© Nicole Sturz

Das kann einem jeden Tag überall widerfahren: Ein guter Freund von mir saß am Wochenende in der Berliner U-Bahn. Drei Rumänen stiegen ein, spielten munter auf ihren Trompeten und baten um eine kleine Spende. Ein kräftiger Mann, so um die fünfzig Jahre, fühlte sich gestört. Er herrschte "das ausländische Musikantenpack" an, sofort aufzuhören und donnerte mit einem metallenen Gegenstand gegen die Scheibe.

Mein Freund forderte den Mann auf, seine Drohgebärde einzustellen und die Musiker gewähren zu lassen. Woraufhin der Mann mit einer Hand zur Notbremse griff, mit der anderen weiter gegen die Scheibe schlug und dem Freund wütende Blicke zuwarf. Die Trompeter verstummten, die Menschen drumherum schauten betreten zu Boden und schwiegen.


Als der Mann an der nächsten Haltestelle die U-Bahn verließ, sagte eine Frau zu meinem Freund: Was wenn der Mann die Notbremse gezogen oder eine Waffe dabei gehabt hätte? Dann wären doch alle Passagiere in Gefahr gewesen. "Man weiß ja nie, was passiert, wenn man sich einmischt."
Es ist wahr: Man weiß es nie! Und in der Tat endeten gerade zwei Fälle, wo Menschen einschritten, um anderen zu helfen, tragischerweise tödlich.

Genau wissen wir bislang nicht, was in jenen Fällen wirklich geschah. Doch legt man zugrunde, was Polizei und Staatsanwaltschaft bisher haben durchsickern lassen, ereignete sich wohl Folgendes: In Offenbach zahlte die 22-jährige Tuğçe A. mit ihrem Leben dafür, dass sie sich einmischte, als ein junger Mann zwei Mädchen in einer McDonalds-Toilette bedrängte. In Hannover wurde ein bislang namentlich nicht bekannter 21-jähriger Mann erschossen, der versucht hatte, in einem Supermarkt einen mit einer Pistole bewaffneten Räuber zu überwältigen.

Sich-Einmischen kann Grenzen überschreiten

Kaum etwas beschäftigt uns in diesen Tagen mehr als die Frage: Was heißt Zivilcourage? Wo liegen die Grenzen? Wann und wie sollte man einschreiten?
Es gibt kein Patentrezept für Zivilcourage. Niemand sollte leichtfertig den Helden spielen. Und jeder muss für sich selber entscheiden, wann er sich traut. In unübersichtlichen Situationen ist es oftmals besser, sich herauszuhalten und die Polizei zu informieren, bevor man sich selber und andere in Gefahr bringt. Die Polizeien der Bundesländer und Onlineforen wie aktion-tu-was.de halten dafür viele gute Ratschläge bereit.

Mitunter kann das Sich-Einmischen sogar Grenzen überschreiten und verletzen, erwächst es nicht aus Fürsorge, sondern aus geistiger Enge und Überlegenheitsgefühlen. Es gibt viele Beispiele, wo Bürger sich zu Hilfssheriffs aufschwingen, um ihre Vorstellungen des Gemeinschaftslebens und von Recht und Ordnung durchzusetzen. Achtsamkeit kann hier durchaus zu sozialer Kontrolle ausarten. Öffentliche Aktionen wie "Misch Dich ein!" oder "Zivilcourage kann jeder!" stoßen darum auf ein geteiltes Echo.

Der Historiker Michael Wolffsohn beklagte sich soeben in der Tageszeitung Die Welt über derartige Kampagnen. Es gehöre zu den Kernaufgaben des Staates, seine Bürger zu schützen, schreibt er. Der Ruf nach mehr Zivilcourage gleiche einer staatlichen Abdankung. "Es ist die Aufforderung des versagenden Staates an seine Bürger, Selbstmord zu wagen, weil der Staat Mord nicht verhindern kann."

Schauten wir weg, erlangten sie Macht

Abgesehen davon, dass in einer freiheitlichen Gesellschaft der Staat und seine Ordnungshüter – zum Glück – nicht überall präsent sein können, verkennt Wolffsohn den tieferen Sinn von Zivilcourage. Es geht gerade nicht darum, den Staat zu entlasten und die Obrigkeit durch wachsame Bürger zu ergänzen. Zivilcourage gehört zum Kern einer Bürgergesellschaft, also einer Gemeinschaft, deren Mitglieder das öffentliche Leben aktiv mitgestalten.

Es geht in dieser Bürger- oder Zivilgesellschaft um individuelle Verantwortung und gemeinsame Werte; um das menschliche Miteinander und Füreinander; um das nicht tatenlose Zuschauen, wenn andere in Not geraten. So tragisch und unendlich traurig es auch ist: Das mutige Einschreiten der 22-jährigen Tuğçe Albayrak hat uns dies gerade wieder vor Augen geführt.

Zum Wesen der Zivilcourage zählt außerdem, dass man die Folgen des eigenen mutigen Handelns nicht immer voraussehen und abschätzen kann. Es bleibt immer ein Risiko. Die Konsequenz daraus aber kann und darf nicht lauten, dass man deswegen mutlos bleibt und nichts tut, dass man jegliche Verantwortung von sich abstreift und diese allein dem Staat überträgt.

Mein Freund antwortete der Frau in der Berliner U-Bahn: "Schauten wir weg, würden doch Menschen wie dieser Mann Macht über uns erlangen."