Auch so sah sein Leben aus: Das Haus, vor dem sich die ersten Narzissen entfalten, bauten seine Eltern vor mehr als zwanzig Jahren. Sie müssen zu den ersten Bauherren in ihrem Wohnviertel gehört haben. Seither sind um ihr Grundstück herum immer größere, schickere Einfamilienhäusern gewachsen. Hier zieren weiße Säulen die Haustür, dort umgibt eine terrakottafarbene Mauer ein Anwesen, das ein wenig an eine Festung erinnert. Etwas zurückgesetzt hat sich jemand für moderne Würfelarchitektur entschieden. Wenige Meter weiter entstehen gerade großzügige Eigentumswohnungen, "exklusives Wohnen in wunderschönem Ambiente".

Seit vor zehn Jahren der ICE-Halt gebaut wurde, überbieten sich Banker aus Frankfurt und Unternehmer aus Köln, um solche exklusiven Lagen für sich zu gewinnen. Piloten sind auch darunter. Denn bis an den Main und an den Rhein sind es jeweils nur noch etwas mehr als eine halbe Stunde Fahrt. Immer mehr Menschen flüchten aus den beiden Ballungsräumen in die pittoreske Stadt mit ihrem mittelalterlichen Schloss, ihrem Fachwerkensemble, ihren Handarbeitsläden, in deren Schaufenstern Stickarbeiten mit dem Schriftzug "Ebbes Schönes" feilgeboten werden.

Was kann man in Montabaur noch über Andreas Lubitz erfahren? Wenn man die richtigen Menschen trifft, zumindest so viel: Wann er sein Abitur machte – 2007. Dass er eine Freundin hatte, die Lehrerin ist. Dass er gerne joggen ging. Dass er mit 14 Jahren begann, die Segelfliegerei zu lernen.

Natürlich gibt es Menschen, die mehr wissen

Was sagt das alles über die Tat und ihr Motiv aus? Nichts. Das wissen alle Reporter. Vielleicht wühlen sie deshalb so wild weiter, dass man den Eindruck gewinnen kann, spätestens am Wochenende müsste eigentlich jeder der 12.000 Einwohner mit einem Berichterstatter gesprochen haben.  Doch je stärker die Reporter drängen, je tiefer sie stochern, desto mehr Spuren verwischen sie. Keine Antwort wird besser, wenn sie ein zehntes  Mal gegeben, keine Frage tiefgründiger, wenn sie Dutzende Mal gestellt wird.

Stattdessen haben sich zwei Sphären gebildet, die immer weiter auseinander driften: Jene der medialen Wahrnehmung, die sich vom Elternhaus über das wegen der Osterferien geschlossene Gymnasium bis zum Segelflugplatz erstreckt – und jene Sphäre der Menschen, die zum engen Kreis um Andreas Lubitz gehören.

Denn natürlich gibt es Menschen, die mehr wissen. Und es gibt Leute, die sie schützen, Notfallseelsorger zum Beispiel. Andreas Mann ist leitender Notfallseelsorger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und kein Feind der Presse. Mann findet es vielmehr richtig, wenn genau berichtet wird, was geschehen ist. "Das hilft auch den Betroffenen." Lieber eine noch so schreckliche Wahrheit als diese nagende Unwissenheit.  "Nichts ist belastender als Unklarheit."

Wer mehr weiß, schweigt

Nur bräuchten Trauernde, ob Angehörige oder Freunde, zunächst einen geschützten Raum, in dem sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen können, sagt Mann. "Denn da ist nicht nur Trauer, sondern da kann auch Wut sein oder Aggression. Sie müssen auch mal Unsinn sagen können, ohne dass es gleich aufgezeichnet und kommentiert wird." Und da ist es ganz gleich, ob der Betrauerte Opfer oder Täter ist.

Deshalb schweigt in Montabaur, wer mehr weiß. Deshalb sprechen sie sich untereinander ab, was sie den Reportern doch sagen können. Dies zu akzeptieren heißt nicht, die Berichterstattung aufzugeben. Sondern Geduld aufzubringen und hinzunehmen, dass nicht immer alles sofort mitgeteilt werden kann. Denn die Aufgabe der Reporter bleibt, nach Erklärungen zu suchen.

Und dann sind da noch die anderen. Sie suchen gar nicht nach Informationen, sondern nach Kulissen. Im Hangar des Segelflugvereins steht ein älterer Herr inmitten einer Traube von Kameras. Geduldig beantwortet er jede Frage. "Ist es schwierig, so ein Flugzeug zu fliegen?" Nicht, wenn man einen guten Lehrer hat. "Würden Sie sich mal reinsetzen?" Das dann doch nicht, aber das Cockpit kann er öffnen und die Instrumente erklären. Doch da dreht sich die Reporterin schon wieder weg, die Bilder sind im Kasten. Derweil baut sich ein Schlacks vor dem Elternhaus von Andreas Lubitz auf und drückt seiner Kollegin ein Tablet in die Hand. "Auftrag von der Produktion: Ein Selfie. Möglichst ausdruckloses Gesicht."

Zwanzig Autominuten nordöstlich brennen zur gleichen Zeit vor dem Feuerwehrhaus in dem 900-Seelen-Nest Rothenbach zwei Grableuchten unter einer auf Halbmast gesetzten Fahne. Zwei Opfer des Absturzes stammen von hier, junge Männer, 24 und 28 Jahre alt. Noch einmal zehn Minuten weiter, in Westerburg, haben die Bürger Blumen an einem zentralen Brunnen abgelegt. Noch ein Opfer. Fernsehteams sind nirgends zu sehen.