Man darf sich Jörg Kachelmanns Exfreundin Claudia D. nicht als arme Frau vorstellen. Nachdem der Wettermoderator am 31. Mai 2011 vom Landgericht Mannheim von den Vorwürfen der Vergewaltigung und schweren Körperverletzung freigesprochen wurde – jener Vorwürfe, die sie mit einer Reihe nachgewiesener Lügen befeuert hatte, hat Claudia D. ihre Geschichte meistbietend verkauft. Die Geschichte eines Opfers.

Insgesamt 115.000 Euro hat sie für ein Exklusivinterview mit der Bunten sowie durch den Verkauf ihrer Filmrechte an den Schweizer Drehbuchentwickler Scriptproducer und die deutsch-amerikanische TV-Produktionsfirma Story House Production kassiert. Weitere 50.000 Euro hatte sie bis 2011 an privatem Vermögen gespart, sagte sie vor Gericht.

115.000 Euro Honorar, 50.000 Euro Erspartes: stellt man sich so jemanden vor, der Hilfe vom Staat nötig hat? Der Prozesskostenhilfe beantragt und sich somit jenes Instruments bedienen möchte, das früher einmal Armenrecht hieß, eben weil es armen Menschen vorbehalten sein soll, die sich die Teilnahme an einem Verfahren, die Rechtsanwaltsgebühren und Gerichtskosten nicht leisten können?

Claudia D. hat diese Hilfe für einen Zivilprozess 2012 beim Landgericht Frankfurt beantragt, der sie, legt man die üblichen Sätze zugrunde, rund 4.500 Euro gekostet hätte. Jörg Kachelmann hatte sie dort auf Schadensersatz in Höhe von 13.352,69 Euro verklagt, weil er aufgrund ihrer falschen Angaben bei der Polizei und Staatsanwaltschaft vier Monate in Untersuchungshaft verbracht hatte. Weil diese Zeit, weil der ganze folgende Rechtsstreit ihn um seine Existenz gebracht hatte. Die Schadensersatzklage war sein erster Versuch, nach dem Urteil auch außerhalb Mannheims rechtliches Gehör zu finden. Doch die Klage wurde abgewiesen, da er nicht beweisen konnte, dass Claudia D. "eine wissentlich unwahre oder leichtfertige Anzeige erstattet hat".

Es war eine Niederlage für Kachelmann nach dem Sieg im Strafprozess vorm Mannheimer Landgericht. Das hatte ihm zwar nur einen sogenannten Freispruch zweiter Klasse gewährt – im Zweifel für den Angeklagten, diesen aber mit der Feststellung verbunden, Claudia D. habe ihre "wiederholten Falschangaben (…) auch unter ganz erheblichem Beratungsdruck aufrechterhalten". Sie habe versucht, "durch strategische Selbstrepräsentation als 'glaubwürdige Zeugin' manipulativ auf die Vernehmung einzuwirken". 

Claudia D. sieht sich als Vorkämpferin

Der juristische Streit geht trotz der Niederlage Kachelmanns weiter: Nun beschäftigt sich das Oberlandesgericht Frankfurt als Berufungsinstanz mit seiner Zivilklage. Claudia D. ließ nach dem Urteil in erster Instanz über ihren Anwalt eine Erklärung verbreiten: Demnach sei die Entscheidung "leider auch nur ein verschwindend kleiner Sieg für alle gedemütigten, diffamierten, missbrauchten und misshandelten Frauen in diesem Land! Der Kampf muss weitergehen!"

Doch offenbar führt sie diesen Kampf mit unlauteren Mitteln. Die Prozesskostenhilfe wurde Claudia D. in Frankfurt damals tatsächlich gewährt – wie sich zeigen sollte, zu Unrecht. Das Landgericht war von ihrer Begründung des Antrags überzeugt: Claudia D. hatte von ihrem Anwalt darlegen lassen, dass von den Honoraren und dem vor zwei Jahren vor Gericht angegebenen Vermögen "bis auf einen kleinen Rest nichts mehr übrig" sei, wie es in einem Schriftsatz ihres Anwalts heißt, der ZEIT ONLINE vorliegt.

Alles Geld der Familie gegeben?

Dem Schreiben zufolge blieb Claudia D. nach Abzug der Steuern "noch so viel, dass sie sich bei den Menschen, sprich ihrer Familie, die sich mit ihrer bedingungslosen Liebe und Unterstützung durch die vergangenen schrecklichsten Jahre ihres Lebens getragen hat, auch auf finanziellem Weg bedanken konnte". So hätte sie das tiefe Bedürfnis gehabt, diesen Menschen, die ihr Leben gerettet hätten, etwas Gutes zu tun, und habe das "mit Hilfe von mehreren fünfstelligen Euro-Beträgen verwirklicht".

Ist es wirklich vorstellbar, dass Eltern, die ihrer Tochter glauben, vergewaltigt worden zu sein, von dieser als Dankeschön für die Loyalität und Liebe fünfstellige Geldbeträge annehmen?

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt konnte das offenbar nicht glauben und leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Claudia D. ein. Das mündete, wie ZEIT ONLINE jetzt erfuhr, sogar in einer Anklage wegen versuchten Betrugs. Vor zwei Wochen kam es vor dem Amtsgericht Frankfurt zu einer Hauptverhandlung, die dann nach Paragraph 153a, Absatz 2 der Strafprozessordnung eingestellt wurde: Claudia D. muss 1.000 Euro an einen gemeinnützigen Verein zahlen, damit wurde der strafrechtliche Vorwurf wegen geringer Schuld fallengelassen.

Der Paragraph 153 a, Absatz 2 ist übrigens jener Paragraph, dem Bernie Ecclestone seine Freiheit verdankt. Bloß ging es bei ihm um andere Summen: Der Formel-1-Chef musste 99 Millionen US-Dollar an die Staatskasse sowie eine Million Dollar an die Deutsche Kinderhospizstiftung zahlen. 

Kachelmann klagt gegen Medien

"Eine Überraschung ist das nicht", sagt Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn zu dem Fall. "Die falsche Opferrolle hat Frau D. offenbar geholfen, aus der Sache mit einem blauen Auge herauszukommen. Wollen wir nur hoffen, dass sie ihre dem Landgericht Frankfurt verschwiegenen Einnahmen wenigstens versteuert hat. Nach den bisherigen Erfahrungen mit ihr und ihrer Unterstützerin Alice Schwarzer würde ich nicht darauf wetten."

Der Fall Kachelmann beschäftigt auch fast vier Jahre nach dem Freispruch noch alle Beteiligten. Erst gestern begann in Köln eine weitere Verhandlung. Dort will Jörg Kachelmann die höchste Entschädigungssumme erstreiten, die es jemals in einem Verfahren dieser Art gegeben hat. Auf insgesamt 3,25 Millionen Euro Schadensersatz hat er die Bild-Zeitung samt Bild.de, den Focus und die Bunte verklagt – wegen schwerer Verletzung seines Persönlichkeitsrechts.

Zur Zahlung einer derartig hohen Summe, das ließ der Vorsitzende Richter Dirk Eßer durchblicken, wird es wohl nicht kommen. Gleichwohl sagte er, dass seine Kammer 47 Fälle möglicherweise schwerwiegender Persönlichkeitsrechtsverletzungen ausgemacht hat. Sollten sich die Parteien nicht gütlich einigen, ist die Urteilsverkündung für den 24. Juni anberaumt.