ZEIT ONLINE: Hat Deutschland ein Problem mit
Linksextremismus?
Klaus Schroeder: Nein. Der Linksextremismus ist keine Bedrohung, aber er ist vorhanden und viele Versatzstücke eines linksextremen Denkens sind in der Mehrheitsbevölkerung angekommen – ohne dass diese es als linksextrem assoziieren würde. Was mich aber schockiert hat, ist die gestiegene Zahl links motivierter Gewalttaten seit Anfang des neuen Jahrtausends. In der öffentlichen Wahrnehmung werden diese Gewalttaten auch unterschätzt, da der Verfassungsschutz zwischen links und linksextrem motivierten Gewalttaten unterscheidet und die links motivierten Taten in der detaillierten Betrachtung außen vor lässt.
ZEIT ONLINE: Woran machen Sie die Ausbreitung
linksextremistischen Denkens fest?
Schroeder: Wir haben die Aussagen von linksextremen Gruppen in ihrer ganzen Bandbreite ausgewertet, also von Autonomen über marxistisch-leninistische Strömungen bis hin zu Trotzkisten. Aus diesen Einstellungen haben wir dann eine Linksextremismus-Skala gebildet, analog zur Rechtsextremismus-Skala, die verschiedene Aspekte abfragt. Da es bislang keine Forschung dazu gibt, sind wir Pioniere. Das hat uns auch gewisse Schwierigkeiten bereitet. Am Ende hatten wir, mithilfe von infratest dimap, eine Skala von 20 Fragen: Als linksextrem gilt jemand, der 15 bis 20 Fragen zustimmend beantwortet. Wenn jemand also nur vier oder fünf Fragen entsprechend beantwortet, ist er kein Linksextremist.
ZEIT ONLINE: "Einzelne Aspekte eines linksextremen
Einstellungsmusters finden in der Bevölkerung erstaunliche Zustimmung",
schreiben sie. Und führen dann als Beispiele auch die Wahrnehmung tief verwurzelter Ausländerfeindlichkeit oder eines zu großen Einflusses der
Wirtschaft an. Solche Sorgen sind aber nicht gleich linksextremistisch?
Schroeder: Nein. Aber wenn sie gleichzeitig sagen, der Kapitalismus
führe automatisch zum Faschismus, sie die Demokratie ablehnen und die ganze
Bandbreite an entsprechenden Antworten aufweisen, lässt sich eine Einstellung erkennen. Nicht
die Antwort auf die einzelne Frage ist also entscheidend, sondern ob es ein Muster
gibt. Tief verwurzelte Ausländerfeindlichkeit zum Beispiel beobachten fast 50
Prozent unserer Befragten. Ein harter Linksextremist geht aber weiter und sagt: Die deutsche Ausländerpolitik ist
rassistisch. Dieser Ansicht sind aber nur neun Prozent. Oder es kann zu Überschneidungen mit rechtsextremen Einstellungen kommen, wie bei der von Medien
aufgegriffenen Ansicht von fast 20 Prozent, dass wir eine Revolution bräuchten.
ZEIT ONLINE: In ihrer Studie waren das am Ende vier Prozent,
die ein solches geschlossenes linksextremistisches Weltbild aufweisen. Insgesamt
sehen sie aber ein "linksextremes Potenzial" von 17 Prozent, weil
viel mehr Menschen einzelnen Aspekten zustimmen würden.
Schroeder: Diese 13 Prozent haben mehr als 50 Prozent der
Aussagen zugestimmt, sie haben also ein überwiegend linksextremistisches
Weltbild, kein geschlossenes. An einer Trennlinie zwischen linksradikal und
linksextrem würden wir diese Menschen als linksradikal bezeichnen. Im Kern sind
es aber nur vier Prozent, das Potenzial bezieht sich auf eine weit gefasste
Definition des Begriffs.
ZEIT ONLINE: Wo ziehen Sie denn eine Trennlinie, etwa zwischen Linksradikalismus und -extremismus?
Schroeder: Wenn die pluralistische Demokratie abgelehnt
wird, ist für uns Feierabend. Wenn jemand mit guten Argumenten nur den
Kapitalismus überwinden will, mag er radikal sein, aber ist eben kein
Extremist. Was uns bei dem Begriff des Extremismus sehr wichtig war: Er hat
seine Schwächen und ist ein sehr relativer Begriff, der immer aus der
Perspektive des gegebenen Systems formuliert ist. Im Nationalsozialismus oder in
der DDR galten beispielsweise Demokraten als Extremisten. Und auch die Mitte
kann extremistisch werden, etwa wenn sie keine Kritik mehr zulässt oder Andersdenkende in die Ecke stellt, die im Rahmen der Verfassung agieren. Zugespitzt wird die Mitte extremistisch, wenn sie etwas für alternativlos erklärt, ohne jetzt Angela Merkel
Extremismus unterstellen zu wollen.
In einer offenen Gesellschaft gibt es immer Alternativen, die diskutiert werden
müssen.
ZEIT ONLINE: In der medialen Wahrnehmung ihrer Studie wird trotz ihrer Entwarnung die Botschaft transportiert, es gebe ein großes Problem mit linksextremen Einstellungen. Was zeigt ihre Studie stattdessen?
Kommentare
wolfgang.schmidt
#1 — 23. Februar 2015, 21:41 UhrDanke
Gute Analyse
Best Friend Tabitha
#1.1 — 23. Februar 2015, 21:51 UhrGroßes Gefühlskino
Gutes Gefühl = gute Studie, da braucht man dann natürlich auch keine Argumente. Ob die Studie repräsentativ ist, sorgfälltig ausgeführt wurde, in den Ergebnissen differenziert und vor allem objektiv ist, ist dem Ergebnis natürlich nachrangig.
Best Friend Tabitha
#2 — 23. Februar 2015, 21:48 UhrAchso..
"Weil sich gezeigt hat, wie viel Zustimmung die Linksextremisten in einzelnen Bereichen haben. Dass zum Beispiel 33 Prozent alle Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen wollen, hätte ich nie für möglich gehalten. "
Wenn Flüchtlinge aufnehmen möchte oder ein Problem mit der Flüchtlingspolitik der EU hat (Stichwort Mittelmeer) ist man jetzt ein Linksextremist oder denkt wie ein Linksextremist. Das heißt Pegida und Co sind dann die Mitte?
Ich hoffe die Studie ist differenzierter, als solche Aussagen vermuten lasssen.
Kaffeebecher
#2.1 — 23. Februar 2015, 22:10 UhrFranziskus, der Altlinke ;-)
So ist das ja nicht dargestellt, man muss schon 10 von 20 Fragen zustimmen.
Wäre ja auch lustig, wenn der Papst jetzt zum Linksextremisten erklärt würde...
Tico77
#3 — 23. Februar 2015, 21:55 UhrHmmmm
Die Ergebnisse der Studie erscheinen teilweise wenig plausibel.
Womöglich resultieren die vollkommen überraschenden Ergebnisse auch aus der Methode, mit der sie erhoben wurden.
Teilzeitsarkast
#3.1 — 23. Februar 2015, 23:07 UhrDas sehen sie richtig...
Eine große Schwäche der quantitativen Sozialforschung besteht darin, dass sie wegen ihrer standardisierten Fragen nur das sieht, was sie unterstellt. Nämlich, dass Indikatoren ("Deutsche Außenpolitik ist rassistisch", "Kapitalismus führt zu Faschismus") gebildet werden müssen, um am Ende irgendetwas als rechts, links oder wasauchimmer zu qualifizieren.
Das mag für simple Fälle wie die Sonntagsfrage hilfreich sein, führt bei komplexeren Fragen aber oft zu mehr Unklarheiten als Erkenntnissgewinnen. Insofern sollte man diese Studie nicht zu ernst nehmen.
tuli_kupferberg
#4 — 23. Februar 2015, 21:58 UhrFragebogen
Kann man den Fragebogen irgendwo einsehen?
Als Marxist und Revolutionär bin ich da sehr interessiert ;-)
Till Schwarze
#4.1 — 23. Februar 2015, 22:27 UhrStudie
Sie können eine Langfassung der Studie möglicherweise bekommen - die Pressemitteilung finden Sie hier: http://www.fu-berlin.de/pres…
Mit besten Grüßen, Till Schwarze