Nach dem Fährunglück in der Adria werden nach Angaben der italienischen Behörden noch immer fast 100 Menschen vermisst. "Es gibt 98 Personen, von denen es noch keine Nachrichten gibt", sagte der ermittelnde Staatsanwalt von Bari, Giuseppe Volpe. Unklar sei der Verbleib eines Frachters, der bei der Rettung nach dem Brand der Norman Atlantic geholfen hatte. Am Vortag hatte Volpe noch von mehr als 170 Menschen gesprochen, die vermutlich auf verschiedenen Schiffen von der Unglücksstelle nach Griechenland gebracht worden seien. 

Unterdessen haben die albanischen Behörden das Abschleppen der Norman Atlantic genehmigt. Zunächst soll die Fähre an die albanische Küste gebracht werden. Sobald das Wetter es zulasse, solle das Wrack nach Italien geschleppt werden, sagte ein Sprecher der albanischen Staatsanwaltschaft. Da das Schiff in albanischen Hoheitsgewässern liege, sei dafür eine Genehmigung aus Tirana notwendig.

Auf der Fähre war am frühen Sonntagmorgen ein Feuer ausgebrochen. Manövrierunfähig trieb das brennende Schiff danach in Richtung albanischer Küste. Elf Tote wurden geborgen, zudem starben zwei albanische Seeleute bei einer Bergungsaktion des Schiffes. Die italienischen Behörden vermuten, dass noch weitere Tote im Schiffsrumpf liegen, da sich wahrscheinlich auch illegale Einwanderer als blinde Passagiere an Bord befanden. Spekuliert wird weiter über die Ursache des Feuers, das im Fahrzeugdeck ausbrach. Dort waren laut Zeugen viele Laster mit Olivenöl geparkt. Spekulationen, wonach die blinden Passagiere sich mit einem Feuer wärmen wollten und so den Brand auslösten, bestätigten die Behörden bisher nicht.

Eine deutsche Überlebende des Fährunglücks hat chaotische Zustände an Bord der Norman Atlantic geschildert. "Es war wie in der Hölle, die ganze Zeit Rauch, Rauch, Rauch", sagte die Münchnerin. "Die Crew war nicht anwesend, es gab keinen Ansprechpartner, niemanden, der Informationen hatte, niemanden, der einen beschützt hat."

Beim Betreten des Schiffes habe sie bereits ein schlechtes Gefühl gehabt, sagte die 54-Jährige. "Das Schiff war alt und klein, nicht wie eine richtige Fähre." Eigentlich hätten sie ein anderes Schiff gebucht.

In der Nacht sei sie dann von Schlägen geweckt worden. "Auf den Gängen liefen Leute rum, es wurde lauter. Ich habe Rauch gerochen. Es war Rauch im Treppenhaus, das Licht ging aus." Als sie sich auf Deck geflüchtet habe, habe es panikartige Szenen und Rangeleien gegeben. "Es gab Angst, sehr viel Angst. Alle wollten auf Rettungsboote. Familien schrien."

Auf einer Seite des Schiffs seien Rettungsboote verbrannt. Das Wetter sei immer schlechter geworden. "Die Wellen wurden immer höher, furchtbar hoch. Es kam ein Gewitter." Erst nach Stunden wurde sie von einem Hubschrauber nach Brindisi in Italien geflogen.