Die Zahl der schutzsuchenden Flüchtlinge in Deutschland wird nach Einschätzung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in diesem Jahr um rund 50 Prozent steigen, berichtet die Bild-Zeitung. Die Behörde prognostiziert einen Anstieg auf mindestens 250.000 Erstanträge auf Asyl und weitere 50.000 Folgeanträge, bestätigte eine Sprecherin des Bundesamts ZEIT ONLINE. Das wäre der höchste Wert seit mehr als 20 Jahren. 1994 hatte die Zahl der Asylanträge dem Bericht zufolge bei rund 322.000 gelegen.

Die Zahl der Asylbewerber steigt seit Langem: 2014 wurden 202.834 Asylanträge gestellt, rund 60 Prozent mehr als 2013. Als Erklärung für die Entwicklung nennt das Bundesamt dem Bericht zufolge in seiner Prognose mit dem Titel Voraussichtliche Entwicklung der Zugänge von Asylbegehrenden unter anderem die Bürgerkriege in Syrien und im Irak sowie den Ukraine-Konflikt. Deshalb seien "deutliche Steigerungsraten" für das laufende Jahr zu erwarten.

Auch sind im vergangenen Jahr so viele Menschen aus Deutschland abgeschoben worden wie seit acht Jahren nicht mehr, insgesamt 10.884 Personen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor, über die die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet. Demnach ist die Zahl der Abschiebungen nach Jahren des Rückgangs 2014 das zweite Mal in Folge gestiegen. Höher war sie zuletzt 2006, als 13.894 Menschen abgeschoben wurden. 2013 war erstmals wieder die 10.000er-Marke überschritten worden (10.198 Abschiebungen).

Die Linken-Innenexpertin Ulla Jelpke warnte vor der geplanten Verschärfung des Ausweisungs- und Abschiebungsrechts. "Es ist ein Irrglaube, dass keine Asylsuchenden aus vermeintlich sicheren Ländern mehr kommen, wenn sie nur rücksichtslos genug abgeschoben werden", sagte sie der Zeitung. Jelpke kritisierte insbesondere, dass manche Ausländer vor der Abschiebung inhaftiert würden. "Um dieses System durchzusetzen, werden jährlich Tausende Menschen inhaftiert und abgeschoben – statt ihre Asylanträge zu prüfen, werden sie wie Verbrecher behandelt."

Derzeit leben in der Bundesrepublik mehr als 100.000 Geduldete – Menschen, deren Asylantrag keinen Erfolg hatte, die aus verschiedenen Gründen aber nicht abgeschoben werden. Die Regierung will ihnen mehr Chancen auf ein sicheres Bleiberecht geben, wenn sie seit mehreren Jahren hier leben, ausreichende Deutschkenntnisse haben und ihren Lebensunterhalt überwiegend selbst sichern können. Gleichzeitig sind aber auch zahlreiche Verschärfungen im Aufenthaltsrecht vorgesehen.

Zuwanderung aus EU-Staaten weiter hoch

Auch bei der Zuwanderung nach Deutschland hat es nach Angaben des Statistischen Bundesamts im ersten Halbjahr 2014 einen deutlichen Anstieg gegeben. Nach vorläufigen Ergebnissen kamen 667.000 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in die Bundesrepublik, die meisten davon (476.000) aus Europa. Die Zahl der Zuzüge von Deutschen stieg dagegen mit rund 56.000 gegenüber dem Vorjahr nur geringfügig um drei Prozent an.

85 Prozent der ausländischen Zuwanderer kamen aus Staaten der Europäischen Union. Hauptherkunftsländer waren Rumänien (98.000 Zugezogene), gefolgt von Polen (96.000) und Bulgarien (38.000). Der Zuzug ausländischer Menschen aus den Südländern der Eurozone, der mit der Finanz- und Schuldenkrise seit 2009 stark zugenommen hatte, war für Spanien nahezu unverändert (plus ein Prozent), für Griechenland eher rückläufig (minus sieben Prozent) und für Italien weiter ansteigend (plus 28 Prozent).

Den stärksten Anstieg unter den europäischen Ländern gab es aus Kroatien infolge des EU-Beitritts zum 1. Juli 2013. Unter den Nicht-EU-Staaten gab es die stärksten Zunahmen bei den Zuzügen aus Bosnien und Herzegowina sowie aus Serbien.