Bill de Blasio muss es den New Yorkern noch einmal genau erklären: "Ein Lieferservice-Fahrrad ist kein Noteinsatzwagen." Der Bürgermeister der US-Metropole hat bis auf Weiteres wegen des Schneesturms Juno eine allgemeine Straßensperre nach 23 Uhr (5.00 Uhr Dienstagmorgen in Deutschland) verhängt. Mitglieder der Stadtregierung, Ersthelfer, unerlässliche Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, sie seien die einzigen Menschen, die danach noch auf den Straßen fahren dürfen, kündigte de Blasio an. "Nichts, das mit Freizeit oder Bequemlichkeit zu tun hat, Take-out-Essen oder Kinobesuche – das machen wir nicht", mahnte er seine Bürger. "Ab 23 Uhr gilt: Aus dem Weg, damit wir die Stadt absichern können."

In New York – wie auch in weiten Teilen des amerikanischen Nordostens – herrscht Ausnahmezustand. Fast einen Meter Neuschnee und Wind in Hurrikan-Stärke könnte Juno bringen. Die Stadt ist fürs Snowmageddon gerüstet: Schulen, Verwaltungsgebäude, viele Büros, Yogastudios und Friseursalons bleiben am Dienstag geschlossen. U-Bahnen und Busse fahren seit 23 Uhr New Yorker Zeit ebenfalls nicht mehr. Mehr als 7.000 Flüge wurden bis einschließlich Mittwoch insgesamt gestrichen. Stromausfälle sind zu befürchten. Bereits am Montagnachmittag wurden Bankfilialen geschlossen. Die Menschen kaufen die Supermarktregale leer. Am Broadway blieben die Bühnenlichter aus, die Basketballspiele der New York Knicks im Madison Square Garden und der Brooklyn Nets in der Barclays Arena wurden vertagt.

Für Bill de Blasio, erst seit gut einem Jahr im Amt, ist es eine wichtige Schneeprobe. In New York ist es geradezu Tradition, die Bürgermeister heftig dafür zu kritisieren, wie sie mit den wiederkehrenden Schneemassen fertig werden – oder eben auch nicht. Im Jahr 2010 war es ausgerechnet de Blasio, der dem damaligen Bürgermeister Michael Bloomberg vorwarf, er habe die äußeren Stadtbezirke wie Brooklyn und Queens bei der Schneeräumung erheblich vernachlässigt.

Im Januar vergangenen Jahres musste der damals frisch eingeschworene Regierungschef der Stadt dann selbst zugeben, dass in einigen Stadtteilen nicht schnell genug aufgeräumt wurde. Dabei ging es allerdings um die Schneeberge an der schicken Upper East Side, während im Brooklyner Park Slope, dem Heimatbezirk von de Blasio, schon längst wieder die Straßen frei waren.     

Besuch von Mutter Natur

Dieses Mal soll de Blasio es also besser machen. Denn nicht zuletzt hat er gerade mit den Polizeiprotesten sowieso schon genug Ärger am Hals. 1.800 Schneepflüge und 255.000 Tonnen Salz wurden bereitgestellt; 2.400 Mitarbeiter der New Yorker Stadtreinigung sind seit Freitagabend in Zwölf-Stunden-Schichten im Einsatz. "Dies könnte der schlimmste Schneesturm in der Geschichte der Stadt werden", hatte der Bürgermeister bereits am Sonntag gewarnt. Viele New Yorker waren sich bis zuletzt nicht sicher, was sie davon halten sollen. Schließlich hatte Supersturm Irene sie 2011 eher enttäuscht, während Hurrikan Sandy sie nur ein Jahr später umso mehr erwischte.

"Mutter Natur hat sich entschieden, uns wieder einmal auf extreme Weise zu besuchen", mahnte auch der Gouverneur des US-Bundesstaates New York, Andrew Cuomo. "New Yorker, wir sind zäh, aber das hier sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es könnte um Leben und Tod gehen – und damit bin ich nicht überdramatisch."  

Meteorologen zufolge wird das Schlimmste für die Zeit zwischen Mitternacht und Dienstagmittag Ortszeit (6.00 bis 18.00 Uhr deutscher Zeit) erwartet. Wer nicht unbedingt muss, sollte in der Zeit nicht das Haus verlassen. Viele Bürger nahmen es trotzdem eher gelassen. "Der U-Bahn-, Bus- und Bahn-Service ist nach 23 Uhr ausgesetzt. Woanders wäre das halt jeden Tag so", meint der Brooklyner Gus Goldsack. New Yorker zelebrieren ihre Stadt, auch – oder erst recht – im Blizzard.

Back-up-Systeme seit Sturm Sandy

Einzig weniger betroffen von dem Schneesturm ist bisher die Wall Street. An den US-Finanzmärkten soll business as usual herrschen; der Börsenhandel ist bisher nicht ausgesetzt worden. Die Betreiber der New York Stock Exchange, der Technologiebörse Nasdaq wie auch von Bats Global Markets haben jüngsten Angaben zufolge nicht vor, am Dienstag normal zu öffnen. Um die problematische An- und Abreise zu umgehen, haben sich einige Händler vom Parkett der NYSE kurzerhand in Hotelzimmern im Finanzdistrikt eingemietet.    

Viele müssen aber auch gar nicht mehr vor Ort sein, weil der Handel heutzutage dank moderner Computertechnik weitgehend digital verläuft. "Wenn sie aufhaben, sind wir bereit", sagte Aktienhändler Joe Saluzzi von Themis Trading der Agentur Bloomberg. "Jeder hat mittlerweile Back-up-Systeme seit Hurrikan Sandy und anderen Stürmen in den letzten paar Jahren." 2012 musste bei Sandy der Handel für zwei Tage ausgesetzt werden, so lange wie zuvor zuletzt im 19. Jahrhundert aus Gründen des Wetters. Während des letzten schweren Schneesturms in 2010 blieben die Börsen allerdings geöffnet, wenn auch das landesweite Handelsvolumen um knapp ein Fünftel einbrach. 

Zum ersten Mal ein Ei gekocht

Wie sehr sich Juno auf die US-Volkswirtschaft auswirken könnte, ist bisher noch nicht abzusehen. Vergangenes Jahr war das US-Wirtschaftswachstum angesichts einer herben Kältewelle im ersten Quartal um knapp drei Prozent eingebrochen. Für die ersten drei Monate dieses Jahres erwarten Experten derzeit noch ein Plus von rund drei Prozent.

Der Schneesturm hatte auch zunächst zumindest in New York City die Menschen in einen regelrechten Kaufrausch versetzt. Im Internet breiteten sich schnell spöttische Statusmeldungen und Bilder leer gekaufter Supermarktregale aus, etwa zur "Great Pre-Storm Kale Panic 2015" – dem großen Andrang auf das In-Gemüse Grünkohl vor dem Sturm. Am Montagabend fiel vielen New Yorkern, die häufig nicht eine Mahlzeit im Voraus denken, plötzlich ein, dass ein Grundvorrat zu Hause ganz praktisch sein kann. Der 26. Januar werde in die Geschichte eingehen als die Nacht, in der der "Mega-Blizzard" kam. "Aber auch die Nacht, in der einige nervöse New Yorker sich zum ersten Mal ein Ei gekocht und sich danach ziemlich großartig gefühlt haben", schrieb das US-Nachrichtenportal The Daily Beast süffisant. Auf ihren Lieferservice dürften sie mittelfristig dennoch nicht verzichten wollen.