Eine Hinrichtung wie die eingangs geschilderte war ein gewaltiges, alles durchdringendes Erlebnis! Sie war alles zugleich: Hölle, Verdammnis und Erlösung, äußerste Gewalt und Verheißung von Gnade. Zerschlagen und zermartert fuhr der Sünder zum Opferstein. Dort zerteilte man seinen Leib. Das Volk schrie und jubelte, weinte und fluchte, war außer sich und ganz auf sich zurückgeworfen. Die dabei waren, erzählten es noch ihren Urenkeln.

Heute ist das anders. Den Tod als "Strafe" führt uns im Internet der Islamische Staat vor. Henkern solcher Art fehlt ersichtlich die Würde und Selbstgewissheit eines ordentlich seinen Dienst versehenden beamteten Abdeckers und Leichenwäschers, Henkers und Parias. Sie sind, für jeden erkennbar, außer Kontrolle geratene Mordgesellen, nicht unähnlich denen, die vor siebzig Jahren die "Polenstrafrechtsverordnung" exekutierten (eine 1941 in "Gesetzes"-Form verfasste Mordanleitung, wonach praktisch jede beliebige Tat von Polen oder Juden in den besetzten Ostgebieten mit dem Tod bestraft werden konnte). Bei ihrem Anblick graust es dem ordentlichen Henker. Aber warum?

In den Vereinigten Staaten von Amerika, der Heimstatt der Tapferen, stechen mancherorts Maschinen Gift in jene Menschen, die von Laien-Jurys zum Tod verurteilt wurden. An anderen Orten der Welt legen gleich mehrere Personen einen Schalter mit Starkstrom um, damit später keiner von ihnen weiß, wessen Handlung das Gehirn des Verurteilten verschmorte. Auch Erschießungskommandos bestanden meist aus einer Mehrzahl von Schützen. Die Henker sollen nicht an posttraumatischer Belastungsstörung erkranken und sich vor ihren jeweiligen Göttern auf den Zufall und den Zweifelssatz herausreden können.

Das ist, einmal mehr, der ebenso erbärmliche wie großartige Unterschied zwischen Mord und Pflicht. Er ist dem Opfer der Exekution in der Regel ganz gleichgültig – keineswegs aber dem Volk, wenn es bei Sinnen ist.

Denn über einen uns lang erscheinenden Zeitraum hinweg hat sich durch intensives Nachdenken und Beobachtung, durch Leid und Gegenwehr, durch Interessen und Gegeninteressen, in den "modernen" Teilen der Welt eine Vorstellung vom Staat entwickelt, der eine Obrigkeit nicht gegen Untertanen, sondern für Bürger sein soll. Wenn ein solcher Staat als höchste Gewalt nicht über die Körper seiner Insassen verfügen darf wie ein aztekischer Gottkönig, dann muss er die Voraussetzungen schaffen, alle Bürger wirkungsvoll vor seinem eigenen vernichtenden Zugriff zu schützen. Das ist die Geburtsstunde der Menschen- und Bürgerrechte und des Rechtsstaats-Gedankens. Nach Art. 20 Abs. 4 unseres Grundgesetzes besteht ein Widerstandsrecht gegen jeden, der eine hierauf gestützte staatliche Ordnung abschaffen will. 

Es gibt faszinierende Zwischenstufen und Übergänge, an denen mit einer Inbrunst festgehalten wird, die fast kindlich anmutet: Die Masse der Zuschauer von Paris aus unserem Eingangsbeispiel ist in Amerika zum Beispiel ersetzt durch ein paar "demokratisch" bestimmte "Zeugen", die durch eine Panzerglasscheibe dem Sterben des Delinquenten zusehen und durch notariell besiegelte Unterschriften beglaubigen müssen, dass alles seine Ordnung hatte. Draußen vor dem Exekutionsgebäude laufen derweil Bürger im Kreis und geben ihre Meinung darüber zum Besten, warum die Todesstrafe eine Schande für den Rechtsstaat sei. Oder warum nicht. Ein weiter Weg vom Grève-Platz bis hierher!

Die Todesstrafe ist abgeschafft

Die Autoren des Grundgesetzes dachten: Der Staat ist keine Organisation von Rache und Vergeltung; er ist um der Menschen willen da, nicht umgekehrt. Wenn das so ist, gibt es keinen moralischen und keinen vernünftigen Grund für eine staatlich angeordnete und vollstreckte Todesstrafe. Es gibt natürlich persönliche, individuelle Gründe für ein Bedürfnis nach Vernichtung von Verbrechern. Sie können überwältigend stark sein, haben aber nichts mit staatlichen Zwecken zu tun. Eine Staatsgewalt, die solche Motive nicht zur Kenntnis nimmt, ist den Menschen fern. Eine Staatsgewalt aber, welche sie zu eigenen, staatlichen Zwecken erklärt, ist unmenschlich und unwürdig. Wenn schon die Folter gegen die Menschenwürde verstößt, dann erst recht die Todesstrafe. Denn der Staat darf sich nicht der Körper und der Persönlichkeit seiner Bürger bemächtigen und sie zum öffentlichen Zweck benutzen und zerstören. Der Mensch darf nicht zum bloßen Objekt der Abschreckung, Beruhigung oder Belustigung gemacht werden.

Damit ist noch nicht einmal die Ebene der Nützlichkeit erreicht. Die Nützlichkeit der Todesstrafe ist katastrophal schlecht: Sie schreckt nämlich niemanden ab. Sie führt keineswegs zu höherer Sicherheit: Die Anzahl der Schwerverbrechen (zum Beispiel Tötungsverbrechen) ist in Staaten, in denen sie verhängt und vollstreckt wird, genauso groß wie in anderen Staaten. Sie ist, entgegen den üblichen Vermutungen, sehr teuer. Ihre Vorbereitung, Überprüfung und Durchführung kostet, jedenfalls in den USA und anderen modernen Staaten, mehr als die Vollstreckung lebenslanger Haft – wenn denn ein Staat überhaupt berechtigt wäre, Leben und Tod seiner Bürger als "Kostenfaktor" vor irgendeinem fiktiven Rechnungsprüfer der Weltgeschichte abzurechnen. 

Die Todesstrafe trifft unvertretbar viele Unschuldige: In den Vereinigten Staaten wurden, so teilte der Gouverneur von Pennsylvania vor einer Woche mit, in den vergangenen vierzig Jahren mehr als 150 Personen (nach Wiederaufnahme-Verfahren) als unschuldig freigelassen, die zuvor zum Tod verurteilt worden waren.

Die Todesstrafe trifft – überall auf der Welt – vor allem Angehörige von Minderheiten, ungebildeten Bevölkerungsschichten, sozial randständige Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht gegen Beschuldigungen und Zuschreibungen zur Wehr setzen können, welche eine solche Höchststrafe nach sich ziehen. Alle Zahlen dazu liegen seit Jahrzehnten vor; man muss sie hier nicht wiederholen. 

Das Grundgesetz hat 1949 eine Entscheidung getroffen: Die Todesstrafe ist abgeschafft (Art. 102 Grundgesetz). Das war eine klare und endgültige Botschaft zum Abschluss eines Jahrzehnts, in dem der vom Staat selbst verwaltete Mord ein Meister aus Deutschland war. Und zum Beginn einer neuen Zeit. 

Trotzdem hörte die zunächst leise, dann immer wieder einmal lauter gemurmelte Forderung nach Wiedereinführung der Vernichtungsstrafe nie ganz auf. Der langjährige Vizepräsident des Deutschen Bundestags Richard Jaeger, Mitglied der SA ab 1933, des CSU-Parteivorstands bis 1981, Träger des Bayerischen Verdienstordens sowie des Großkreuzes des Bundesverdienstkreuzes, wurde für diese Forderung berühmt. Als Bundesminister der Justiz versah er sein schweres Amt im zweiten Kabinett Erhard (1965) Schulter an Schulter mit sieben vormaligen NSDAP-Parteigenossen. 1984 wurde er Leiter der deutschen Delegation bei der UN-Menschenrechtskommission. Herbert Wehner nannte ihn – Spaß muss sein – "Kopf-ab-Jaeger".

Die Chancen, dass Deutschland dem Vorbild Papua-Neuguineas und Gambias folgt und die T-Strafe wieder einführt, stehen auch heute, 17 Jahre nach Jaegers Tod, zum Glück nicht besonders gut. Schweift der Soziologe allerdings durch die Quartiere des bildungsbürgerlichen Grauens und fragt einmal mehr die Fragen aller Fragen: Sind Sie für oder gegen die Todesstrafe? Wie sollten Mörder und Kinderschänder oder Osama bin Laden bestraft werden?, dann ist das Ergebnis klar: Mal 46 Prozent, mal 51 Prozent, mal 42 Prozent sind dafür, Täter von schweren Gewaltdelikten hinzurichten. Besonders viele Arbeiter (60 %) sind dafür, und Ostdeutsche (58 %). Bei Taxifahrern und Imbissbuden-Betreibern sind es gefühlte 85 %; bei Psychologie-Studenten 1,0 %. Besonders schön ist die Zahl bei Jurastudenten: mehr als 30 Prozent der Erst- und Zweitsemester an der Uni Erlangen sind für die finale Lösung.