Der Tag, an dem Familie E. aus Berlin ihre Ehre verliert, ist der erste Tag im neuen Leben von Nasser. Es ist der 15. Oktober 2012. Der Tag, an dem Nassers muslimische Eltern von der Homosexualität ihres 15-jährigen Sohnes erfahren. Die Mutter beschimpft ihn als "Schwuchtel", sie drohen ihm mit dem Tod – und übergießen ihn in ihrer Wohnung in Neukölln mit Benzin. So erzählt es Nasser. Heute sagt er, dass er an diesem Tag neu geboren wurde. Und dass er endlich das Gefühl hatte, frei zu sein.

Zweieinhalb Jahre später steht Nasser vor dem Saal 701 des Berliner Amtsgerichts Tiergarten. Schwarzes Hemd, schwarze Locken, schwarze, müde Augen. Das Medieninteresse an seinem Fall ist groß. Zumindest für ein paar Tage. Nasser läuft unruhig auf und ab. Lange hat der 18-jährige Schüler auf diesen Tag gewartet. Gleich wird er den Männern gegenüberstehen, die ihn als Kind mutmaßlich misshandelt, gequält und entführt haben – zwei Onkel und sein eigener Vater müssen sich vor Gericht verantworten. "Mein Herz gehört mir" steht auf Nassers rotem Armband. Im Prinzip sagt es aus, worum es hier gehen soll: Nassers Recht, zu lieben, wen er will.

Wie kommt ein Kind dazu, seine eigene Familie anzuzeigen? Nassers Version der Geschichte beginnt 1996 in Berlin. Er kommt als ältestes von vier Kindern zur Welt, die Eltern waren erst kurz vor seiner Geburt aus dem Libanon geflohen. Die Familie lebt in einer kleinen Wohnung im Berliner Bezirk Neukölln. Zwei Zimmer für sechs Personen. Die Eltern gehen nicht arbeiten, leben von Hartz IV. Sie sind sehr gläubig, verkehren in streng konservativen Moscheen. Wenn Nasser zu Kindergeburtstagen eingeladen wird, darf er nicht hingehen. Während seine Schulfreunde draußen spielen, bleibt er in der Wohnung. "Mir wurde die Welt verheimlicht", sagt er heute. 

Wenn man Nasser nach seiner Kindheit fragt, huscht ein trauriges Lächeln über sein Gesicht. Schöne Kindheitserinnerungen? "Höchstens so viel", sagt Nasser und hält seinen Daumen und Zeigefinger etwas auseinander. Seine Fingerspitzen berühren sich fast. Als würde das Glück eines Kindes dazwischen passen. Wenn es etwas Schönes gab, dann waren es die kleinen Erlebnisse mit seiner Mutter, sagt Nasser. Fernsehabende. Spaziergänge. Seinen Vater erwähnt er nicht.

Er lacht am lautesten über Schwulenwitze

Mit neun Jahren merkt Nasser zum ersten Mal, dass ihn Jungs mehr interessieren als Mädchen. Für ihn beginnt die "härteste Zeit" seines Lebens. Verzweifelt versucht er, seine Gefühle zu verbergen. In der Schule lacht er am lautesten über Schwulenwitze, zu Hause fügt er sich ins Patriarchat ein. Die ganze Zeit über fühlt er sich unfassbar allein. "Vier Jahre lang dachte ich, ich wäre der einzige Homosexuelle auf der ganzen Welt." Irgendwann googelt er heimlich am Rechner der Eltern "schwule Jungs". Und bekommt eine Ahnung davon, dass er nicht alleine ist.

Nur reden kann er mit niemandem darüber. Über Liebe wird in der Familie E. nicht gesprochen. Über Sex schon gar nicht. Als Nasser eines Tages im Biologieunterricht erfährt, wie Kinder entstehen, fährt der Vater zur Schule und beschwert sich bei den Lehrern. Es sei nicht ihre Aufgabe, das Kind aufzuklären.

Den Zeitpunkt seines Coming-outs hat Nasser nicht selbst bestimmt. Er ist 15 Jahre alt, als eine Mitschülerin auf Facebook entdeckt, dass er auf einer Veranstaltung für Schwule und Lesben war. Nasser kann es nicht abstreiten. Vielleicht will er es auch nicht mehr. Auch die Freundin stammt aus einem muslimischen Elternhaus. "Komm wieder auf den richtigen Weg", fleht sie Nasser an, "dann wird dir Allah verzeihen und wieder glücklich sein." Der 15-Jährige versteht nicht. "Ich bin doch glücklich, so wie ich bin", sagt er. Zwei Tage später hat sich Nassers Geheimnis herumgesprochen – bis zu seinen Eltern.

Es ist der besagte Oktoberabend im Jahr 2012. Der Tag, an dem Familie E. auseinanderbricht. Vater, Mutter und ein Onkel stellen Nasser zur Rede, beschimpfen ihn, dass er die Ehre der Familie mit Füßen tritt. "Mein Vater drohte sogar damit, mir ein Messer in den Hals zu rammen," sagt Nasser. Homosexualität sei im Islam eine Todessünde, schimpft die Familie. Mit Gewalt wollen sie die Homosexualität ihres Kindes unterdrücken. Der Onkel überschüttet Nasser mit Benzin und droht damit, ihn anzuzünden. Der Teenager wird mit einem Gürtel ausgepeitscht und mit kochendem Wasser verbrüht. Das ist Nassers Geschichte. Beweisen kann er sie nicht.

"Du bist verlobt"

Der Junge flieht in die Nacht, irrt durch die Straßen von Berlin. Schließlich kommt er für ein paar Tage bei einem schwulen Freund unter. Er meldet sich beim Jugendamt in Neukölln, dann geht alles sehr schnell: Den Eltern wird das Sorgerecht entzogen, für Nasser wird eine Auslandssperre verhängt. Das Jugendamt weiß genau: In streng religiösen Familien mit Migrationshintergrund ist es kein Einzelfall, dass Kinder in die Heimat verschleppt werden.

Nasser zieht in eine anonyme Kriseneinrichtung. Doch nach zehn Tagen ist die Sehnsucht des Kindes nach Familie stärker als die Angst vor ihr. Er will seine Mutter sehen. Bei seiner Rückkehr warten Eltern, Geschwister, Tanten und Onkel auf ihn. "Du bist verlobt", sagen sie. Und dass sie ein junges Mädchen aus dem Libanon für ihn ausgesucht haben. Er habe damit die Chance, die Ehre der Familie zu retten. Doch für ihn gibt es kein Zurück mehr in sein altes Leben. Er will nicht mehr vorgeben, jemand zu sein, der er nicht ist. Nie wieder. Er flieht ein zweites Mal.