Gierso Boardinghaus macht in Flüchtlingen. Das Unternehmen ist einer der größten Player im Geschäft mit der Unterbringung von Flüchtlingen in Berlin, spezialisiert auf große Einrichtungen mit rund 200 Bewohnern. Sechs Heime betreibt die Gierso und verdient nicht schlecht daran. Denn das Land Berlin zahlt gut für jeden beherbergten Flüchtling.

Doch jetzt gibt es Ärger. Denn Marina Naprushkina von der Flüchtlingsinitiative "Neue Nachbarschaft" hat Anzeige gegen die Gierso erstattet: "Das ist eine Firma, die auf Profit orientiert ist. Das darf bei der Flüchtlingsarbeit nicht passieren. Das ist kein Geschäftsmodell." Naprushkina wirft dem Unternehmen vor, es habe vom Land Geld für Leistungen erhalten, die es zum Teil nicht erbracht habe. Unter anderem sei zu viel Personal abgerechnet worden. Das Land wiederum habe die Gierso nicht ausreichend kontrolliert. Die Anzeige richtet sich deshalb auch gegen den Präsidenten des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LaGeSo), Franz Allert.

Am Streit zwischen der Flüchtlingsinitiative und dem Heimbetreiber lässt sich der Notstand ablesen, der in Berlin in der Flüchtlingsfrage herrscht. Rund 23.000 Flüchtlinge leben zurzeit in der Hauptstadt, vor allem in Sammelunterkünften: in Sporthallen und Heimen. Als 2012 die Zahl der Flüchtlinge stark anstieg, war die Stadt unvorbereitet, das LaGeSo mit dem Problem überfordert. Es fehlten nicht nur Unterkünfte, es fehlte auch Personal, um all die Hilfebedürftigen zu registrieren, zu verteilen und um die Arbeit der Heimbetreiber kritisch zu begleiten.

Damit kein Flüchtling auf der Straße stehen musste, vergab das LaGeSo die Sanierung, den Bau und den Betrieb von Flüchtlingsunterkünften häufig ohne Ausschreibung, manchmal sogar ohne Verträge. Bewährte Non-Profit-Unternehmen wie die gemeinnützige Diakonie konnten den Bedarf alleine nicht decken. Deshalb kamen auch private Unternehmer ins Spiel. Solche wie die Gierso.

Kaputte Duschen, verdreckte Toiletten

Marina Naprushkina und die anderen Ehrenamtlichen der "Neuen Nachbarschaft" kümmern sich um die Bewohner aus dem Gierso-Heim in der Levetzowstraße in Berlin-Moabit. Drei Mal pro Woche treffen sie sich im Cafe "Neue Heimat" zum Deutsch-Stammtisch. Anna-Lisa Seifert kümmert sich hier ehrenamtlich um eine afghanische Familie: "Ich kriege mit, dass der Vater jede Woche mindestens ein- oder zweimal hierher kommt und uns fragt, wenn er Hilfe braucht; bei Besuchen beim LaGeSo, bei der Wohnungssuche. Er würde sicherlich nicht kommen, wenn sich jemand anderes darum kümmern würde."

Fast alle Berliner Flüchtlingsheime sind auf die Hilfe von Ehrenamtlichen angewiesen.

Auch die Gierso arbeitete in den ersten Wochen mit der Moabiter Initiative zusammen. Doch Ende 2013 kam es zum Streit. Die Initiative beschwerte sich über Mängel im Heim: verdreckte Toiletten, kaputte Duschkabinen, zu wenige Waschmaschinen, fehlende Kinderbetreuung. "Als wir die Gierso-Mitarbeiter auf die Missstände angesprochen haben und dann auch die Geschäftsführung, passierte erst einmal gar nichts", sagt Naprushkina. "Dann haben wir beschlossen: Wenn nichts passiert, müssen wir mit der Information an die Öffentlichkeit treten."

Das sorgte mächtig für Ärger - für beide Seiten. Die Gierso erteilte der Flüchtlingsinitiative Hausverbot. Die ehemalige Schule in der Levetzowstraße wurde bekannt als eines der schlimmsten Flüchtlingsheime in Berlin.

8, 2 Millionen aus Steuergeldern

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales reagierte, Beamte machten mehrere Kontrollbegehungen und verlangten Nachbesserungen und Rückzahlungen. Reagierte die Stadt erst, nachdem die Kritik öffentlich geworden war? LaGeSo-Präsident Allert sieht das anders: "Was gemacht werden musste, war im Grunde genommen der Sanitärbereich, der Einbau von Küchen und Ähnliches – keinesfalls nur auf Druck der Initiative, die aber sehr kritisch den ganzen Prozess begleitet hat. Was auch wichtig ist, weil wir gesehen haben, dass es an der einen oder anderen Stelle nicht so schnell ging, wie wir das vom Betreiber erwartet haben."

Der Fall Gierso ist nur einer von vielen. Seit Monaten wird in Berlin diskutiert, ob private Betreiber beim Geschäft mit den Flüchtlingen unredlich Kasse gemacht haben. Wie einträglich diese Geschäfte sind, ist schwer herauszufinden. Wer wie viel für welche Leistung bekommt, ist völlig intransparent, für jedes Heim wird gesondert verhandelt. Nicht einmal das Landesparlament hat hier Einblick.

Zum Beispiel das Gierso-Heim in der Levetzowstraße: Der dafür ursprünglich vereinbarte Basis-Tagessatz liegt bei 21 Euro pro Flüchtling. Die Belegungsliste der LaGeSo zählte am 27. Januar in der Levetzowstraße 176 Flüchtlinge. Hochgerechnet auf einen Monat erhält Gierso also rund 110.000 Euro alleine für diese Unterbringung. Insgesamt beherbergte Gierso im Januar 1.085 Flüchtlinge. Geht man davon aus, dass für sie alle 21 Euro gezahlt werden, dürfte die Firma im Jahr rund 8,2 Millionen Euro aus Steuergeldern erhalten.

Der Flüchtlingsmarkt steht allen offen

An der Spitze des Unternehmens steht der 27 Jahre alte Tobias Dohmen. Er ist der Patensohn von Franz Allert, dem LaGeSo-Chef und damit Leiter jener Behörde, die für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig ist. Allert sagte der Presse, er habe sein Patenkind jahrelang aus den Augen verloren und per Zufall beruflich wiedergetroffen.

Mit dem Inforadio wollte Dohmen nicht über die Hintergründe seines Geschäfts sprechen. Dafür bezeichnet ein Dohmen-Vertrauter, der jahrelang als Journalist gearbeitet hat, die Ermittlungen gegen Gierso und Allert als lächerliches Theater. Immerhin ordnete Berlins Sozialsenator Mario Czaja eine Innenrevision im Landesamt an. Die Behörde sollte ihre Akten darauf prüfen, ob es Hinweise gibt, dass ihr Chef bei der Vergabe von Aufträgen Einfluss genommen hat. Ein erster Prüfungsbericht zeigte nichts Belastendes.

Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus hält diese Art der Untersuchung für eine Farce. "Eine Aufklärung hat tatsächlich noch gar nicht stattgefunden", sagt beispielsweise Fabio Reinhardt von der Piraten-Partei. "Der Revision wurden unvollständige Akten übergeben. Es fand keine Befragung statt. Da kann überhaupt keine Entlastung stattfinden, weil keine angemessene Aktengrundlage vorliegt."

Funktional und modern

Während die Untersuchungen im LaGeSo fortgesetzt werden, geht das Geschäft mit den Flüchtlingen munter weiter. In der St. Eduard Kirche in Berlin-Neukölln stellt sich im Februar beispielsweise ein weiterer Geschäftsmann vor, der in das Business einsteigen will. Rund 200 Anwohner sind gekommen.

Michael Elias war Manager in mindestens acht Unternehmen, darunter ein Werkzeughersteller, ein Busunternehmen und eine Agentur für Produktfotografie. Im April 2014 gründete er die SoWo-Berlin GmbH und mietete einen alten Sportplatz in der Neuköllner Karl-Marx-Straße an, um hier eine Containersiedlung für 300 Flüchtlinge zu bauen. Seine Verhandlungen mit dem Land befinden sich in der Endphase.

"Ich bin Unternehmer, ich weiß, wie man Unternehmen strukturiert und aufbaut " begründet Elias seinen Wunsch, ins Flüchtlings-Geschäft einzusteigen. "Ich bin Ende 2013 nach Berlin gekommen. Ich bin 1969 geboren, bin halb Libanese, halb Deutscher. Die Probleme, die wir jetzt haben, die Flüchtlingsheime, die nicht gut in Schuss sind, das hat ja mit den Betreibern zu tun. Und da haben wir uns überlegt: Wie kann man da sinnvoller ansetzen?" Das Konzept der SoWo sieht zumindest auf dem Papier gut aus: Moderne funktionale Bauten, viel Gemeinschaftsfläche. Elias plant sogar, eine Kita in die Containersiedlung zu integrieren.

Burschenschaftler als Heimbetreiber?

Dennoch ruft auch die SoWo schon Widerstand hervor. Der Piraten-Abgeordnete Fabio Reinhardt sagt: "Inhaber der SoWo ist noch ein weiteres Unternehmen, das nennt sich Viscura UG. Einer der bisherigen Teilhaber der Viscura UG ist Michael Büge. Er ist hier nicht nur CDU-Kreischef, sondern auch Mitglied einer schlagenden Verbindung, der Gothia, die sehr enge Nähe zu völkischen und rechten Bewegungen und Gesellschaften pflegt."

Büge war außerdem Sozialstaatssekretär und für die Unterbringung der Flüchtlinge politisch mitverantwortlich. Wegen der Mitgliedschaft in der Burschenschaft verlor er seinen Posten. Wechselt Büge nun die Seiten und macht selbst Geschäfte mit Flüchtlingsunterkünften? Michael Elias sagt, er habe die politische Dimension dieses Themas unterschätzt und betont, dass Büge seine Anteile am Unternehmenskonstrukt mittlerweile abgegeben habe.

Doch warum setzt das Land Berlin weiter auf private Anbieter, wenn es doch immer wieder Ärger gab? Allert sagt, es sei nicht entscheidend, welches Firmenkonstrukt hinter dem Management eines Flüchtlingsheims stehe: "Es gibt auch eine ganze Reihe von Einrichtungen von Privaten, die wirklich gelobt werden. Der Betrieb in der Einrichtung hängt sehr häufig vom konkreten Heimleiter ab." Und noch etwas sagt er: "Der Markt steht grundsätzlich allen offen." Also ist die Unterbringung von Flüchtlingen auch als Geschäftsmodell gedacht.

Immerhin hat die Stadtregierung inzwischen beschlossen, wieder selbst Bauherr zu werden, freie Gebäude zu sanieren und Flüchtlingsunterkünfte zu bauen. Sechs Containerdörfer sind geplant, Kosten: mehr als 40 Millionen Euro. Erst, wenn die Häuser fertiggestellt sind, will der Senat zuverlässige Betreiber suchen. 5000 Plätze sollen so 2015 entstehen. Reichen wird das wohl nicht. Nach letzten Schätzungen werden in diesem Jahr 20.000 neue Flüchtlinge erwartet.

Dieser Artikel ist Teil einer gemeinsamen Recherche von ZEIT ONLINE und dem Inforadio des Rundfunk Berlin Brandenburg. 

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