Leute, die einen Ort für illegale Technopartys suchen, ziehen mit Taschenlampen und Brecheisen über den ehemaligen Todesstreifen. Wichtig ist Diskretion und eine gute Portion Dreistigkeit. Lothar Schauf, der tagsüber in einer Privatbank arbeitet und nachts legendäre Partys veranstaltet, schaut mal bei der Treuhand vorbei. Vielleicht wissen die ja was über interessante leerstehende Gebäude. Tun sie, aber sie sagen nichts. Schauf fliegt raus – klaut allerdings einen Stapel Briefpapier aus der Behörde. Als er einen leerstehenden Bunker in Adlershof findet, schreibt er die Genehmigung für die Party einfach selbst.

Berlin 1990. Es ist der Sommer der Selbstermächtigung. Die Mauer ist gefallen, die alte Ordnung zusammengebrochen, der Kapitalismus hat die Kontrolle noch nicht übernommen. Im Windschatten der Weltpolitik entstehen in Ostberlin überall Freiräume. Es gibt 130 besetzte Häuser, viele im Bezirk Mitte. Einige Straßen sind fast komplett entmietet, ein grotesker Leerstand.

Als die DDR noch das Sagen hatte, sollten Teile des Scheunenviertels abgerissen werden und Plattenbauten entstehen. Doch der Plan wurde nicht mehr umgesetzt, erst fehlte das Geld, dann die Zeit.

Vor der Wende wohnten hier die Eigenbrötler und Alten, dazwischen ein paar Künstler und Freaks. Jene, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in den komfortableren Plattenbauten am Stadtrand unterkamen. Nach der Wende strömen Abenteuerlustige aus aller Welt hinzu. Auf sie wirkt die Szenerie, als sei der Krieg gerade zu Ende gegangen. Es riecht nach Kohle, die Häuser sind verfallen und grau, manche übersät mit Einschusslöchern, als sei eben die Rote Armee einmarschiert.

Nach der Währungsunion am 1. Juli 1990 gibt es noch mehr verlassene Gebäude. "Damals haben viele Betriebe zugemacht. Auch die letzten privatwirtschaftlichen", erinnert sich Ben de Biel, Fotograf und Hausbesetzer. "Es kam immer noch eine leerstehende Liegenschaft dazu. Wir sind gar nicht mehr hinterhergekommen, alle aufzumachen."

Jeden Freitag steht Ben de Biel in der Ständigen Vertretung an der Bar, dem ersten Techno-Club im Osten. Er befindet sich im Keller des Tacheles, jener Kaufhaus-Ruine, an der schon Löcher für die Sprengung in die Wand gebohrt waren, als eine Gruppe Künstler aus dem Prenzlauer Berg das Gebäude besetzte. Den Strom zapfen die Clubbetreiber aus dem Nachbarhaus. Ein paar alte Fernseher flimmern. Sitzgelegenheiten gibt es kaum. Wozu auch? Die Anlage ist bis zum Anschlag aufgedreht. Es geht ums Tanzen.

Die Polizei schreitet nicht mehr ein

Alte Umspannwerke, Seifenfabriken, Hochbunker, Panzerkammern, Bunkeranlagen, Flugzeughangars, Hausdächer, Keller – bald wird überall gefeiert, wo Platz ist. Konsequenzen hat das so gut wie nie. Die Polizei schreitet nicht mehr ein.

Diese Partys sind das Erweckungserlebnis einer neuen Jugendkultur, Techno wird zum Soundtrack des Mauerfalls. Die futuristische Maschinenmusik knipst eine Vielzahl von Fantasien an. Gabi Delgado von der Band DAF bezeichnet die Musik als Demokratisierung des Pop. Die Hürden niedrig, jeder kann Produzent werden oder DJ. Die Musik steht für das Versprechen, dass jeder die Welt mal eben selbst programmieren kann.