend wurden und wie traumatisch das Leben nach den Zeugen Jehovas zunächst war. 

Er duzt seine Leser, als wolle er sie missionieren – allerdings gegen die Sekte, deren Mitglied er einst war. Immer wieder rutscht seine Wut in den Text: darüber, dass die Mächtigen unter den Zeugen "diese Lügen, diesen Mythos" weiter verbreiten. Manchmal wird er polemisch und ausschweifend, wenn er beschreibt, wie wirr und widersprüchlich die Lehren sind. Trotzdem zeigt seine Geschichte, wie gut das System der Zeugen Menschen manipulieren kann.

Die freundlichen, vielleicht ein wenig aufdringlichen Zeugen Jehovas beuten ihre Mitglieder weder finanziell noch sexuell aus und treiben sie auch nicht in den kollektiven Selbstmord. Systematische Gehirnwäsche gibt es nicht. Doch sie kontrollieren das Bewusstsein ihrer Mitglieder sehr effektiv, wie es für Sekten typisch ist. 

Kind sein bei den Zeugen Jehovas

Anouk beschreibt seine Kindheit als glücklich. Seine Eltern waren liebevoll und gaben sich Mühe, den Kindern mit Festen, Ausflügen und Videoabenden ein schönes Leben zu bieten. An Familientagen verteilten die Eltern Geschenke, um Weihnachten und Geburtstage zu kompensieren, die bei den Zeugen Jehovas keine Feste sind.

Selbst in der Machtzentrale der Zeugen Jehovas sitzen laut Anouk in der Regel keine boshaften Menschen. Die Zentrale nennt sich "leitende Körperschaft" oder "der treue und verständige Sklave" und gibt von oben nach unten durch, was als Wahrheit zu gelten hat. Sie hätten keinen Vorsatz, den Mitgliedern Angst einzujagen oder sie zu unterdrücken.

Die meisten glaubten tatsächlich, Menschen durch Missionierung vor einem grausamen Tod zu retten. Sie glaubten, dass alle Mühen in eine riesige Belohnung münden, im Paradies, das sich nach dem Armageddon, dem großen Massaker, nur ihnen öffnet.

Einige wenige, strenge Verbote gebe es, schreibt Anouk. In seiner Kindheit in den achtziger Jahren zählte dazu auch das Verbot, Bluttransfusionen anzunehmen. Ebenso verboten ist schwere Trunkenheit und "widernatürlicher und unsittlicher Gebrauch der Genitalien", also Sex außerhalb der Ehe oder in homosexuellen Beziehungen. Das Übertreten dieser Verbote kann zum Ausschluss führen, wenn der Sünder nicht bereut.

Angst vor dem Teufel

Alles andere wird dem "biblisch geschulten Gewissen" überantwortet, das in der frühen Kindheit schon trainiert wird. Zum Beispiel mit Horrorgeschichten aus der Kinderbibel. Der Satan und die Dämonen hätten es oft auf Kinder abgesehen, heißt es darin beispielsweise, "so wie die Löwen hinter den kleinen Tieren herjagen".

Das führt dazu, dass die Zeugen immer wachsam darauf hören, wo der Satan drinstecken könnte. Wie ist es mit diesem Song oder jenem Film? Das Gegenmittel gegen den Teufel ist der Gehorsam gegenüber Eltern, den Ältesten und der leitenden Körperschaft.

Was die Mitglieder der leitenden Körperschaft denken, verbreiten sie über ihre Publikationen, vor allem über den Wachturm. Es gibt schließlich immer wieder Verwirrung über die grundsätzlichen Annahmen der Lehre: Wer genau in den Himmel einziehen darf, der nur für wenige Platz bietet, und wann das Armageddon genau kommt.

Die Außenwelt nennen die Zeugen Jehovas "das gegenwärtige System der Dinge", deren Regeln sie akzeptieren. Vorrang hat aber immer die Religion. Sie sehen sich auf der Durchreise ins Paradies und sollen für weltliche Dinge wie Studium und Karriere nicht allzu viel Energie verschwenden.  

Wie ein Computerspiel

Anouk vergleicht das System der Zeugen Jehovas mit einem Computerspiel. Jeder kann ein Level weiterkommen. Ihm als Sohn eines Ältesten hätten alle Wege offen gestanden – vom ungetauften Verkündiger zur Taufe über den Dienstamtsgehilfen zum Ältestenamt. Vielleicht hätte er sogar ein mächtiger Kreisaufseher werden können.

Eifer ist eine typische Eigenschaft für einen guten Zeugen. Als Kind markiert Anouk mit seinem Konkurrenten um die Wette Wachturm-Texte, eine Pflichtübung vor jeder Versammlung, bis kaum ein Wort unmarkiert bleibt. Er übt das Predigen vor der ganzen Versammlung, erhält Lob und eine "liebevolle Rüge", wenn er den Zuschauern dabei nicht einzeln in die Augen schaut.

"Eine riesengroße Beschäftigungstherapie" nennt es Anouk, die die Menschen dazu zwingt, die Außenwelt auszublenden, und ihnen keine Zeit zum Zweifeln lässt.

Jugendlicher Zeuge

Wenn er sich in einer Versammlung langweilt, phantasiert sich Anouk als Kind allerdings in das verlockende Leben der sogenannten Weltmenschen. Als Jugendlicher wird ihm klar, dass er Gott nicht fühlen konnte, wie es sein Vater ständig für sich beteuerte, und bekam Angst. Mit zwölf Jahren musste er zum Predigen an Haustüren klingeln, er sollte auch seine Klassenkameraden missionieren. Dabei sprach er nicht gerne fremde Menschen an und wollte in seinem C&A-Anzug nicht gesehen und gemobbt werden.

Als Anouk 14 war, kam Schnufti zum Einsatz, ein einen halben Meter großen Teddy mit Loch im Schritt. Masturbieren bedeutete, sich dem Teufel anzuvertrauen; wenn er es mit Schnufti tat, hatte er wenigstens nicht Hand angelegt, oder? Es folgte die Erkenntnis, dass Gott bei allem zusieht und dass Schnufti männlich war. Das schlechte Gewissen verließ Anouk nicht mehr. Später verliebte er sich in ein Weltmädchen und traf es heimlich. Für den Ausstieg nahm er den Umweg über die Sünde: Unehelicher Sex führte zu seinem Ausschluss.

Lange dachte er danach, die Zeugen Jehovas folgten der Wahrheit, er sei vom richtigen Weg abgekommen. Als in Japan die Erde bebte und das Atomkraftwerk brannte, bekam Anouk Panik, denn er glaubte, Armageddon sei gekommen. Er trank, nahm Drogen und ließ sich lange auf keine ernsthafte Beziehung ein. Im Wachturm las er, Abtrünnige wie er seien "geistig krank". 

Heute schreiben seine Eltern ab und zu eine E-Mail oder einen Brief. Anouk ist sicher, sie lieben ihn noch immer. Aber zu seiner Hochzeit wollten sie nicht kommen.