Zum Beispiel Blockupy. Nachdem vergangene Woche die Proteste gegen die neue EZB-Zentrale in Frankfurt eskalierten, war Rainer Wendt allgegenwärtig: Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft kritisierte nicht nur die Gewalt der Demonstranten, sondern forderte auch, während des G-7-Gipfels im Juni das Schengen-Abkommen auszusetzen. Mehr Sicherheit auf Kosten von Bürgerrechten, in diesem Fall der Reisefreiheit, so geht seine Rechnung. Die Bürger sind in diesem Szenario die Gegner der Polizei: Sie müssen beobachtet, bewacht und gemaßregelt werden.

Doch das ist eine Sicht, die viele Beamte nicht mehr teilen. Im Gegenteil: Die Polizei sei darauf angewiesen, mit den Bürgern zusammenzuarbeiten, sagt Christian Hamm, ein Polizist aus Rheinland-Pfalz. "Ein Dialog spart uns später ganze Hundertschaften." Hamm hat seine Masterarbeit über Chancen und Risiken der Bürgerbeteiligung geschrieben. Er kommt zu dem Schluss: Eine Polizei, die den Bürgern erklärt, warum sie welche Maßnahmen ergreift, ist akzeptierter und kann deshalb ihre Arbeit besser machen. Seine Thesen treffen offenbar einen Nerv. Für seine Arbeit bekam er den Zukunftspreis Polizeiarbeit der Deutschen Hochschule der Polizei.

Hamm bekommt außerdem Unterstützung von prominenter Seite: "Die Bürger müssen der Polizei vertrauen, damit sie in einem Rechtsstaat funktionieren kann", sagte Holger Münch, der Präsident des Bundeskriminalamts am Wochenende auf dem Grünen Polizeikongress. Dort hat auch Hamm seine Arbeit vorgestellt. Münch sieht eine Bringschuld der Polizei: Den Vorbehalten der Bürger müsse durch Transparenz begegnet werden.

Fußstreife, mobile Wachen und ein Sozialpraktikum

Doch wie kann Bürgerbeteiligung bei der Polizei überhaupt aussehen? Dieser Frage will Christian Hamm nun konkreter nachgehen: in einer Arbeitsgruppe, die das Polizeipräsidium Ludwigshafen eingerichtet hat – auch als Reaktion auf seine Masterarbeit. Eine ihrer ersten Maßnahmen ist das Onlineforum Polizei im Dialog: Ab April können Menschen in Ludwigshafen sich dort anmelden und mit Polizisten austauschen. Sechs Pilotdienststellen testen außerdem, wie sie mehr Kontakt zu den Bürgern herstellen könnten. Dass Polizisten häufiger zu Fuß auf Streife gehen, ist eine Möglichkeit, auch wenn das unter den Beamten eher unbeliebt ist. Eine andere Idee ist, mobile Wachen einzurichten, damit der Weg zur Polizei nicht so weit ist. Auch Transparenz spielt eine Rolle: Es könnten Blitzer-Daten anonymisiert veröffentlicht werden – um dem Gefühl des einzelnen entgegenzuwirken, dass immer nur am selben Ort gemessen würde.

Ein Polizist aus Köln sagt, er sei für eine Kennzeichnungspflicht der einzelnen Beamten, wie es sie in Berlin schon gibt. Er halte auch ein Sozialpraktikum während der Ausbildung für denkbar: Angehende Polizisten könnten beispielsweise in der Jugend- oder Suchthilfe arbeiten, um Polizeiarbeit auch mal aus der anderen Perspektive zu erleben – wenn Menschen sich ihr ausgeliefert fühlen.

"Bisher gibt es Bürgerbeteiligung immer nur punktuell", sagt Hamm. "Wir müssen aber ab jetzt bei allen Projekten prüfen, wie wir die Menschen einbinden können." Eine einsatzbegleitende Pressearbeit gibt es schon lange, inzwischen auch oft in den sozialen Medien. Hamm möchte aber darüber hinausgehen: "Warum fragt man die Anwohner nicht schon vor einer Demonstration, welche Bedenken sie vielleicht haben?"

Doch Bürgerbeteiligung hat auch Grenzen: Wenn es um Festnahmen oder Ermittlungen geht, müsse die Polizei allein die Verantwortung tragen, sagt Hamm. Immer dann also, wenn in die Grundrechte von Menschen eingegriffen wird. Deshalb spricht er sich deutlich dagegen aus, Bürger zu Hilfspolizisten zu machen oder Bürgerwehren einzurichten.

Bürgernähe darf auch nicht dazu führen, die Autorität zu verlieren. Ein Polizist aus Frankfurt am Main erzählt, dass die Grenze schnell überschritten sei, wenn Jugendliche ihn während einer Kontrolle duzen. Hamm habe trotzdem keine Sorge vor einer "Polizei Light", sagt er. Das Recht, auch Gewalt einzusetzen, nehme ihnen niemand. Aber das könne nur die letzte Stufe sein – Hamm geht es um das, was davor geschieht.