Uwe Werner will kein Opfer sein. Am Esstisch in der Einzimmerwohnung lehnen Krücken. Der 62-Jährige taumelt beim Gehen, es fällt ihm schwer, das Gleichgewicht zu halten. Eine Folge der Ohrfeigen, die er als Kind im Heim bekam. Seit einigen Jahren spürt er eine Lähmung in den Füßen. Polyneuropathie, sagen die Ärzte. Heute sind nur die Füße taub, irgendwann könnte es der ganze Körper sein. Die Ärmel des Karohemdes hat Werner hochgekrempelt, über dem weißen T-Shirt unter dem offenen Kragen blitzt eine silberne Kette mit Anhänger. Die Haare trägt er stoppelkurz. "Wenn ich zuließe, dass ich mein Inneres gleich auf den ersten Blick nach außen kehre", sagt er, "dann hätten die Peiniger gewonnen." Sein Inneres, das sind 13 Jahre in zwei Heimen, ein Jahr bei seiner alkoholkranken Mutter und zwei Jahre im Gefängnis. Das sind Aktenordner voller Gutachten, Anträge, Rechtsbelehrungen. Das sind Trauma- und Gesprächstherapien.

Etwa 800.000 Kinder und Jugendliche lebten wie Uwe Werner zwischen 1949 und 1975 in westdeutschen Heimen. Am 31.12.2014 lief die Frist für Anträge an den Fonds Heimerziehung West ab. Der wurde von Bund, westdeutschen Ländern und Kirchen eingerichtet, nachdem die Gewalt in Heimen bekannt geworden war. Wenn die letzten Formulare abgearbeitet sind, interessiert sich niemand mehr für die Schicksale. Uwe Werner schon.

Ein paar Tage vor Heiligabend kämpft er mit den Tränen. Weihnachten tut ihm weh. Er steht vom Esstisch auf, geht hinüber zu seinem Computer und zeigt ein Video. "Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud", singt ein Kinderchor. Den Link zum Lied hat er seinen Freunden per Mail geschickt. Warum macht ihn die Freud traurig? Er schweigt lange. Nein, nicht, weil die anderen Familien haben und er nicht, sagt er schließlich. Nein, auch nicht, weil er sich mit Stille schwertut. Er mag es, wenn sich an den Feiertagen die Ruhe über die gesichtslose Wohnsiedlung am Rande von Mönchengladbach legt. Er macht Kerzen an, kocht sich etwas Schönes und sieht fern. Er hat extra ein paar Packungen Zigaretten mehr im Haus, falls ehemalige Heimkinder vorbeikommen. Jetzt, im Gespräch, raucht er kein einziges Mal. "Das ist immer so, wenn ich konzentriert erzähle", sagt er.

Uwe Werner hat viel zu erzählen. Wo anfangen? Vielleicht mit dem 13-jährigen Uwe. Der sagt dem Jugendamt einen folgenschweren Satz: "Ich will wieder ins Heim." Da hat er seine Mutter gerade erst kennengelernt. Gleich nach der Geburt hatte sie ihn weggegeben. Sein Zuhause wird das katholische Vinzenz-Heim in Bochum. Wie alle unehelichen Kinder gilt er den Ordensfrauen als Frucht der Sünde, doch Uwe ist besonders verdächtig: Man hält ihn für evangelisch; dabei ist er ungetauft, wie sich später herausstellt. Prügel bekommt er von fast allen Ordensschwestern. Die Küchennonne fürchtet er am meisten, sie schlägt mit der Peitsche zu. Nur bei Schwester Ehrenburga spürt er so etwas wie Geborgenheit. "Ehrenburga ist eine Heilige", schwärmt er. Dabei haut auch sie zu, wenn Kinder nicht gehorchen. "Klapse" nennt Uwe Werner ihre Schläge milde.

Als er zwölf ist, geben ihn die Vinzentinerinnen zu seiner Mutter zurück. "Besser ein schlechtes Elternhaus als gar keines", sagen sie. Sein Elternhaus sei eine "Bruchbude" gewesen. Der Junge schläft auf einer alten Couch in der Küche. Morgens hilft er der Mutter beim Zeitungsaustragen. Wenn sie es nicht schafft, zeitig aufzustehen, weil sie am Abend zuvor getrunken hat, übernimmt er ihre Runde. Oft holt er sie aus der Kneipe ab. Einmal liegt sie betrunken vor dem Lokal im Schnee. Drei Kilometer schleppt er sie nach Hause. "Zum Dank hat sie mich verprügelt."

Uwe Werner schaut auf das Feuerzeug, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Mit "dieser Frau" habe er abgeschlossen, sagt er. Erst versuchte er zu verstehen, warum sie trinkt. Jetzt sagt er: "Sie war keine Mutter." Doch er hat nur sie. Den Vater sucht er vergeblich. Wegen "Mehrfachverkehrs" der Mutter könne der Vater nicht festgestellt werden, liest er später in den Akten. Nach einem Jahr bei der Mutter meldet er sich beim Jugendamt. "Ich wollte nur weg."

Doch was ihn im Knabenheim Westuffeln, einer evangelischen Einrichtung in Westfalen, erwartet, ahnt er damals nicht. Prügel und Drangsalierungen kennt er von den Nonnen und seiner Mutter. In Westuffeln aber gibt es noch andere Strafen: Da bestellt sich der Heimleiter, ein Diakon der Bruderschaft Nazareth, jeden Abend einen anderen Jungen auf sein Zimmer und missbraucht ihn. Am Vorabend seiner Konfirmation ist auch Uwe Werner an der Reihe. "Ich musste ihn befriedigen." Am Tag danach, bei der Konfirmation, legt ihm der Geistliche als Pate die Hand auf. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es etwas Schlimmeres geben konnte als das Heim, in dem ich war."

Fast 50 Jahre ist das her. Heute streitet Werner für die Rechte ehemaliger Heimkinder. Er hört ihnen zu, erledigt Papierkram. Viele können auch nach Jahrzehnten kaum über die Erlebnisse sprechen. Eingeschüchtert kauern sie auf dem Bett oder im Sessel, wenn er sie besucht. "Mein eigenes Schicksal relativiert sich, wenn ich ihre Geschichten höre", sagt er. Viele verwahrloste Wohnungen hat er gesehen; seine ist aufgeräumt, der Laminatboden glänzt.