Die Attentate von Paris haben in Israel zu einer doppelten Identifizierung geführt – mit den Franzosen und mit den französischen Glaubensbrüdern. Da ist die Abscheu vor islamistischem Terror, dem man ja selber seit Langem ausgesetzt ist, da ist das Mitgefühl für die vier Opfer im koscheren Supermarkt in Paris. Sie waren als Zielscheibe ausgesucht und ermordet worden, weil sie Juden waren. Als Yohan Cohen, Philippe Braham, François-Michel Saada und Yoav Hattab vorige Woche in Jerusalem beerdigt wurden, strömten Tausende Israelis zu ihren Gräbern. Das Fernsehen hat die Zeremonie live übertragen, die zu einem Staatsakt wurde.  

Die Anteilnahme der Bevölkerung war echt und tief. Zugleich aber gab es auch Kritik an Premierminister Benjamin Netanjahu, weil dieser sowohl auf die Beerdigung der jüdischen Opfer in Israel gedrängt haben soll, ebenso wie zuvor auf seine Anwesenheit in der ersten Reihe beim großen Solidaritätsmarsch in Paris. Und dass er dann bei der Gelegenheit gleich noch die französischen Juden zur Einwanderung nach Israel aufrief, führte zu einer Debatte darüber, was diese dazu bringen sollte, ins Gelobte Land zu ziehen.   

Zur Einwanderung aufzurufen, sei ja an sich nichts Falsches, befand Yoaz Hendel in Yedioth Aharonot. Der Grund dafür sollte aber sein, dass man gerne und aus freien Stücken nach Israel kommen wolle, um teilzuhaben an der Mitgestaltung der Zukunft; aus einer wohlüberlegten freien Entscheidung heraus also, nicht aus Angst. Man könne zudem nur schwer argumentieren, konterte Hendel weiter, dass Israel wirklich ein viel sicherer Ort für Juden wäre als Frankreich. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Anschlag getroffen zu werden, sei doch hier ungleich höher.

Flucht ist nicht angesagt

Auch der ehemalige Vorsitzende der israelischen Einwanderungsbehörde Natan Scharansky distanzierte sich von Netanjahus Aufruf – gerade zum jetztigen Zeitpunkt. Denn damit würde man sich doch bloß zum Verbündeten der Gewalttäter und all der anderen Antisemiten machen. Flucht sei nicht angesagt. Andere, darunter auch bereits eingewanderte französische Juden, befanden: Bleibt erst einmal noch, man brauche doch schließlich auch eine starke Diaspora.   

Dennoch haben die Pariser Attentate einen Prozess beschleunigt, der schon länger in Gang ist. Mehr französische Juden denn je denken jetzt zumindest darüber nach, ihr Land zu verlassen. Andere haben es bereits getan. Allein 2014 kamen knapp 7.000 nach Israel, das waren doppelt so viele wie im Jahr davor. Damit überrundeten die französischen Einwanderer zahlenmäßig erstmals jene aus den Vereinigten Staaten und der ehemaligen Sowjetunion. 2015 werden 10.000 erwartet. Manche reden davon, dass in der nächsten Dekade die Hälfte aller französischen Juden auswandern könnte. Dabei gelten aber auch New York, Kalifornien und Australien als mögliche Zielorte.

In Israel leben mittlerweile 75.000 französische Juden. Fast die Hälfte kam nach 2000. Sie haben sich vor allem in Netanja niedergelassen, das manchem schon als Belleville am Mittelmeer gilt. Aber auch in Ashdod, Jerusalem und Tel Aviv lassen sich viele Franzosen nieder. Die Neueinwanderer gehören häufig der älteren Generation an, die in Israel schon lange Verwandte hat. Diese waren einst direkt aus Nordafrika eingewandert, während sie selbst damals nach Frankreich gegangen waren. Manche ziehen nun im Ruhestand auch ihren Kindern hinterher, die sich im Zuge der zweiten Intifada durch ein immer feindseligeres gesellschaftliches Klima zunehmend unwohl gefühlt hatten  – und nach der Ausbildung den Sprung in ein neues Leben in Israel wagten.