Christ & Welt: Herr Walser, Sie hielten 1998 in der Paulskirche eine skandalöse Friedenspreisrede, in der von Auschwitz als Drohkulisse die Rede war. Im Herbst letzten Jahres erschien Ihr Buch über den jiddischen Dichter Scholem Jankew Abramowitsch, Shmekendike Blumen. Was hat sich für Sie geändert?

Martin Walser: Abramowitsch hat mir eine neue Sichtweise auf die untergegangene ostjüdische Welt gezeigt, und das in einer meisterlichen Sprache. Susanne Klingenstein, eine Literaturwissenschaftlerin, die in Boston lehrt und die ich schon länger kenne, hat mich darauf gebracht. Vor zwei, drei Jahren schickte sie mir die ersten Kapitel ihres wissenschaftlichen Buches über diesen Autor. Von solch einem großen Autor hatte unsere Buchnation keine Kenntnis! 1961 erschien er zuletzt auf Deutsch.

C & W: Erst nach der Begegnung mit diesem konnten Sie schreiben: "Wir Deutschen bleiben die Schuldner der Juden. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinungen jeder Art. Wir können nichts mehr gutmachen. Nur versuchen, weniger falsch zu machen." Vertrauen Sie der Literatur mehr als den Zeitzeugen, die die grausamen Erfahrungen am eigenen Leib machen mussten?

Walser: Warum sagen Sie jetzt "mehr"? Dieser Komparativ ist unnötig! Es ist ein anderes! Ich vertraue der Literatur. Das scheint allerdings schwer zu vermitteln zu sein, dass ich die Literatur für die wichtigste Auskunft halte, die man bekommen kann. Sie ist mir viel wichtiger als Philosophie und Politik et cetera.

Michel Friedman: Aber, Herr Walser, das Allerwichtigste haben Sie doch erleben können, nämlich authentische Zeitzeugen. Sie waren über mehrere Jahrzehnte mit Marcel Reich-Ranicki befreundet. Dieser Mann ist die Verinnerlichung all dessen, was die Nazi-Ideologie dem deutschen Volk und auch dem Judentum in Deutschland und Europa angetan hat. Reich-Ranicki war jemand, der geredet hat. Reicht denn so ein Mensch nicht mindestens so wie ein Buch aus, um die Erkenntnisse, die Sie aus der Abramowitsch-Lektüre über das Judentum gewonnen haben, zu beziehen? Ich halte das für ein Schutzargument, umso mehr, weil Sie bei den Auschwitz-Prozessen noch so engagiert berichtet hatten und dann nicht erahnten, wie Ihre Paulskirchenrede aufgenommen wird.

Walser: Herr Friedmann, ich rede von zwei verschiedenen Sprachen. Die durch einen großen Roman vermittelte Information ist doch eine ganz andere als die Information eines Zeitzeugen. Einverstanden?

Friedman: Einverstanden, aber reicht die direkte Begegnung nicht aus?

Walser: Was soll denn jetzt das Wort "reicht" hier? Ich habe doch nicht gesagt, es reicht mir. Ich wurde mit der literarischen Erfahrung, Abramowitsch entdecken zu dürfen, beschenkt!

Friedman: Aber Ihre neue Conclusio, die Sie daraus ziehen und die Sie aus Ihrem Buch vorgetragen haben, ist doch jetzt durch Ihre Auseinandersetzung mit diesem Autor entstanden.

Walser: Richtig!

Friedman: Meine kritische Frage ist an Sie deshalb doch: Hätte Ihr Umdenken nicht schon aus der tiefen Begegnung mit solchen Menschen wie Reich-Ranicki entstehen müssen – ich nenne ihn hier nur als ein Beispiel.

Walser: Ich kannte Manès Sperber und hatte sehr eng mit der Familie von Victor Klemperer zu tun, ich kannte diesen und jenen und bin ihnen und ihrer Geschichte immer offen begegnet.

Friedman: Eben, ja! Wieso dann diese Fehlleistung?

Walser: Es ist doch von ganz anderer Art, ob man Dostojewski liest oder einem russischen Intellektuellen zuhört. Das sind zwei verschiedene Welten! Und der Reichtum liegt nun mal für mich in der Literatur. Entschuldigen Sie, aber sie ist für mich ausschlaggebend. Mir hat nichts gefehlt, als ich diesen jüdischen Dichter noch nicht kannte.

Friedman: Nachdem Sie also Abramowitsch gelesen haben und sagen, das sei für Sie ein Schlüsselmoment gewesen: Hätten Sie danach noch so eine Rede gehalten wie 1998 in der Paulskirche?

Walser: Das ist doch klar.

Friedman: Nein, es ist nicht klar! Deswegen will ich es ja hören!

Walser: Natürlich nicht.

Friedman: Hätte man Ihnen Abramowitsch doch schon vor 30 Jahren zur Verfügung gestellt.

Walser: Ja.

Friedman: Dann hätten Sie sich etwas erspart und uns anderen Menschen auch.

Walser: Sie sind ein Virtuose der Vereinfachung.

C & W: Kommen wir noch einmal auf die Literatur zurück. Ist die Welt existenziell überhaupt nur auszuhalten, indem man sie literarisch modelliert?

Walser: Immer dieser Superlativ! "Nur auszuhalten!" Sie hilft auch gegen die existenzielle Verzweiflung. Auf dieses "auch" lege ich Wert.

C & W: Sie könnten sich ja wie Franz Kafka nur auf die rein literarische Produktion beschränken. Aber Sie äußern sich immer wieder tagespolitisch.

Walser: Ich sehe da keinen Widerspruch.

C & W: Sie verhalten sich ein bisschen wie ein Partisan. Nachdem der einen politischen Schuss abgegeben hat, zieht er sich ins Dickicht der literarischen Sprache zurück. Wird er dort aufgestöbert, hebt er die Hände und sagt: Es geht mir nur um die Literatur. Ist das Unschuld oder nicht doch eine Taktik?

Walser: Ein hübsches Bild. Aber um im Jargon zu bleiben: inhaltlich eine Ente beziehungsweise Unsinn.

C & W: Belehren Sie mich.

Walser: Ich bin nicht dazu da, Sie zu belehren. Ich habe immer auf derselben Ebene geantwortet. Ich habe mich nie ins Dichterische zurückgezogen und gesagt, damit will ich nichts zu tun haben! Das ist eine Unterstellung!

C & W: Aber Sie beklagen doch seltener, dass Sie literarisch missverstanden werden. Sie fühlen sich meistens politisch missverstanden.

Walser: Ich werde auch politisch nicht missverstanden. Was soll denn das?

C & W: Aber wieso gibt es dann das Bild vom "gekränkten Walser" in der Medienöffentlichkeit, etwa wenn Sie sich über die Debatte mit Ignatz Bubis beklagen, sie seien dort nicht richtig verstanden worden? Sie monieren, dass Sie in den Medien verzerrt wiedergegeben würden. Herr Friedman, das ist ja etwas, was auch Sie kennen dürften …

Friedman: Ja. Aber ich habe mich niemals darüber beschwert.

C & W: Weil Sie selbst Journalist sind?

Friedman: Nein. Ich finde es schwierig, wenn Sie sich, Herr Walser, sofort als Opfer stilisieren, wenn Ihnen eine unangenehme Kritik begegnet. So, wie man sich über Lob freut, muss man auch Kritik aushalten, ohne den Kritiker zu diffamieren.