Über die Todesstrafe kann man mit dem Volk jederzeit und angeregt sprechen. Fernsehaufzeichnungen von Spontanbefragungen etwa zur Zeit der RAF-Morde oder nach schweren Gewaltverbrechen gegen Kinder sind bleibende Mahnmale dessen, was sich bei Bedarf mobilisieren ließe. Denn ist der Fantasie-Henker einmal in Fahrt und in der gefühlten Mehrheit, lässt er es in der Regel mit ein paar Giftspritzen oder Kopfschüssen nicht gut sein. Er möchte auf den Grève-Platz zurück und den Verbrecher eigenhändig häuten.

Auch die Vertreter der verschiedenen (Welt)Revolutionen hatten stets eine heftige Neigung zum staatlichen Töten: Demnächst, wenn man die Macht habe, so ließen K-Grüppler, Wehrsportler und Stadtguerilleros stets mitteilen, werde man die bürgerlichen Samthandschuhe im Umgang mit Volksschädlingen schon ablegen. Viele Millionen Menschen sind im letzten Jahrhundert in Erfüllung solcher Säuberungsaufträge des Weltgeistes getötet worden.

Deshalb, so wissen erfahrene Landeslisten-Politiker, wäre direkte Demokratie wohl von Übel. Andererseits: Gegen die "vorbeugende" Todesstrafe fällt dem transatlantischen Menschenrechtsfreund dann auch wieder nichts ein. War es eigentlich eine Todesstrafe, die gegen Bin Laden vollstreckt wurde? Sind es  urteilsvollstreckende Henker, die da seit vielen Jahren, mit freundlichen Grüßen von der deutschen IT-Industrie, ferngelenkte Raketen in Autokonvois oder Häuser in fremden Staaten steuern, weil unter zehn Unschuldigen nach zuverlässigen Quellen mindestens ein Schuldiger saß? Oder handelt es sich um eine Art von standrechtlichen Hinrichtungen im Krieg, mit Kollateralschäden? Wie ist es eigentlich mit Verteidigern von Law & Order, die sich mit Schnellfeuergewehren vor Fallen, die sie eigens aufgebaut haben, auf die Lauer legen, bis die ersehnte "Notwehrlage" eintritt (wie kürzlich Markus K. aus Montana)?   

Da schweigen des Taxifahrers Rechtsgelehrtheit und des Jurastudenten Präzision! Vielleicht müssten sie ja konsequenterweise die Todesstrafe für Drohnenführer und Vollstrecker "vorbeugender" Todesstrafen fordern. Aber das trauen sie sich nicht. 

Körper und Freiheit

Körperstrafen waren (und sind noch) Todesstrafen in kleiner Münze. Abschneiden von Körperteilen, Verunstalten des Aussehens, Erschwerung des physischen Überlebens: All das sind Abschwächungen eines auf Vernichtung des Körpers gerichteten Willens, Andeutungen jener letzten Gewalt.

Auch die frühen Freiheitsstrafen waren Vernichtungsstrafen. Man sperrte die Menschen nicht ein, um sie zu verwahren oder das Volk vor ihnen zu schützen, sondern um sie zu quälen und letztlich durch das Einsperren selbst zu töten. Sie wurden "hinabgelassen" in Gruben, Kerker und Verliese, aus denen es keine Wiederkehr gab.

Der Zugriff einer staatlichen Obrigkeit auf den Körper ihrer Untertanen änderte sich – nach und nach über einen langen Zeitraum – proportional mit dem Wert der individuellen Lebenszeit als Arbeitszeit. Ziemlich vereinfacht: Ein rational-absolutistischer Staat mag über die Gliedmaßen und über die Gesinnung seiner Untertanen noch herfallen wie der Schlachter über die Lämmerherde. Der bürgerliche Staat vermag das nicht, denn seine überlegene Kraft kommt – im Grundsatz – nicht aus der Biologie, also einer insektenartigen Klassifizierung von Lebensformen, sondern aus dem individuellen Menschen. Die Arbeits- und Ideenkraft des Einzelnen schafft, auf scheinbar wundersame Weise, den Reichtum und die unendlichen Möglichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft. Daher tritt, für die Darstellung und Empfindung (!) von Leben, neben das Geld als gedanklicher Zwilling die Zeit: Die Lebenszeit, die Arbeitszeit, die Zeit pro Produkt.

Das ist die Ursuppe der heutigen Freiheitsstrafen-Idee: Zeit als "allgemeines Äquivalent" im Austausch zwischen freien Bürgern. Dem Hindu-Heiligen ist Zeit vollständig gleichgültig, so wie dem Mönch, der nach Regeln lebt, die das Zeitbewusstsein zerstören sollen, oder wie dem mittelalterlichen Altarschnitzer. Wer im Takt der Ewigkeit lebt, für den hat "Zeit" keine Bedeutung.

So aber lebt der Mensch als Bürger nicht. Für ihn ist das Leben pure Zeit, als Quantum von Arbeitskraft und Geld: Was kostet eine Stunde Leben? Ihr höchstes, nicht mehr steigerbares Maß erlangt eine solche Zergliederung des Lebens in Zeitquanten im Gedanken der Freiheitsstrafe. Für die Insassen der Justizvollzugsanstalt ist Zeit das Universum, die Grundeinheit des Lebens, der alles beherrschende, zerfressende Gedanke: Wieviel Jahre, wieviel Tage, wieviel Minuten noch?

Als ich ein Kind war, gab es spannende Druckerzeugnisse wie "Lukullus" (beim Metzger) oder "Bäckerblume" (beim Bäcker). Dort fanden sich gezeichnete Witze, und immer waren Gefängniswitze darunter. Die Gefangenen trugen gestreifte Anzüge und saßen auf einem Hocker ohne Lehne. Sie taten nichts. An die weißen Wände hatten sie die Summen ihrer Wartezeit gemalt: Kerben, Striche, Fünferpacks. Jeder Strich ein Jahr. Andere Gefangene lebten ausgesetzt auf Südsee-Inseln, bloß dreißig Quadratmeter groß, mit einer einzigen Palme bestanden. Die Zeit-Striche waren bei dieser Variante der Gefangenschaft in den Stamm der Palme geritzt. Erst später erfuhr ich, dass ganz Australien so entstand. Dies wiederum ist sowohl lehrreich als auch tröstlich: lehrreich, weil es zeigt, dass das "Fortschaffen" der Kriminellen aus einer Gesellschaft – sei es durch Tötung, sei es durch Deportation auf ferne Inseln – rein gar nichts bewirkt. Tröstlich, weil es zeigt, dass aus Strafkolonien wunderbar funktionierende Gesellschaften entstehen können.

Einen Strafgefangenen auch nur einen Tag länger in Haft zu halten als die Vollstreckung zuließ, ist für die Strafjustiz ein desaströser Fehler, über den, wenn es schlecht läuft, vielversprechende Karrieren ein frühes Ende nehmen können. Es mutet fast absurd an. Denn damals, als ein Gericht befand, die Taten dieses Delinquenten seien "Sieben Jahre vier Monate" wert, und als der Bundesgerichtshof die Revision des Verurteilten mit der Begründung verwarf, das habe man "so oder auch so" sehen können: Sechs Jahre hätten es zwar auch getan, aber das Landgericht habe nun einmal so entschieden – da kam es aus Rechtsgründen auf ein Jahr mehr oder weniger nicht an! Um diesen Abstraktionsgrad des Gerechtigkeits-Begriffs zu erreichen (und zu verstehen), bedarf es nicht nur guten Willens, sondern auch einer etwas intensiveren Befassung mit den oben genannten Hinweisen. Es geht auch hier (und gerade hier) erneut um die Begrenzung von Gewalt.  

In der nächsten Woche folgt Teil 2: Über die Schuld. Was bedeutet und was bewirkt "lebenslang"?