Die deutsche Blase

In Berlin war heute Integrationsgipfel, der siebte. Und man könnte glauben, alles sei in bester Ordnung. Schließlich geht es – zumindest den meisten hier – nicht mehr um die Frage, ob die Zuwanderer und der Islam zu Deutschland gehören. Es geht um das Wie. Es geht um Religionsunterricht, Ausbildung, anonymisierte Bewerbungen. Es klingt, als seien in Deutschland beim Thema Integration nur noch Detailfragen zu klären.

Leider ist das nur eine Wunschvorstellung. Das kann man zum Beispiel zwei Autostunden von Berlin entfernt beobachten. Auch in Dresden findet heute Abend nämlich ein Treffen statt, bei dem es um den Islam geht, und es ist ebenfalls das siebte. Die Initiatoren der Kundgebung "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) haben in wenigen Wochen gewaltigen Rückhalt erreicht, und das in einer Gegend, die bisher weder für besondere Demonstrationsfreude bekannt ist noch für übergroße Integrationsprobleme.

Man kann sich schon fragen, welche Erlebnisse es denn so sind, die einen ausgerechnet in Sachsen dazu bringen, im radikalen Islam eine größere Gefahr zu sehen als, sagen wir, im Rechtsextremismus. Doch wichtiger ist ein anderer Punkt.

Die meisten der Demonstranten sind keine Nazis, sondern ziemlich durchschnittliche Deutsche. Es ist nicht mehr besonders radikal, den vermeintlichen Konsens in Integrationsfragen zu verneinen. Offensichtlich tragen viele besonders die Vorstellung nicht mit, der Islam gehöre zu Deutschland. Diese Ansicht, einst vorgetragen von Ex-Bundespräsident Wulff, fühlt sich in Dresden wie eine Außenseiterposition an. Und nicht nur dort. Die Hälfte der Deutschen sieht den Islam als Bedrohung.

Wieder mal das Burka-Verbot

Das wirft zwei Fragen auf: Wer vertritt eigentlich die gesellschaftliche Mehrheit, wenn es um den Islam geht: Die Berliner Teilnehmer des Integrationsgipfels oder die Dresdner Demonstranten? Und: Ist die Dringlichkeit dieser Frage in der Politik angekommen?

Die zweite lässt sich leichter beantworten: Wahrscheinlich schon. Darauf deutet es zumindest hin, wenn Julia Klöckner, CDU-Oppositionsführerin im auch nicht gerade von verschleierten Muslima überrannten Rheinland-Pfalz, urplötzlich und pünktlich zum Islamgipfel ein Burka-Verbot fordert.

Wahrscheinlich würden alle Burka-Trägerinnen Deutschlands in einen ICE passen – bei insgesamt vier Millionen Muslimen. Und doch wird aus dieser Frage immer wieder ein größeres gesellschaftliches Problem gezaubert. Mit dem Ergebnis, dass das kollektive Bild vom Muslim besonders in der Provinz verschleiert bleibt. 

Das Bild der Deutschen vom Islam ist falsch

Nun könnte man das billigen Stimmenfang nennen, und das ist es auch. Doch gerade die Union muss sich tatsächlich mit dem Problem befassen, dass ein Teil ihrer Wähler sich von der AfD bei den Themen Zuwanderung und Islam viel besser vertreten fühlt.

Allerdings schwächt man Rechtspopulisten nicht dadurch, indem man ihre Parolen übernimmt. Das haben schon viele erfahren müssen, von der Hamburger SPD, die vor Jahren an Ronald Schill verzweifelte, bis hin zum britischen Premier Cameron, dem es offenkundig nichts einbringt, die Forderungen der UK Independence Party (Ukip) zu kopieren.

Andersherum ändert auch so ein Gipfel wenig. Nichts deutet darauf hin, dass die Berliner Konsens- und Beschwichtigungspolitik bei den Deutschen irgendwelche größeren Sympathien für die Muslime geweckt hat. Das Gegenteil ist der Fall: Viele scheinen zu glauben, die deutsche Integrationspolitik sei ein Schauspiel in einer linksgrünen Politikblase, in der die Sorgen der Bürger keine Rolle spielen.

Wer sitzt hier eigentlich in der Blase?

Vielleicht geht es längst um eine ganz andere Frage: Nämlich die, wer hier in einer Blase sitzt. Das Bild, das sich viele vom Islam machen, ist geprägt von Stereotypen, Unwissen und Desinteresse. Gerade in Berlin kann man das gut beobachten. Eine Figur wie Heinz Buschkowsky reicht, um den Berliner Stadtteil Neukölln bundesweit als Beweis muslimischer Integrationsunwilligkeit zu kennzeichnen.

Wie verträgt sich diese Deutung mit dem Fakt, dass Neukölln mittlerweile Israelis, Amerikanern, Europäern als einer der begehrtesten Wohnorte Berlins gilt? Diesen Widerspruch sieht keiner, der den Stadtteil aus Furcht meidet. So verselbständigen sich die Schreckensbilder von einer angeblich naiven Integrationspolitik.

Vielleicht braucht es mal wieder Menschen, die sich hinstellen und sagen: Der Islam wird nicht mehr von hier verschwinden, denn er gehört dazu. Streichen wir dagegen die Vorstellung, dass alle so leben müssen, wie es die Mehrheit tut. Es wäre der Gipfel der Integration.