Im Januar 2014 erstürmten die Kämpfer des "Islamischen Staats" die irakischen Städte Ramadi und Falludscha. Plötzlich wurde der Weltöffentlichkeit bewusst, dass sich in Syrien und im Irak eine gefährliche islamistische Terrormiliz breitgemacht hatte. Seither hat der IS seine brutale Herrschaft über große Teile beider Länder gefestigt. Am erfolgreichsten wehren sich verschiedene Gruppen kurdischer Kämpfer gegen die Angriffe des IS. Sowohl in Syrien wie im Irak verzeichnen sie gegenwärtig Erfolge und erkämpfen Gebiete von den Islamisten zurück.

Mossul jedoch ist weiterhin in der Hand des IS. Im Juni hatten seine Kämpfer die Stadt erobert. Die Millionenmetropole war ein Zentrum vieler verschiedener Religionsgruppen: Neben Sunniten, Schiiten und Jesiden lebten auch Tausende Christen hier. Ihre Geschichte reicht bis in die Frühzeit des Christentums zurück. Nachdem die IS-Kämpfer Mossul eingenommen hatten, drohten sie allen Christen, sie zu töten, wenn sie nicht zum Islam übertreten würden. Daraufhin flohen Tausende Menschen aus der Stadt. Yoanna Petros Mouché, syrisch-katholischer Erzbischof der Diözese Mossul, blickt auf die Vertreibung zurück und berichtet, wie es den Christen der Stadt seither ergeht:

Wir Christen leben seit Ewigkeiten im Irak – dem ehemaligen Mesopotamien, dem Land Abrahams, Wiege der ersten Zivilisationen. Jetzt aber sind wir Vertriebene im eigenen Land. Unsere Vertreibung beginnt mit der Einnahme der Stadt Mossul, aus der die irakische Armee feige floh und ihre Waffen für den "Islamischen Staat" zurückließ. Der unerwartete Vorstoß des IS versetzte nicht nur den Großteil der Christen, sondern auch der schiitischen Muslime in Panik, so dass sie Mossul mit ungewissem Ziel verließen. Das war in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni. Am nächsten Morgen fanden die Christen Zuflucht in den christlichen Dörfern der Ninive-Ebene, während die meisten Muslime unter freiem Himmel bleiben mussten.

Jene Christen aber, die in Mossul geblieben waren, fühlten sich durch den IS zunächst nicht bedroht, im Gegenteil. Da der Sturz des Regimes in Bagdad sein Ziel zu sein schien, glaubten einige sogar, sie hätten neue Unterstützer. Erst allmählich wurde klar, dass das islamische Gesetz nun kompromissloser denn je durchgesetzt werden sollte. Der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi verkündete die Bedingungen: Entweder man konvertierte zum Islam oder zahlte den Schutzzoll der Nicht-Muslime (Dschizya), was einem Sklavenstatus gleichkommt. Oder gab all seine Habe auf und floh, um zu überleben.

Um diese Bedingungen zu diktieren und von den "Ungläubigen" unterschreiben zu lassen, luden die Islamisten die Führer der Christen zu einer Versammlung ein. Selbstverständlich ging niemand von uns hin und ließ sich demütigen. Daraufhin zwang der IS alle Christen, die Stadt zu verlassen, und bemächtigte sich ihrer Besitztümer. 

Zwei Tage nachdem Mossul dem IS in die Hände gefallen war, erreichte eine bewaffnete kurdische Armee-Einheit Karakosch, den nächstgelegenen Christen-Ort vor den Toren Mossuls. Sie kamen, um uns zu schützen und die Invasion des IS zu stoppen. In die sunnitischen Dörfer im Westen Karakoschs war der IS aber schon eingedrungen.

Unter dem Schutz der Kurden

Woher kamen die hilfreichen Kurden? Auf wessen Befehl? Das blieb uns zunächst ein Rätsel. Ihr Eintreffen beruhigte uns aber sehr. Wir vertrauten ihnen, und später bekundete ihr Anführer Masud Barzani, Präsident der Autonomen Region Irakisch-Kurdistan, dass wir dasselbe Schicksal teilten: Wir würden entweder gemeinsam sterben oder gemeinsam überleben.

Ende Juni griffen Kämpfer des IS dann auch Karakosch an. Ich versuchte, zwischen den kurdischen Peschmerga und dem IS zu vermitteln, um den Kampf zu stoppen. Leider bin ich gescheitert, denn die Dschihadisten wollten die Kurden nicht in der Nähe unseres Dorfes dulden.

Der Kampf zwischen Kurden und IS dauerte drei Tage. Es regnete Bomben auf uns. Fast alle Christen flohen aus Karakosch. Nur etwa hundert blieben zurück, darunter auch ich mit meinen Klerikern. Wir erwarteten den Einmarsch des IS. Doch die Peschmerga hielten die Stellung. Plötzlich beruhigte sich der Kampf. Niemand von uns war getötet worden. So kehrten wir in unsere Wohnungen zurück.

Das christliche Ninive ist untergegangen

Doch am 6. August, am Tag der Verklärung des Herrn, begann der Kampf wieder. Am Morgen starben drei von uns: zwei Kleinkinder und eine junge Frau. Dieses Mal flüchteten alle, in den Dörfern der Ninive-Ebene blieben nur noch einige Dutzend Menschen zurück. Manche konnten wir noch retten, vielleicht zehn mussten wir zurücklassen. Mich quält seither die Sorge um mehrere Mädchen und Frauen, die verschleppt wurden.

Bevor ich selbst Karakosch endgültig verließ, hatten unsere Schutztruppen mir versichert, die Stadt sei für den IS uneinnehmbar. Doch dann mussten wir halb ein Uhr nachts fliehen – außer der Kleidung, die ich am Leib trug, durfte ich nichts mitnehmen: kein Messgewand, keine Soutane, nicht einmal ein Brustkreuz. Da waren wir noch sicher, wir würden am nächsten Morgen zurückkehren.

Nun ist das christliche Karakosch untergegangen. Genau wie alle christlichen Städte und Dörfer in der Ninive-Ebene. 120.000 Gläubige, die Laien, der Klerus und die Bischöfe von Mossul; die Chaldäer, die Katholiken und die Orthodoxen – wir alle mussten unsere Kirchen und Wohnungen verlassen. Jetzt sind wir über ganz Kurdistan verstreut. Die meisten Gläubigen ziehen die Gegend um Erbil vor, Ankawa, Shaqlawa und Diana. Die übrigen Gläubigen leben in Dohuk, Sulejmanija oder Kirkuk. Jeden Tag besuche ich meine Gläubigen in dem einen oder anderen kurdischen Dorf, um mit ihnen verbunden zu bleiben und die Messe für sie zu lesen.