Alles andere wird dem "biblisch geschulten Gewissen" überantwortet, das in der frühen Kindheit schon trainiert wird. Zum Beispiel mit Horrorgeschichten aus der Kinderbibel. Der Satan und die Dämonen hätten es oft auf Kinder abgesehen, heißt es darin beispielsweise, "so wie die Löwen hinter den kleinen Tieren herjagen".

Das führt dazu, dass die Zeugen immer wachsam darauf hören, wo der Satan drinstecken könnte. Wie ist es mit diesem Song oder jenem Film? Das Gegenmittel gegen den Teufel ist der Gehorsam gegenüber Eltern, den Ältesten und der leitenden Körperschaft.

Was die Mitglieder der leitenden Körperschaft denken, verbreiten sie über ihre Publikationen, vor allem über den Wachturm. Es gibt schließlich immer wieder Verwirrung über die grundsätzlichen Annahmen der Lehre: Wer genau in den Himmel einziehen darf, der nur für wenige Platz bietet, und wann das Armageddon genau kommt.

Die Außenwelt nennen die Zeugen Jehovas "das gegenwärtige System der Dinge", deren Regeln sie akzeptieren. Vorrang hat aber immer die Religion. Sie sehen sich auf der Durchreise ins Paradies und sollen für weltliche Dinge wie Studium und Karriere nicht allzu viel Energie verschwenden.  

Wie ein Computerspiel

Anouk vergleicht das System der Zeugen Jehovas mit einem Computerspiel. Jeder kann ein Level weiterkommen. Ihm als Sohn eines Ältesten hätten alle Wege offen gestanden – vom ungetauften Verkündiger zur Taufe über den Dienstamtsgehilfen zum Ältestenamt. Vielleicht hätte er sogar ein mächtiger Kreisaufseher werden können.

Eifer ist eine typische Eigenschaft für einen guten Zeugen. Als Kind markiert Anouk mit seinem Konkurrenten um die Wette Wachturm-Texte, eine Pflichtübung vor jeder Versammlung, bis kaum ein Wort unmarkiert bleibt. Er übt das Predigen vor der ganzen Versammlung, erhält Lob und eine "liebevolle Rüge", wenn er den Zuschauern dabei nicht einzeln in die Augen schaut.

"Eine riesengroße Beschäftigungstherapie" nennt es Anouk, die die Menschen dazu zwingt, die Außenwelt auszublenden, und ihnen keine Zeit zum Zweifeln lässt.

Jugendlicher Zeuge

Wenn er sich in einer Versammlung langweilt, phantasiert sich Anouk als Kind allerdings in das verlockende Leben der sogenannten Weltmenschen. Als Jugendlicher wird ihm klar, dass er Gott nicht fühlen konnte, wie es sein Vater ständig für sich beteuerte, und bekam Angst. Mit zwölf Jahren musste er zum Predigen an Haustüren klingeln, er sollte auch seine Klassenkameraden missionieren. Dabei sprach er nicht gerne fremde Menschen an und wollte in seinem C&A-Anzug nicht gesehen und gemobbt werden.

Als Anouk 14 war, kam Schnufti zum Einsatz, ein einen halben Meter großen Teddy mit Loch im Schritt. Masturbieren bedeutete, sich dem Teufel anzuvertrauen; wenn er es mit Schnufti tat, hatte er wenigstens nicht Hand angelegt, oder? Es folgte die Erkenntnis, dass Gott bei allem zusieht und dass Schnufti männlich war. Das schlechte Gewissen verließ Anouk nicht mehr. Später verliebte er sich in ein Weltmädchen und traf es heimlich. Für den Ausstieg nahm er den Umweg über die Sünde: Unehelicher Sex führte zu seinem Ausschluss.

Lange dachte er danach, die Zeugen Jehovas folgten der Wahrheit, er sei vom richtigen Weg abgekommen. Als in Japan die Erde bebte und das Atomkraftwerk brannte, bekam Anouk Panik, denn er glaubte, Armageddon sei gekommen. Er trank, nahm Drogen und ließ sich lange auf keine ernsthafte Beziehung ein. Im Wachturm las er, Abtrünnige wie er seien "geistig krank". 

Heute schreiben seine Eltern ab und zu eine E-Mail oder einen Brief. Anouk ist sicher, sie lieben ihn noch immer. Aber zu seiner Hochzeit wollten sie nicht kommen.