Willkommen im Heiratsclub!

Mit jedem Kilometer, den wir uns Teheran nähern, wird das kräftige Nachmittagsblau des Himmels ein wenig grauer. Wie ein Schleier liegt der Smog über der Millionenstadt, die täglich an ihrem irren Verkehr zu ersticken droht. Ein unscheinbares Häuschen ist unser Ziel. Steil führt eine schmale Treppe in den ersten Stock. An den Wänden hängen riesige Spiegel, überall stehen Vasen mit künstlichen Blumen. Hinter einem Bürotisch döst ein Mann und nimmt eiligst seine bloßen Füße vom Tisch, als wir den Raum betreten.

"Willkommen im Heiratsclub!", sagt er auf Farsi und versucht ein offizielles Gesicht aufzusetzen. Dem alten Mullah zu seiner Rechten gelingt das eindeutig besser. Er macht mir allerdings dadurch auch ein wenig Angst. Während durch das Fenster die letzten Sonnenstrahlen Punkte an die Wände malen, ändert sich mein Familienstand innerhalb von 15 Minuten. Nur einige Fragen zu meinem Vater, wesentlich mehr Unterschriften auf mir unverständlichen Dokumenten – dann bezahlen wir eine "Heiratsgebühr" und sind verheiratet. Für drei Monate.

Alles begann erst vor einem halben Jahr. Alleine, auf der Suche nach Schönheit und innerer Ruhe reiste ich sechs Wochen lang durch den Iran, der mir eine neue Dimension von Gastfreundschaft zeigte, ein Land, an das ich schnell mein Herz verlor. Dass ich mich auch in einen Mann verliebte, war nicht geplant, erst Recht nicht, dass ich mich jetzt ohne das Wissen meiner Lieben in Deutschland in einem persischen Heiratsclub voller Kunstblumen befinde.

Ehevertrag zwischen 30 Minuten und 99 Jahren

Zeitehe, Genussehe oder persisch sigheh nennt sich diese schiitische Tradition, eine zeitlich begrenzte Form der Ehe, die zwischen 30 Minuten und 99 Jahren dauern kann. Alles wird vorher vertraglich festgehalten, vor allem der Geldbetrag, den der Mann der Frau bei ihrer Trauung auszuzahlen hat, die "Ehegabe", optional auch die Anzahl ihrer sexuellen Begegnungen. Der Ehevertrag lässt sich beliebig oft verlängern. Fruchtbare Frauen müssen nach Ablauf ihrer Vereinbarung allerdings zwei Menstruationszyklen warten, bis sie erneut heiraten dürfen – eine Bestimmung, die einer Zeit ohne Vaterschaftstest entstammt, um bei einer Schwangerschaft der Frau den Vater identifizieren zu können.

Abgedruckt sind solche Regeln in einem hellblauen Heftchen, der "Heiratsurkunde". Sie ist unser Freibrief für eine gemeinsame Reise und ein Hotelzimmer zu zweit.  Unverheiratet drohen nämlich sonst hundert Peitschenhiebe oder gar die Steinigung als Strafe für unehelichen Sex. Wir jedoch  sind verliebt und haben den Segen eines Mullahs.

Aber unser unkompliziertes Eheglück ist wohl eher die Ausnahme im Land, wie ich in einem persischen Filmprojekt über Zeitehen erfahre. Dort höre ich auch die Geschichte von Maryam*.

Zeitehe aus finanzieller Not oder aus gesellschaftlichem Druck

Maryam hatte sich mit ihrer Familie auf dem Land überworfen, war in die Stadt geflohen und stimmte wenig später einer temporären Ehe zu, um nicht auf der Straße zu landen. Damals wusste sie beinahe nichts über ihren Ehemann, der sie bald  als "Sexspielzeug" missbrauchte, weil seine permanente Ehefrau in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter für ihn im Bett uninteressant geworden war. Die Befriedigung seiner sexuellen Abenteuerlust war nun Maryams Aufgabe.

Um sich ein wenig Geld dazuzuverdienen, übernahm sie täglich die Pflege einer älteren Dame, die immer wieder versuchte, die hübsche, junge Frau zu einer Trennung zu bewegen. Doch Maryams Angst vor einem Leben in sozialer Isolation war zu groß und vor allem fürchtete sie, ihren inzwischen dreijährigen Sohn zu verlieren. Denn damit drohte ihr Mann, sollte sie sich seinem Willen widersetzen. Trotz ihrer verzweifelten Lage drückt sie Dankbarkeit für ihre Ehe aus, schließlich hätte sie mit ihrem Kind ein Dach über dem Kopf und Hunger müssten sie auch nicht leiden. Es war das erste Mal, dass sie davon erzählt, selbst Freunden hatte sie nichts gesagt.

Maryam ist kein Einzelfall. Oft werden solche Ehen geheim gehalten, sogar vor der eigenen Familie. Denn schnell fallen im Zusammenhang mit der Zeitehe auch die Worte "Entehrung" oder "Schande". Zwar gestattet die iranische Regierung die Zeithehe ausdrücklich, in der Bevölkerung ist sie jedoch verpönt.

Gesellschaftliches Stigma

Manchmal ist es finanzielle Not oder der gesellschaftliche Druck, manchmal auch einfach sexuelle wie emotionale Bedürfnisse, die die Frauen dazu veranlassen, sich zeitlich begrenzt an einen Mann zu binden. Manche Frauen wollen nach einer gescheiterten Ehe wieder Fuß fassen. Denn im Iran müssen Frauen ihren Scheidungswunsch gut begründen, um einen  Unterhaltsanspruch geltend machen zu können. Oft stürzen sie nach einer Trennung in Armut oder haben ihren "guten Ruf" verloren und müssen sich gegen die schamlosen Angebote von Männern aus ihrem Umfeld wehren. Sie sehnen sich danach, ihr gesellschaftliches Stigma abzuschütteln – und hoffen, eine neue Ehe könnte dabei helfen. Da aber viele Männer nur einer Jungfrau ihr unbefristetes Ja-Wort geben wollen, kommt meist nur eine Zeitehe infrage.

Die Chancen auf eine Dauer-Ehe schwinden mit jeder neuen temporären Vereinbarung und Frauen riskieren, in einen Teufelskreis zu geraten. Einige ertragen sie wie Maryam stillschweigend ihr Leid, andere stürzen sich von einer Ehe in die nächste. Dabei werden sie von Scham und Eifersucht geplagt. Meist müssen sie einen Mann mit anderen Frauen teilen. Mal fühlen sie sich als Versagerinnen, mal schuldig, weil sie die permanente Ehefrau ihres Mannes hintergehen. Oft weiß die nämlich nichts von den temporären Verträgen des Ehepartners  – eine Verpflichtung, sie darüber in Kenntnis zu setzen, gibt es für ihn nicht. Zeitlich befristet darf er so viele Frauen ehelichen, wie er will.

Iranische Männer finden temporäre Vergnügungen leicht in den Kontaktbörsen im Internet. Geschäftsmänner hinter den Kulissen übernehmen die Vermittlung, bei der "schön und jung" den höchsten Preis erzielt.

Ich sitze derweil glücklich und frei mit meinem Mann auf einer kleinen Insel am Lagerfeuer und grille frischen Fisch. Für Maryam und viele andere Frauen hingegen hat die Zeitehe ihren Traum von Unabhängigkeit und Glück zerstört.

* Name von der Redaktion geändert