Sie tragen noch stapelweise Stühle hinein in den Saal der Pressekonferenz, aber es reicht einfach nicht, am Ende müssen doch noch einige Journalisten stehen. Weit über hundert sind gekommen ins Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und hoffen auf Antworten auf die Frage: "Wer ist Pegida?"

Riesig ist das Bedürfnis der Öffentlichkeit, die Dresdner Demonstrationen zu greifen zu kriegen, sie einordnen zu können. Nach etlichen Bevölkerungsumfragen in den vergangenen Wochen (Sympathisieren Sie mit denen? Haben Sie auch Angst vor der Islamisierung?) folgen nun Schlag auf Schlag Veröffentlichungen von Wissenschaftlern zu den Protestierenden selbst. Doch sie alle können nicht wirklich die Frage beantworten, wer Pegida ist.

Vergangene Woche schon erklärte ein Team der Technischen Universität Dresden, der typische Pegidist sei männlich und 48 Jahre alt und eigentlich ganz normal. Stimmte aber nicht, denn 65 Prozent der befragten Demonstranten wollten auf die Forscherfragen gar nicht antworten. Die Ergebnisse waren also alles andere als repräsentativ. Weswegen sich eine kleine Debatte über die Seriosität der Studie entspann. Im Wissenschaftszentrum Berlin machen sie diesen Fehler nicht. "Wir können nichts über den typischen Pegida-Teilnehmer sagen", erklärt Studienleiter Rucht gleich zu Beginn.

Ist das noch Wissenschaft oder schon Straßenumfrage?

Eigentlich könnte die Pressekonferenz damit ja schon zu Ende sein, denn was soll man mit Ergebnissen, die eben nicht verallgemeinerbar sind. Es bleiben aber alle sitzen und hören zu, wie die vier Forscher auf dem Podium ihre Studie erklären (hier ein Handout der Ergebnisse). Vierzehn Teams aus jeweils zwei Leuten haben vergangenen Montag bei Pegida Teilnahmezettel für eine Online-Umfrage verteilt. 1.800 Personen wurden dafür angesprochen, nur 670, also rund jeder Dritte, nahm überhaupt einen Zettel an, die anderen wollten damit nichts zu tun haben. "Ihr werdet doch bezahlt!", riefen sie, oder machten gleich keinen Unterschied mehr zwischen "Lügenpresse" und "Lügenwissenschaft". Von den 670 nahmen dann 123 tatsächlich an der Umfrage teil. Also präsentieren die Forscher hier keine Ergebnisse über Pegida, sondern über diese 123 Menschen. Ist das noch Wissenschaft oder schon Straßenumfrage?

Es ist noch Wissenschaft, weil Rucht und die anderen ihre Methoden transparent machen und nie mehr Aussagekraft behaupten, als ihre Ergebnisse wirklich haben. Es ist aber dann auch ziemlich egal, dass beispielsweise 89 Prozent der Umfrage-Teilnehmer jetzt AfD wählen würden. Denn diese Gruppe ist ja total verzerrt. Jüngere nehmen eher an Online-Umfragen teil, außerdem Gemäßigtere und Gebildete, weil diese weniger Vorbehalte gegen Wissenschaftler haben. Vor allem junge Männergruppen hätten sich verweigert, berichten die Forscher. Und zwar solche, deren Kleidung auf eine Zugehörigkeit zur Hooligan- oder rechtsextremen Szene schließen ließ.

Im Bemühen der Öffentlichkeit, schnell Antworten zu bekommen auf die Pegida-Fragen, und im Bemühen eines Teils der Wissenschaft, diese Antworten zu liefern, ist längst ein ziemliches Durcheinander entstanden: Ruchts 123 Befragte passen nicht zu den 400 Pegidisten, von denen die Dresdner Forscher Antwort bekamen. Und beide passen wiederum nicht zu den 500, die der Göttinger Politologe Franz Walter befragen ließ. Er veröffentlichte sein "Psychogramm der Pegida-Anhänger" auch am heutigen Montag, bei Spiegel Online. In Walters Gruppe waren 37,3 Prozent Angestellte, in Ruchts Gruppe über 55 Prozent Angestellte oder Beamte, bei der Dresdener TU-Studie waren es 50.

Liegt nun die Wahrheit einfach in der Mitte, ergibt sich ein Pegida-Gesamtbild, wenn man nur genug Studienergebnisse übereinander legt? Nein, auch die Summe dieser Ausschnitte kann nur ein Ausschnitt sein.

Sie kriegen den Mund nicht auf

So ergeben die Studien in der Summe höchstens ein Bild derjenigen, die auskunfts- und gesprächsbereit sind. Es dürften auch diejenigen sein, die man politisch erreichen, zum Dialog über ihre Motive ermutigen kann. Diese Gruppe der Auskunftsfreudigen ist zwar wissenschaftlich zu klein, um verallgemeinerbare Urteile zuzulassen. Aber ihre Motive und ihre soziokulturellen Hintergründe sind interessant für Politiker und Menschen, die die diffusen Motive der Pegida-Demonstranten wenigstens im Ansatz verstehen wollen.

Wer hingegen schweigend marschiert, ist kein Teilnehmer des öffentlichen Gesprächs mehr, sondern bestenfalls egal und schlimmstenfalls ein Gegner.