Christ & Welt: "Lediglich ein Viertel der deutschen Bevölkerung nimmt den Islam als potenzielle Bereicherung wahr", heißt es in Ihrer Studie. Alarmierend, oder?

Kai Hafez: Absolut! Wenn man das vergleicht mit der positiven Resonanz, die andere Religionsgruppen bekommen, ist das ein außergewöhnlich schlechter Wert. Er zeigt, dass die Muslime in der Mitte der Gesellschaft noch nicht angekommen sind, sie werden weder respektiert noch als Bereicherung empfunden – ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die sich für aufgeklärt und tolerant hält.

Sabrina Schmidt: Und wenn man bedenkt, dass nur etwa vier Millionen Muslime in Deutschland leben und dass es relativ wenig Kontakt zwischen Mehrheits- und Minderheitsbevölkerung gibt, ist das Bedrohungsempfinden aufseiten der Mehrheit umso alarmierender. Nur wenige glauben, dass die große Gruppe der Muslime einen wünschenswerten kulturellen Beitrag leistet.

C & W: Überraschen Ihre Ergebnisse Sie?

Schmidt: Aus anderen Studien wissen wir, dass viele den Islam mit Frauenunterdrückung verbinden, mit Gewaltbereitschaft und religiöser Intoleranz, mit einer Unfähigkeit zur Demokratie und liberalen Werten. So sind unsere Ergebnisse im Ganzen beängstigend und definitiv problematisch, aber nicht überraschend.

Hafez: Tatsächlich sind sie extrem alarmierend, weil es sich hier um die größte religiöse Minderheit dieses Landes handelt. Unsere demokratischen Strukturen sind zwar gefestigt, aber unsere Toleranzfähigkeit hat damit nicht mitgehalten.

C & W: Belegen die Zahlen eine Gefahr für den inneren Frieden in Deutschland?

Hafez: Auf jeden Fall. Sosehr man AfD-Politiker wie Alexander Gauland kritisieren kann – er hat immerhin erkannt, dass es eine Kluft gibt zwischen einerseits
der systemischen Akzeptanz von Minderheiten, die sich etwa für Gleichberechtigung der Religionen einsetzt, und andererseits einem stagnierenden Unbehagen gerade gegenüber dem Islam. Das heißt, wir beobachten eine immer größer werdende Kluft zwischen politischem System und Gesellschaft. Da entstehen Reibungsflächen.

C & W: Kann man wirklich behaupten, die öffentliche Meinung sei fremdenfeindlich und islamophob?

Hafez: Die überwiegende Mehrheit hält sich für nicht fremdenfeindlich, etwa die Hälfte der Deutschen hat aber islamfeindliche Einstellungen. Die Islamwahrnehmung hinkt eindeutig hinter der Akzeptanzfähigkeit der postmodernen liberalen Gesellschaft hinterher. Der Islam bleibt eine Art Restfeindbild unserer aufgeklärten Gesellschaft. Und ich mag nicht an die These von Philosophen wie Carl Schmitt glauben, dass jede Form von Gesellschaft derartige Feindbilder benötigt.

C & W: Wie beeinflusst der Lebens‧standard die Einstellung zum Islam?

Schmidt: Allgemein nimmt man ja an, dass gerade die Abstiegsängste der Mittelschichten Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie verursachen. Tatsächlich verspüren die, die sich in den mittleren Schichten verorten, starke Bedrohungsängste, etwa jeder Zweite von ihnen. Aber bei denen, die sich nach unten einordnen, haben 75 Prozent diese Ängste. Und von denen, die sich ganz oben einordnen, also von den gesellschaftlich Privilegierten, fühlen sich 75 bis 80 Prozent bedroht.

C & W: Warum hat der Millionär etwas gegen den Muslim?

Schmidt: Weil es relativ wenig Kontakt gibt zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen, dies gilt auch für die privilegierten Schichten. Da fehlt einfach eine unmittelbare Islam-Erfahrung, die eine negativ verzerrte Medienberichterstattung korrigieren könnte. So nimmt man statt der unmittelbaren Erfahrung die Fern- und Fremdbilder wahr.

C & W: Die Medien sind also auch daran schuld?

Schmidt: Nicht allein. Aber sie bestimmen die Auswahl der Themen, das, worüber man sich unterhält, und in welchen Horizonten man denkt. Also: mangelnde Kontakterfahrung und mangelndes Wissen.

C & W: Aber wir Journalisten müssen über Gräueltaten berichten, das ist unsere Aufgabe! Sollen wir den IS verschweigen?

Schmidt: Nein, Nachrichtensendungen müssen ereignisorientiert berichten. Aber man sollte andere Formate stärker nutzen, um diesen negativen Berichten etwas entgegenzusetzen. Die allerwenigsten Muslime sind extremistisch! Die meisten sind friedliche Gesellschaftsmitglieder, für die ihre Religion gar nicht mal immer zentral sein muss. Der Mediendiskurs als ganzer müsste differenzierter sein.

C & W: "Der Islam wird überwiegend als gewalttätig, intolerant und repressiv wahrgenommen", heißt es in Ihrer Studie. Kann man das nicht auch verstehen – angesichts der weltpolitischen Lage?

Hafez: Nein. Eigentlich nicht.

C & W: Wieso?

Hafez: Auf der Seite der Medien ist klar zu sagen: Sie könnten auch anders berichten und andere Akzente setzen – trotz des Islamischen Staats und Boko Haram. Bei 1,5 Milliarden Muslimen gibt es noch anderes zu berichten als nur über Entführungen, Überfälle und Attentate.