Heute hat Yad Pech. Immer wieder geht sein Finger in die Höhe, eindringlich, in Richtung Lehrer. Aber der nimmt ihn erst einmal nicht dran: "Du kennst die Sure zu gut", sagt Mirsad Niksic zu dem Viertklässler, dabei grinst er. Yad muss sich gedulden, denn auch seine Mitschüler sollen verstehen, was es mit der Geschichte vom Propheten Ibrahim auf sich hat.

Dienstagvormittag, kurz nach halb zwölf. Auf dem Stundenplan der vierten Klassen in der Grundschule am Münchner Pfanzeltplatz steht Religionsunterricht. Katholisch, evangelisch – und seit einigen Jahren auch Islamunterricht. Seit 2009 gibt es in Bayern den Modellversuch "Islamischer Unterricht in deutscher Sprache". Rund 260 Schulen beteiligen sich, darunter fast nur Grund- und Mittelschulen. Etwa jeder zehnte muslimische Schüler kann teilnehmen. Im Klassenzimmer von Mirsad Niksic sitzen fünf Mädchen und fünf Jungen. Heute ist Abraham das Thema, auf Arabisch Ibrahim. Doch zunächst geben die Kinder Smiley-Karten herum und sollen kurz erzählen, wie es ihnen geht. "Schlecht, wegen der Leseprobe", sagt Berkay. "Gut, weil wir in der Pause einen Schneemann gebaut haben", erzählt Nora. Die Eltern oder Großeltern der Kinder haben Wurzeln in der Türkei, im Kosovo, im Irak oder in Ägypten. Aber die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, fänden die Schüler wohl seltsam. "Sie sind selbstverständlich bayerisch oder deutsch, das andere sind für sie Urlaubsländer", ist Mirsad Niksic überzeugt.

Er sei traurig über islamistische Anschläge, sagt er. Wenn die Schüler Nachrichten gesehen haben, stellen sie viele Fragen. "Die wissen aus dem Koranunterricht, dass man andere nicht töten darf", sagt Niksic. Aber manchmal gerät durch Gespräche mit Eltern, Geschwistern und Freunden über den Islam etwas durcheinander. Oder es tauchen Probleme auf, bei denen der Lehrer schmunzeln muss: "Warum darf ich keine Gummibärchen essen? Darf ich ins Kino gehen?" Niksic versucht, verständlich zu antworten. Und er sagt: "Glaubt nicht alles, was ihr hört."

Manche hätten von zu Hause gar kein Glaubenswissen, erzählt der Lehrer, andere gingen regelmäßig in die Koranschule. "Wenn jemand zu ernsthaft ist, frage ich nach." Gleichzeitig will der Lehrer keine Angst machen oder Ängste schüren – im Unterricht muss er in Sekundenbruchteilen abschätzen, wie weit er gehen kann.

Seine Schüler sind wissbegierig, bei manchen Fragen schnellt mehr als die Hälfte der Arme nach oben. "Was wollte Gott von Ibrahim?" – "Dass er seinen Sohn opfert." – "Warum?" – "Um zu sehen, wie gläubig er ist." – "Warum hatte er als Kind Streit mit seinem Vater?" – "Weil der Götzen aus Stein hergestellt hat." Mirsad Niksic projiziert mit dem Beamer ein bewegtes Computerbild an die Leinwand: Die Sonne steht hoch am Himmel, jetzt wandert sie im Zeitraffer nach rechts, geht unter. Der Himmel verdunkelt sich, immer besser sind die Sterne zu sehen. "So war es auch bei Ibrahim. Als er noch ein Kind war, beobachtete er Sonne, Mond und Sterne und dachte, sie könnten Gott sein." Doch rasch habe Ibrahim bemerkt, dass das nicht stimmt: "Denn sie verschwanden alle nacheinander, aber Gott verschwindet nicht." Kerim zweifelt: "Ich verstehe nicht, wie Gott bei mir sein kann und auch bei ganz anderen."

Der bekenntnisorientierte Islamunterricht in deutscher Sprache hat verfassungsrechtlichen Rang. So heißt es in Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes: "Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach." Er wird "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt". Der Staat bezahlt den Religionsunterricht und kümmert sich um die Lehrer. Was gelehrt wird, bestimmen die Religionsgemeinschaften. Diesen bekenntnisorientierten Islamunterricht gibt es seit 2012 in Nordrhein-Westfalen, seit 2013 in Niedersachsen und Hessen. Allerdings längst nicht flächendeckend.

Das größte Problem ist der Lehrermangel. Allein in Nordrhein-Westfalen, wo knapp die Hälfte der bundesweit rund 700.000 muslimischen Schüler lebt, fehlen Hunderte Lehrer. Ähnlich sieht es in Bayern und Niedersachsen aus. Islamische Religionslehre gibt es als Studiengang seit 2011 an vier vom Bundesbildungsministerium geförderten Zentren: Erlangen-Nürnberg, Frankfurt-Gießen, Münster-Osnabrück und Tübingen. Damit Islamunterricht möglichst verbreitet angeboten werden kann, "wird es in Zukunft natürlich einen wachsenden Anteil von Religionslehrern benötigen", sagt Bildungsstaatssekretär Thomas Rachel. Die Förderung der vier Hochschulzentren mit insgesamt 19 Millionen Euro über fünf Jahre ist ein Statement der Bundesregierung für die Zukunft des bekenntnisorientierten Religionsunterrichts: "Wenn man das nicht hätte, würde vielen Jugendlichen die Chance, authentisch gelebten Glauben kennenzulernen und sich eine eigene Meinung zu bilden, fehlen", so Rachel. "Das wäre sehr schade."

Außerdem trägt der islamische Religionsunterricht dazu bei, dass sich eine wachsende Zahl von Politikern zu sagen traut, der Islam gehöre zu Deutschland – darunter die Bundeskanzlerin. "Die Einführung des Fachs hat etwas bewirkt", sagt Harry Harun Behr, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Frankfurt: "Auch dadurch ist der Islam schrittweise auf dem Weg, sich zu institutionalisieren." Für die Muslime sei das ein Nachweis der Integration ihrer Religion. Und Mirsad Niksic meint: "Die Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist unnötig." Er hält das für eine Selbstverständlichkeit.

Es sind längst nicht alle Grenzen überwunden. So steht vielen muslimischen Frauen, die gern unterrichten würden, das Kopftuch-Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Weg. Die Richter hatten 2003 entschieden, dass die Länder die Zulässigkeit religiöser Bezüge in Schulen zu regeln haben. Seither müssen in mehreren Bundesländern – darunter Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – Lehrerinnen ihr Kopftuch ablegen, wenn sie unterrichten. Zwar gelten Ausnahmen für den Islamunterricht, doch die Mehrzahl der Lehrer gibt verschiedene Fächer. Insofern scheidet der Lehrerberuf für etliche Studentinnen der Islamischen Theologie aus, sagt Behr: "Das ist für einige ein großes Problem." Von den rund 800 Studierenden, die er in den vergangenen Jahren betreut habe, seien drei Viertel Frauen. Von diesen wiederum habe die Hälfte ein Kopftuch getragen.

Das Stück Stoff ist vielen immer noch Sinnbild für das Verhältnis von Frauen und Männern im Islam. "Das konservative Rollenklischee und die Härte der Auseinandersetzung unter Muslimen in Deutschland nehmen zu", beobachtet Harry Behr. Er berichtet von machohaftem Verhalten von Schülern, die etwa Lehrautorität stark mit Männern identifizierten: "Lehrerinnen haben es schwerer als Lehrer." Dieses Problem könne der Islamunterricht allein nicht lösen: "Dessen Kernprofil ist weder Staatsbürgerkunde noch die Trockenlegung der Koranschulen, noch Terrorismusprävention", so Behr.

Im Unterricht von Mirsad Niksic an der Münchner Grundschule geht es immer wieder um die Rollen von Frauen und Männern im Islam. "Unsere Religion legt nicht fest, dass die Frau die Hausarbeit macht", sagt Niksic. Und: "Der Islam kennt eine Vielzahl weiblicher Gelehrter." Der Lehrer versucht, Klischees zu hinterfragen, seine Schüler zum Nachdenken zu bewegen. In den Koranschulen würden sie Texte lernen, oft in arabischer oder türkischer Sprache. Im Islamunterricht stelle sich die Frage, warum gläubige Menschen überhaupt beten. "Dass sie darüber reflektieren, dass sie Fragen loswerden können, die sie sich zu Hause oder in der Moschee vielleicht nicht zu stellen trauen", erläutert Mirsad Niksic. Der gebürtige Bosnier, der als Zehnjähriger mit den Eltern nach Deutschland kam, ist seit mehr als zwölf Jahren Grundschullehrer. Vor fünf Jahren machte er eine Aufbauausbildung zum Religionslehrer an der Lehrerakademie, noch bevor Islamische Theologie Lehrfach an den Universitäten wurde.