Auf den weißen Briefkasten hat jemand mit Filzstift Pompiers geschrieben – Feuerwehr. Normalerweise wartet in diesem kleinen Spitzdachhaus die Feuerwehr von Seyne-les-Alpes auf ihre Einsätze: Ein überfluteter Keller, ein verunglückter Skifahrer, ein Schwelbrand. Doch seit nahe des Ortes das Flugzeug der Germanwings abstürzte, ist die kleine Dorffeuerwehr auf einmal Anlaufstelle für eine Hundertschaft von Rettungskräften. Seyne-les-Alpes ist ein internationales Katastrophenzentrum.

Polizisten rasen mit Blaulicht auf Motorrädern durch die engen Dorfgassen, wo sonst Touristen zu Wanderungen aufbrechen oder Kinder zur Schule gehen. Am Himmel kreisen Hubschrauber, an den Straßenecken drängen sich Fernsehteams und Fotografen. Das Rathaus wurde zweckentfremdet: Im Büro des stellvertretenden Bürgermeisters hat die Gebirgspolizei ihre Basis eingerichtet, ins Nachbarzimmer hat sich die deutsche Botschafterin aus Paris zurückgezogen, am Vortag waren Frank-Walter Steinmeier und Frankreichs Transportministerin Ségolène Royal hier zu Besuch.

Der stellvertretende Bürgermeister, Michel Astiers, steht währenddessen mit 15 Freiwilligen in einem Nebenraum und faltet Informationsmaterial der Kandidaten für die Stichwahl am Sonntag – eine Arbeit, die normalerweise die Rathausangestellten unter sich aufteilen. Heute gibt es zu viel anderes zu tun. "Wir improvisieren", sagt er. "Was bleibt uns anderes übrig?"

Wie kann ein Ort damit umgehen, dass wenige Kilometer weiter ein Passagierflugzeug an einer Felswand im Gebirge zerschellt ist?

Die Bewohner von Seyne versuchen zu helfen, wo sie können. Astiers erhält unablässig Anrufe von Menschen, die anbieten, Familien der Opfer zu beherbergen. Inzwischen hätte er Platz für 800 Leute, sagt Astiers. "Sogar aus Grenoble wollen sie herkommen und ihre Ferienhäuser aufschließen."

Empfang für Merkel

Passanten auf der Straße geleiten die vielen internationalen Gästen durch ihren Ort oder fahren verirrte Journalisten gleich selbst ans Ziel. Der kleine Campingplatz am Ortsausgang vermietet seine Bungalows mit Zusatzservice: Da alle Hotels ausgebucht sind, bringt die Hausherrin Handtücher und Bettwäsche von zu Hause mit, bietet Frühstück an und Abendessen. Die Preise bleiben gleich.

Wieder andere sind gekommen, um Astiers mit seiner Wahlpost zu helfen. "Die Prospekte der Kandidaten können wir nicht liegen lassen, am Sonntag ist der zweite Wahlgang, die Unterlagen müssen morgen raus."

Den Bürgermeister selbst hat im Rathaus seit dem Absturz keiner mehr gesehen. Er muss den Empfang für Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident François Hollande und den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy vorbereiten, die Logistik mit Polizei und Feuerwehr organisieren, den Überblick über die Lage behalten. Michel Astiers hält die Stellung im Rathaus, so gut er kann.