Am Sonntag eröffnete der irische Gesundheitsminister Leo Varadkar in einem Radiointerview, dass er schwul sei. Einen Tag später erklärte die Irish Times, warum das im übrigen Europa kaum jemanden interessierte, und zählte sechzehn europäische Politiker auf, die sich allesamt längst öffentlich zu ihrer Homo-, Bi- oder Transsexualität bekannten haben: von der einstigen isländischen Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir und dem belgischen Ex-Premier Elio Di Rupo über den früheren Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit und den amtierenden luxemburgischen Premier Xavier Bettel bis zur transsexuellen polnischen Abgeordneten Anna Grodzka und dem britischen Konservativen Guy Vaughan Black, der als Baron Black of Brentwood im Oberhaus sitzt und mit einem früheren stellvertretenden Privatsekretär von Prinz Charles zivilrechtlich verheiratet ist. 

Leo Varadkar jedoch war der erste in Irland: In der regierenden Klasse der Republik, katholisch geprägt und oft durch Familienbande eng verwoben, hatte diesen Schritt bislang niemand riskiert.

Auf der Insel wurde das Bekenntnis des Gesundheitsministers dementsprechend zum Großthema: Nach dem Radiointerview erschien das entspannt strahlende Gesicht Varadkars in allen Zeitungen. Der Irish Examiner verkündete auf seiner Titelseite: "Wir sind bereit für einen schwulen Taoiseach."

Leo Varadkar gilt als ehrgeizig. "Einer der fähigsten Politiker seiner Generation", schrieb Fiach Kelly in der Irish Times. In seiner Partei, der konservativen Fine Gael, wird er als künftiger Chef und möglicher Taoiseach, also Premierminister, gehandelt. 

Wohlkalkuliertes Outing

Varadkar ist jung. Das Radiointerview mit seinem Coming-out fand an seinem 36. Geburtstag statt. Ein halbes Jahr habe er über den richtigen Zeitpunkt nachgedacht, verriet er der in Irland bekannten Moderatorin Miriam O’Callaghan: "In der Politik ist es schwierig, den richtigen Moment zu finden, weil die Leute immer denken, man habe Hintergedanken bei dem, was man tut. Ich wollte es also zum Beispiel nicht machen, als das Kabinett umgebildet wurde, damit man mir nicht unterstellt, ich wollte mich damit für einen besseren Posten in Stellung bringen. Und ich wollte es auch nicht tun, wenn es gleichzeitig ein Problem in meinem Gesundheitsressort gibt, damit die Leute nicht sagen, ich wollte davon ablenken."

Wer so sorgfältig kalkuliert, hat ein feines Gespür für die Stimmung im Lande. Die schlug sich denn auch überwältigend auf die Seite des Politikers: Noch während des Live-Interviews riefen begeisterte Zuhörer beim Sender RTE an. Eltern bedankten sich, dass der Mut Varadkars ihren schwulen Kindern helfe. Irish-Times-Journalist Fiach Kelly erhob das Interview gar zum historischen Moment. Es werde in die irische Geschichte eingehen "als ein Wegweiser dafür, dass wir als Land reifer werden".

Mit seinem Bekenntnis hat der schwule Minister seiner Karriere also offensichtlich nicht geschadet. Dennoch ist "mutig" das häufigste Wort derer, die Varadkar loben. Denn Irland bleibt ein katholisches Land. Katholische Moralvorstellungen wirken oft noch bestimmend. Das zeigte sich erst vor drei Jahren drastisch bei einem anderen Streitthema: der Abtreibung. Im Oktober 2012 starb die schwangere Savita Halappanavar, eine 31-jährige Zahnärztin indischer Herkunft, im Universitätskrankenhaus von Galway an der irischen Westküste. Sie hatte starke Beschwerden, bat mehrfach um eine Abtreibung. Die Krankenhausärzte jedoch weigerten sich mit dem Hinweis, Irland sei schließlich ein katholisches Land. Eine Untersuchung zeigte, dass Halappanavar an einer Blutvergiftung gestorben war, verursacht durch den in ihrer Gebärmutter gestorbenen Embryo, den abzutreiben sich die Ärzte geweigert hatten.