Viele Menschen beklagen zwar, dass die Binnenkräfte, die Europa zusammenhalten, vor allem ökonomischer Natur seien. Sie haben aber, nach ihrem Identitätsverständnis von Europa befragt, selber wenig zu bieten. Dass die Europäer sich schwer damit tun, eine europäische Identität festzulegen, ist verständlich. Zu viele Einflüsse haben historisch den Kontinent geprägt.

Der Kontinent war zwar schon immer geprägt von regem Handel und Austausch – aber auch von vielen Kriegen. Es gibt keine Region in der Welt, in der so viele von der Fläche her kleine Länder eng beieinanderliegen und keine, deren Geographie so kleinteilig und ineinandergreifend ist. Europa müsste sich jetzt auf seinen Platz in der Welt als Drehkreuz zwischen Ost und West berufen.

Denn Europa kann sich eigentlich nur als regen Marktplatz der Welt, als Vielvölkerstaat mit zahllosen kulturellen, linguistischen und ökonomischen Verbindungen zur außereuropäischen Welt verstehen. Der Europäer ist, wenn er diese Offenheit zulässt, qua Geburt ein Multikulturalist. Es war der kürzlich verstorbene deutsche Soziologe Ulrich Beck, der als einer der ersten den Europäer als Kosmopolit gedacht hat. Doch für Beck bedeutete Europa nicht das Ende der alten Nationalstaaten. Das neue Europa könne vielmehr das alte in sich bergen und zugleich sanft verändern.

Das eine – die transnationale Identität – schließt nämlich das andere – die Herkunftsidentität – nicht aus. Mit dieser Einsicht können wir die große Angst vor einem transnationalen Identitätsbegriff besiegen, die in vielen Regionen Europas  geschürt wird, erst recht vor einem, der außereuropäische Fremde miteinschließt. Die Angst ist verständlich, denn es scheint zunächst schwer vorstellbar, dass die Erweiterung eines Identitätsbegriffs nicht gleichzeitig einem Verlust an anderer Stelle gleichkommt.  

Berlinerin, Atheistin, Europäerin

Unsere Aufgabe ist es deshalb, einen facettenreichen, multidimensionalen Identitätsbegriff zu etablieren. Einer Identität, die sich gleichwertig aus einem nahen Herkunftsbereich ("Berlinerin") speist, einer soziokulturellen und religiösen Zugehörigkeit ("atheistische Schriftstellerin") und einem geographisch weitergefassten Bereich ("Zugehörigkeit zu einem sich als heterogenes Staatengebilde verstehenden Europa"). Was bislang eher als exkludierend empfunden wurde, könnte in Zukunft integrierend verstanden werden. Wenn europäische Bürger sagen: Ich stamme aus einem Kontinent, in dem ich nicht nur jeden Tag Deutsch höre, nicht nur Nachbarn mit meiner Hautfarbe habe. Zu meiner Identität gehört es dazu, mehrere Sprachen zu sprechen und viele Sprachen ein wenig zu verstehen.

Ich lebe in einem Kontinent, der sich dem keineswegs toten, sondern von 500 Millionen Menschen täglich gelebten Multikulturalismus verschrieben hat.