So schlimm ist es nun auch wieder nicht: zehntausend Menschen in Dresden und ein paar hundert in anderen Städten, die gegen eine vermeintliche Islamisierung demonstrieren. Bleiben 80 Millionen, die das anders sehen und zu Hause bleiben. In Deutschland droht weder eine rechte Revolution, noch hasst eine nicht mehr schweigende Mehrheit plötzlich alle Ausländer.

Wenn das geklärt ist, können wir sie trotzdem ernst nehmen, die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida). Nehmen wir die paar Neonazis und offensiven Verfassungsfeinde einmal aus, die dort auch herumlaufen, und betrachten den großen Rest. Diese Menschen treiben echte Gefühle um. Angst vor allem, und die Wut darüber, als vermeintliche Mehrheit weniger Beachtung zu finden als die Minderheiten. Sie versuchen auf den Kundgebungen, diese Gefühle zu Wahrheiten zu rationalisieren. Herauskommen dabei natürlich nur gefühlte Wahrheiten. Zum Beispiel: Asylbewerber werden besser umsorgt als Rentner, die Muslime und ihre Freunde bestimmen längst die Politik, und bald wollen sie uns sicher auch den Christstollen wegnehmen.

Wie also umgehen mit diesen gefühlten Wahrheiten?

Ein Teil der Öffentlichkeit, der selbstgefällig-linke, spottet über die Gefühle. Diese ängstlichen ostdeutschen Idioten, kommen einfach nicht klar mit Veränderung! Ein großer Spaß ist das auf Twitter und auf den Gegendemonstrationen. Die Antifa ist auch dabei und beschimpft wie immer alles rechts von sich als Nazis.

Klöckners Kapitulation

Ein anderer Teil, der berechnend-rechte, weiß sich nur zu helfen, indem er nachgibt. Dazu gehört zum Beispiel der Vorschlag der stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner, in Deutschland die Burka zu verbieten. Was nach einer klaren Linie gegen Islamisierung aussieht, ist Gefühlspolitik: Selbst die eigenen Unionsexperten halten die Zahl der Burkaträgerinnen in Deutschland für "verschwindend gering". Durch ihren Gesetzesvorschlag adelt Klöckner eine gefühlte Wahrheit zur politischen Realität. Das ist keine Antwort auf Pegida und Co., das ist eine Kapitulation. Der CSU-Vorschlag, Migranten sollten zu Hause bitte Deutsch sprechen, fällt übrigens in die gleiche Kategorie. Aber das ist weniger bemerkenswert, denn die CSU macht seit jeher Politik mit gefühlten Wahrheiten.

Nicht viel besser sind die Antworten vieler anderer Politiker. Der sächsische Innenminister Markus Ulbig warnt vor den Pegida-"Rattenfängern", was Veranstalter Lutz Bachmann natürlich gerne aufgriff und die Demonstranten begrüßte mit: "Ich freue mich, das heute so viele Ratten gekommen sind!"

Der CDU-Konservative Wolfgang Bosbach warnt die Demonstranten, sie sollten sich nicht "für extreme politische Ziele instrumentalisieren lassen, die man selbst nicht teilt". Den Veranstaltern ginge es um "Verankerung radikaler Ansichten in der Mitte der Gesellschaft". So schafft er es in wenigen Sätzen, die Demonstranten erst zu bevormunden (Ihr Dummerchen wisst doch gar nicht, was ihr tut) und sie dann zu verharmlosen. Bei Pegida muss kein ominöser Strippenzieher etwas verankern. All das, die Angst vor Fremden und die Wut auf Asylbewerber, es ist alles wirklich da. Die Leute verstehen sehr gut, welche Aussagen sie da beklatschen.

Wie es geht, zeigt ein Berliner Bezirksamt

Dann wäre da noch der mediale Umgang mit Pegida. Mit der Presse reden die meisten Demonstranten nicht, weil diese nur lüge und sie als Nazis diffamiere. Das ist bequem, denn wer sich nicht auf eine öffentliche Debatte einlässt, kann sie auch nicht verlieren. Noch schlimmer wird es, wenn einzelne Medien Pegida den Gefallen tun, sie platt zu beschimpfen. Das Fachmedium für Hysterie, die Huffington Post, erklärt Veranstalter Bachmann zum "Mann, der die Zukunft Deutschlands gefährdet" und malt ihm in Warnfarben-Rot einen Kreis um den Kopf. Das ist die Diffamierung, auf die Pegida nur gewartet hat.

Es gibt zum Glück auch Gegenbeispiele. Die FAZ berichtete als eine der ersten überregional über Pegida, regelmäßig und nüchtern. Sie lässt möglichst viele der Redner und Demonstranten zu Wort kommen, ohne sie im nächsten Satz abzuurteilen. Die FAZ zeigt: Die Öffentlichkeit hält die Pegida-Demonstranten ganz gut aus.

Ohne Überheblichkeit

Noch einmal zurück zum Anfang. Was wäre die Aufgabe im Umgang mit Pegida? Das wieder auseinanderzusortieren, was die erregten Demonstranten vermischen. Die Gefühle respektieren, den gefühlten Wahrheiten aber widersprechen. Emotionen zulassen, aber auf der Kraft des besseren Arguments beharren.

Wie das geht, hat neulich im Kleinen ein Berliner Bezirksamt gezeigt. Weil Anwohner in Buch Vorbehalte gegen den Bau eines Asylbewerberheims hatten, schrieb die Verwaltung ihnen einen detaillierten Brief (PDF-Link). Nein, der Neubau gefährdet nicht die Grundwasserversorgung. Nein, die Kita-Plätze werden durch die Flüchtlinge nicht knapper und Belege dafür, dass durch Flüchtlinge die Kriminalität steigt, gibt es auch nicht. Es ist ein Dokument bürgerlicher Fremdenangst, einerseits. Es ist aber auch ein Dokument politischer Ernsthaftigkeit: Jede Frage und jede Sorge beantworten, immer weiter reden. Ohne Überheblichkeit. Die Gefühle ernst nehmen, ohne sich von ihnen aus der Bahn der Vernunft werfen zu lassen.