Kalt fegt der feuchte Wind über den Bahnsteig, als wolle er alle Journalisten zurück in den ICE treiben. Den ganzen Donnerstag über sind sie gekommen, mit Übertragungswagen, Taxis, der Bahn. Jetzt ist es schon dunkel und es werden immer noch mehr. Montabaur, Zentrum der Weltereignisse.

Mons Tabor ist ein heiliger Berg in Israel. Die Juden nennen ihn den Weltenberg. Nach ihm wurde Montabaur zu Kreuzfahrerzeiten benannt, weil der Schlossberg oberhalb der Stadt an jenen einsam aufragenden Gipfel im Heiligen Land erinnert. Nabel der Welt heißt er auch, und darin liegt schon das erste Missverständnis. Denn in der monströsen Geschichte  des Absturzes von Flug 4U9525 ist Montabaur nicht das Zentrum, und auch kein anderer Ort. Das liegt im Inneren von Andreas Lubitz.

Schon während der Anreise sind die Zweifel gewachsen: Was kann der Heimatort aussagen über jemanden, der 149 Menschen mit sich in den Tod reißt? Was können Freunde, Nachbarn oder Vereinskameraden wirklich vom Leben eines 27 Jahre alten Manns wissen, der schon in Bremen, Amerika und Düsseldorf wohnte? Was hätten wohl die eigenen Lehrer über den Reporter gesagt, acht Jahre nach dem Abitur? Und doch: Ist die so laut geäußerte Warnung davor, es würde doch nur spekuliert, nicht auch eine einfache Art, der bitteren Wahrheit auszuweichen, weil man dann keine Fragen mehr stellen muss?

In der kleinen Nebenstraße ist es am späten Abend etwas ruhiger geworden. Die ganze Welt kennt sie, seit Onlinemedien das Elternhaus von Andreas Lubitz auf Google-Karten markiert haben. Noch immer bewachen es Polizisten, noch immer surren die Generatoren der Übertragungswagen vor sich hin, noch immer bauen sich verfrorene Gestalten mit nassgeregneten Gesichtern im grellen Kameralicht auf. Ein japanischer Reporter hat sich in einen dicken Parka gehüllt, die fellbesetzte Kapuze hängt ihm tief ins Gesicht. Er sieht aus, als berichte er aus einem Katastrophengebiet. Seit der Tross der Ermittler abgerückt ist, ist hier in dieser Straße die größte Welle der medialen Aufmerksamkeit abgeebbt. Viele Reporter haben sich neue Ziele in der Stadt gesucht. Nun dringt wieder Fluglärm durch die Nacht, Frankfurt Airport ist nicht weit.

Zwei junge Kerle, kaum 15 Jahre alt, geben den verbliebenen Fernsehreportern noch Auskunft. Später kann man sie am Rande des Wohnviertels treffen, wo eine unbebaute Niederung das Quartier vom Rest der Stadt trennt. Sie führen den Hund aus. Was sie den Journalisten denn gesagt haben? "Na, immer das gleiche: Dass wir schockiert sind." Ob sie Andreas Lubitz kannten? "Nein, wir wussten nicht einmal, dass hier ein Pilot wohnt." Und trotzdem haben sie mit der Presse geredet? "Klar, erst mit dem SWR, dann mit der ARD, mit den Norwegern und mit dem polnischen Fernsehen."

Verzweifelte Suche der Journalisten

So geht es überall zu in der Stadt, auch am Freitag noch. Vor dem Pfarrhaus an der evangelischen Pauluskirche sammeln sich Berichterstatter aus Frankreich, Belgien, Spanien, Deutschland, weil Pfarrer Johannes Seemann gesagt hat, die Mutter des Copiloten sei Organistin in der Gemeinde gewesen. Sie bestürmen Seemanns Frau mit ihren Fragen, die mit bewundernswerter Geduld in der Tür steht und die immer gleichen Antworten gibt, die jeder schon gehört hat: "Wir sind alle betroffen." "Nein, wir kennen den Sohn nicht." "Es ist sehr schwer für die Familie." "Wir können nicht mehr sagen." "Es gibt keine Antworten." "Wir versuchen, Haltung zu bewahren."

Je mehr Journalisten nach Montabaur kommen, je mehr Zeit vergeht, desto verzweifelter wird ihre Suche. Einige sollen in einem Supermarkt jeden Kunden an der Kasse gefragt haben, ob er "Andreas" kennt. Offenbar ist ihnen der Nachname zu schwierig und es wissen ja ohnehin alle, um wen es geht. Andere durchstreifen die Gassen der Innenstadt. Doch allzu oft stellt sich ein angesprochener Passant selbst als Berichterstatter vor. Am Frühstückstisch hört ein Gast das Telefonat seines Nachbarn mit. "Haben Sie seinen Hausarzt gesprochen?" "Nein, das war mein Hausarzt."

Ein Redakteur der örtlichen Westerwälder Zeitung schreibt: "Es ist ein Haus mit Schieferdach und heruntergelassenen Rollläden. Und damit wäre die Geschichte eigentlich auch schon erzählt. Es gibt hier nichts zu filmen und wenn man ehrlich ist, gibt es auch nicht viel zu berichten."

Doch gerade auf dieses Wenige kommt es an. Denn alles, was man in Montabaur sehen kann, spricht von einem ganz normalen Leben, wie es sehr viele Menschen führen. Irgendwann ist in dieses Leben etwas Monströses eingebrochen. Es muss seinen Ursprung nicht in der Kindheit und Jugend von Andreas Lubitz gehabt haben, nicht in seinem Umfeld, nicht in seiner Familie. Vielleicht wurde er irgendwann einfach krank. So etwas geschieht nicht selten.