Im Gerichtsverfahren zum Anschlag auf den Boston-Marathon haben Verteidigung und Staatsanwalt ihre Eröffnungsplädoyers gehalten. Die Verteidigung stellte den überlebenden Attentäter Dschochar Zarnajew als jungen Mann dar, der seinem älteren Bruder Tamerlan gefolgt sei. "Tamerlan war besessen vom gewalttätigen radikalen Islam", sagte Verteidigerin Judy Clarke. "Es war Tamerlan Zarnajew, der sich selbst radikalisierte, es war Dschochar, der ihm folgte." Zarnajew plädiert auf nicht schuldig. 

Clarke bestritt nicht, dass Zarnajew das Attentat auf die Laufveranstaltung vor fast zwei Jahren verübt hatte. "Er war es", sagte die Anwältin. Bei dem Attentat waren drei Menschen getötet und mehr als 260 verletzt worden. Der Anschlag sei eine "sinnlose, schreckliche, fehlgeleitete Tat zweier Brüder" gewesen, sagte die Verteidigerin. "Doch Dschochar Zarnajew kam auf einem sehr anderen Weg zu seiner Rolle, als von der Staatsanwaltschaft angedeutet." 

Die Verteidigung will Zarnajew vor der Todesstrafe bewahren. Die ist für 17 der 30 Anklagepunkte möglich, eine davon lautet Gebrauch einer "Massenvernichtungswaffe". Die Staatsanwaltschaft ist der Auffassung, dass der zum Tatzeitpunkt im April 2013 19 Jahre alte Zarnajew aus freiem Willen an dem Terroranschlag beteiligt war.

Zarnajew "hatte Mord in seinem Herzen"

Staatsanwalt William Weinreb hatte Zarnajew in seinem Plädoyer vorgeworfen, die von ihm platzierte Bombe konstruiert zu haben, "um Menschen auseinanderzureißen und ein blutiges Spektakel zu verursachen". Er schilderte die Momente, nach dem die Bomben explodiert waren: "Die Luft war mit dem Geruch brennenden Schwefels und den Schreien von Menschen erfüllt." Ziel sei es gewesen, so viele Menschen wie möglich zu töten, sagte Weinreb.

Zarnajew habe grausam gehandelt und töten wollen, sagte Weinreb. Er habe eine Bombe direkt neben Kinder gelegt. Weinreb beschrieb Zarnajew als radikalisierten jungen Mann, der extremistisch-muslimische Ideale hatte. Er sei überzeugt gewesen, dass die Tat ihm "seinen Platz im Paradies" verschaffen werde.

Laut Anklageschrift sollen die Brüder auch die Anleitung zum Bau von Bomben in Schnellkochtöpfen den Internetseiten von Al-Kaida entnommen haben. Wenige Wochen vor dem Anschlag habe Dschochar Zarnajew mit seinem Bruder eine Pistole gekauft und das Schießen geübt, sagte Weinreb weiter.

Dschochar und Tamerlan Zarnajew flohen nach dem Anschlag und sollen dabei noch einen Polizisten erschossen haben. Der damals 19-jährige Dschochar wurde vier Tage nach dem Anschlag schwer verletzt festgenommen, der sieben Jahre ältere Tamerlan kam bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei ums Leben. Die Brüder stammen aus einer tschetschenischen Familie und waren als Kinder in die USA eingewandert. Die US-Behörden stufen die Tat als islamistischen Terrorakt ein.

Der Prozess findet unter massiven Sicherheitsvorkehrungen in Boston statt. Die Verteidiger hatten zuvor versucht, den Prozess an einen Ort außerhalb des Bundesstaates Massachusetts verlegen zu lassen. Zu viele Menschen seien dort emotional direkt von den Anschlägen betroffen. Richter George O'Toole und die Berufungsinstanz wiesen den Antrag ab.

Jury entscheidet über Strafmaß

Im Vorfeld des Prozesses war eine Jury ausgewählt worden. Dieser gehören zehn Frauen und acht Männer an. Das Gerichtsverfahren ist in zwei Phasen geteilt. In der ersten soll festgestellt werden, ob der Angeklagte schuldig ist. In der zweiten Phase soll das Strafmaß festgelegt werden. Wird Zarnajew schuldig gesprochen, entscheidet die Jury darüber, ob er zum Tode oder zu lebenslanger Haft verurteilt wird.

 Judy Clarke, Verteidigerin von Zarnajew, ist eine profilierte Gegnerin der Todesstrafe. Sie bewahrte Angeklagte in spektakulären Fällen davor, hingerichtet zu werden. Unter anderem Eric Rudolph, der ein Attentat auf die Olympischen Spiele in Atlanta verübte, der Unabomber Ted Kaczynski und Jared Loughner, der 2011 während eines Amoklaufs sechs Menschen erschoss und die frühere US-Abgeordnete Gabrielle Giffords schwer verletzte.

In Massachusetts ist die Todesstrafe zwar seit dem Jahr 1982 abgeschafft, der Prozess wird aber vor einem Bundesgericht in Boston abgehalten, weshalb die Todesstrafe möglich wäre. Allerdings liegt Massachusetts im eher liberalen Nordosten der USA, laut Umfragen hält dort eine Mehrheit eine lebenslange Haftstrafe für angemessen. Diese Einstellung könnte sich auch bei den Geschworenen wiederfinden.