Papst Franziskus mag seine Kirche lieber verbeult und menschennah als glänzend poliert und weltfremd, hat er gesagt. Und er weiß, dass sie verbeult ist, aber trotzdem weltfremd. In der hundert Jahre dauernden Kollision mit der Moderne hat ihre Knautschzone gelitten. Die Stoßstange fängt nichts mehr ab, die Lenksäule ist geknickt. Was die Hände am Steuer befehlen, kommt an den Rädern nicht mehr an. Die Bodenhaftung ist gefährdet.

Was das Lehramt sagt, hat für Gläubige kaum Bedeutung. Niemanden erregt es mehr, wenn Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, sagt, die Ehe sei unauflöslich, und auf Zweitehe stehe Eucharistieentzug. Das könne er nicht ändern, denn das komme von Jesus persönlich. Die Gesellschaft findet es okay, wenn eine Kirche nicht alle Überzeugungen aufgibt. Aber niemand erwartet mehr von einem Papst Orientierung für sein Leben. Mit dem Pillenverbot Pauls VI. in den sechziger Jahren hat die katholische Kirche die Lufthoheit über die Betten verloren.

Da versucht es Papst Franziskus mit Gestensteuerung. Er greift dem Rad in die Speichen. Und setzt auf persönliche Überzeugungskraft. Das bringt ihm Sympathien ein. Wie Martin Luther vor knapp 500 Jahren in der Wittenberger Stadtkirche liest er den Gläubigen die Leviten, am Morgen vor den Angestellten des Vatikans. Und auf Reisen per Pressekonferenz im Flugzeug. Wie Luther gibt er dem Volk Tipps für den guten Sex. Zweimal die Woche sei in Ordnung, soll der Reformator gesagt haben. Drei Kinder sind okay, mehr muss nicht, sagt Franziskus. Katholiken brauchten sich nicht vermehren wie die Kaninchen. Das ist konkret, das ist saftig, das klingt gut und gar nicht päpstlich – und es bricht ein Tabu.

Viele Kinder für die Erlösung

Ist Franziskus der katholische Reformator? Bewegt sich die Kirche? Liegt darin eine leise Kritik am Nein zur Pille? Noch vor einem Jahr hatte der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner erzkonservative, kinderreiche Katholiken gelobt: Jede ersetze ihm drei muslimische Familien. Das war katholische Volksfrömmigkeit von früher: Viele Kinder zu haben, wirkt irgendwie an der Erlösung mit. Ein Sohn wird Priester, zwei Töchter gehen ins Kloster. So wächst die Kirche. Geburtenplanung: Ja – so viele wie möglich. Deshalb, so lautete ein altes Vorurteil, seien Katholiken tendenziell arm und eher bildungsfern.

Mit Provokationen nach innen versucht Franziskus die an die rechte Leitplanke driftende Kirche auf einen mittigen Kurs zu bringen. Er weiß, wie schwer das ist. Hinter seinem rustikalen Kaninchenvergleich steht eine Bischofssynode über Ehe und Familie im vergangenen Herbst. In neun Monaten wird sie fortgesetzt. Sie hat gezeigt, dass eine Mehrheit der Bischöfe eine neue Sexualmoral will, die die Menschen von heute und ihre Lebensumstände ernst nimmt. Aber eine einflussreiche Minderheit mag um keinen Preis Änderungen hinnehmen. Der hundertjährige Kollisionskurs zeigt seine Folgen.

Franziskus will seine Kirche nicht spalten. Deshalb nimmt er Rücksicht auf die konservative Gruppe. Luther war da unbefangener. Und entschlossener. "Das Wort Gottes muss zu Felde liegen und streiten", sagte er. Deshalb sollten die Meinungen ruhig aufeinanderprallen, auch wenn es Verletzungen gebe. Reformatoren dürfen nicht zu behutsam agieren.