Die Polizei von Temecula im Süden des US-Bundesstaats Kalifornien gönnte sich den ganz großen Auftritt: Ein Hubschrauber kreiste über der örtlichen High School, Fernsehteams reisten an, bewaffnete Polizisten stürmten Klassenräume. Sie nahmen 22 Schüler fest, die Drogen verkauft hatten.

22 Dealer an der Schwelle zum Erwachsenenalter – der scheinbare Ermittlungscoup vom Dezember 2012 war das Ergebnis einer aufwendigen Undercover-Aktion, für die ein Polizist sich monatelang als Schüler ausgab, Hausaufgaben machte und seine Klassenkameraden bat, ihm Drogen mitzubringen.

So ungewöhnlich wie die Recherchemethoden waren die Täter, die im Anschluss verhört und in ein Jugendgefängnis gesteckt wurden: Schüler wie der damals 18-jährige Jesse Snodgrass – ein Autist, der zusätzlich am Tourette-Syndrom und einer bipolaren Störung leidet. Ein Zwölftklässler, dem sein Kunstlehrer kaum zutraute, Kartonstreifen zu zerschneiden – er hatte sich breitschlagen lassen, dem Beamten gut ein Gramm Marihuana zu verkaufen.

Dass die Polizei einen Behinderten zum Drogenverkauf angestiftet hatte, löste selbst in den USA Empörung aus – dem Land, dessen Drogenpolitik zu den rigidesten der westlichsten Welt zählt. Denn dort gilt eine Null-Toleranz-Praxis, seit Präsident Richard Nixon 1972 den War on Drugs ausgerufen hatte, den Krieg gegen die Drogen.

Zuletzt jedoch gab es Anzeichen für eine vermeintliche Liberalisierung der Drogenpolitik jenseits des Atlantiks: Der Bundesstaat Colorado erlaubte seinen Bürgern zu Beginn des vergangenen Jahres, Marihuana für den privaten Gebrauch zu kaufen. Im Juli zog der Staat Washington nach. Zudem kündigte der Generalbundesanwalt Eric Holder an, die Regierung werde kleinere Rauschgiftdelikte nicht mehr verfolgen.

Schüchterner Junge mit monotoner Stimme

Doch der Krieg gegen die Drogen ist längst nicht ausgefochten – dafür wird immer unklarer, gegen wen er sich richtet: Gegen schmierige Drogendealer, die Menschen gnadenlos in die Abhängigkeit treiben? Oder auch gegen unverdächtige Bürger, die im Zuge einer lückenlosen Verfolgung unter die Räder kommen?

Jesse Snodgrass ist ein schüchterner Junge mit monotoner Stimme. Einer, mit dem seine Klassenkameraden nichts anfangen konnten und der keine Freunde fand – auch nicht an der High School von Temecula. Bis sich im Sommer 2012 plötzlich ein Mitschüler für ihn interessierte: ein Junge namens Daniel. Und der ihn sofort fragte: "Weißt du, wo ich hier Gras herbekomme?" Jesse antwortete, er könne den Stoff besorgen. Obwohl er keine Ahnung hatte, woher. Und eigentlich nicht wollte.

Jesse erzählte seinen Eltern von dem neuen Freund. Catherine und Doug Snodgrass waren begeistert. Sie forderten den Sohn auf, den Klassenkameraden zu Pizza und Videospielen einzuladen. Doch Daniel kam nie vorbei – er war der Ermittler, den die Polizei mit dem Einverständnis der Schule in den verdeckten Einsatz geschickt hatte. "Unser Sohn wäre nie von selbst auf die Idee gekommen, Drogen zu besorgen", sagen die Eltern. Deshalb machte Daniel unmissverständlich klar, was er wollte: Marihuana. Innerhalb weniger Tage schickte er ihm 60 Textnachrichten aufs Handy, in denen er um Stoff bettelte.

Als er den Druck nicht mehr aushielt, lief Jesse auf die Schultoilette und verbrannte seinen Arm mit einem Feuerzeug. Und schließlich gab er nach. Er kaufte einem Obdachlosen in der Innenstadt von Temecula etwas Marihuana ab. Von seinem Vater ließ er sich zu einem Treffpunkt hinter einem Restaurant fahren. Dort traf er Daniel und übergab die Ware. Daniel drückte ihm ein paar Dollarscheine in die Hand. Jesse war erleichtert. Er glaubte, etwas richtig gemacht zu haben.