Hätte der Absturz der Germanwings-Maschine verhindert werden können? Das ist eine Frage, die viele Menschen umtreibt. Am Montag bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass Andreas Lubitz vor Jahren wegen Suizidgedanken behandelt wurde. Danach lebte er unauffällig, bestand auch alle strengen medizinischen und psychologischen Tests für Piloten. Zuletzt allerdings war Lubitz in ärztlicher Behandlung und am Tag des Absturzes krankgeschrieben. Warum, das sagt die Staatsanwaltschaft nicht.

Der Copilot hat diese Arbeitsunfähigkeit vor der Lufthansa verheimlicht. Der Verkehrsexperte der CDU, Dirk Fischer, spricht sich daher für eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht aus. "Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Diese Ärzte müssen gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein", sagte er der Rheinischen Post.


Die ärztliche Schweigepflicht ist – darauf verweist die Bundesärztekammer – ein hohes Gut, sowie vielleicht die wichtigste Voraussetzung, damit sich Arzt und Patient vertrauen können. Gäbe es keine ärztliche Schweigepflicht, würden vor allem Menschen mit psychischen Problemen keine Hilfe mehr suchen, da ist sich Dieter Best, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) sicher. Sie müssten dann mit der ständigen Sorge leben, den Arbeitsplatz zu verlieren – was bei einer Informationspflicht, wie sie Fischer vorschwebt, der Fall wäre. Und Nahla Saimeh von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie gibt zu bedenken: "Menschen können andere täuschen – auch in psychologischen Untersuchungen. Man kann ihnen als Arzt oder Therapeut nur helfen, wenn sie das Gefühl haben, ihre manchmal auch schlimmen Gedanken in einem geschützten Raum aussprechen zu können."

"Depressionen, Selbstmordgedanken, das alles würde dann nicht mehr behandelt sondern mit sich ausgemacht", warnt auch der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Die drei halten von dem Vorschlag, die Schweigepflicht zu lockern, nichts. Auch der Gesundheitspolitiker der CDU, Jens Spahn, ist dagegen. 

Viele Ausnahmen von der Schweigepflicht

Die Schweigepflicht für Ärzte und Therapeuten ist im Strafgesetzbuch verankert, die Ausgestaltung wird durch das Berufsrecht geregelt. Grundsätzlich dürfen Ärzte und Therapeuten Dinge, die sie während einer Behandlung über ihre Patienten erfahren nicht an Dritte weitergeben. Dazu gehörten auch schriftliche Mitteilungen des Patienten, Aufzeichnungen, Röntgenaufnahmen und sonstige Untersuchungsbefunde, betont die Bundesärztekammer. Anders ist das, wenn der Patient den Arzt von seiner Schweigepflicht entbindet. Tut er dies nicht, gilt sie sogar über den Tod hinaus.

Allerdings hat der behandelnde Arzt oder Therapeut schon heute die Pflicht, sein Schweigen zu brechen, wenn es klare Anzeichen dafür gibt, dass der Patient sich oder andere gefährden könnte. Laut Strafgesetzbuch muss er schwere geplante Straftaten (Mord, Totschlag, Geiselnahme) bei der Polizei anzeigen, sonst macht er sich strafbar. Geistliche hingegen dürfen tatsächlich jedes Geheimnis, das ihnen als Seelsorger anvertraut wurde, für sich behalten.

Ärzte und Therapeuten müssen nach Angaben der Bundesärztekammer immer denjenigen warnen, der durch den Patienten gefährdet sein könnte: Zum Beispiel den Sexualpartner eines HIV-Infizierten, wenn dieser seine Ansteckungsgefahr verschweige. Wenn es bei der therapeutischen Behandlung von Kindern Hinweise auf einen Missbrauch gibt, darf nach Angaben von DPtV-Vize Best auch das Jugendamt informiert werden.

Schwierige Abwägung

Tatsächlich ist es für den Arzt oder Therapeuten schwierig zu entscheiden, ob die Indizien für eine Gefährdung den Bruch der Schweigepflicht rechtfertigen. Denn tut er dies ohne ausreichende Begründung, droht ihm eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe. Best und Saimeh raten ihren Kollegen deswegen, sich immer juristischen Rat einzuholen. "Man muss schon sehr deutliche Hinweise auf eine bevorstehende Straftat oder einen Suizid haben", sagt Best. Wenn ein Arzt die Schweigepflicht gegen den Willen des Patienten bricht, kann das aber auch das Ende der Therapie bedeuten. Ein Therapeut müsse abwägen, ob dies im Sinne seines Patienten und seines Umfelds sei. Schließlich komme man anschließend vielleicht überhaupt nicht mehr an ihn heran.