Wann kommen die Angehörigen, welcher Ablauf ist geplant, wo werden sie schlafen? Francis Hermitte will dazu am liebsten gar nichts sagen. Am Donnerstagmorgen gibt der Bürgermeister von Seyne-les-Alpes die erste internationale Pressekonferenz seines Lebens. Er ist 59 Jahre alt und seit 20 Jahren Bürgermeister.

Die Ermittlungsergebnisse der Marseiller Staatsanwaltschaft zum verunglückten Germanwings-Flugzeug sind an diesem Vormittag noch nicht bekannt. Der Donnerstag soll den Familien gewidmet sein, den Angehörigen der Opfer, die am Nachmittag in Seyne erwartet werden. Im Nachbarort Le Vernet ist eine Zeremonie geplant, in Seyne selbst am Abend ein Gottesdienst.

Während Hermittes Pressekonferenz landen in Marseille zwei Flugzeuge mit den Familien der Passagiere und eins mit den Angehörigen der Besatzung. Die meisten, so vermutet der Bürgermeister am Vormittag, werden am Abend zurückfliegen wollen. Gerade werde geklärt, ob das Nachtflugverbot aufgehoben wird. 300 bis 400 Menschen könnten eintreffen – Seyne ist vorbereitet, die Bewohner haben Zimmer, Wohnungen und Häuser zur Verfügung gestellt.

Nachdem die Fernsehteams das Rathaus wieder verlassen haben, steht Hermitte in seinem Büro am Fenster. Er kann das Jugendzentrum sehen, in dem das Lager für die Angehörigen mit einer kleinen Kapelle aufgebaut ist. Etwas weiter hinten starten und landen die Hubschrauber. Dahinter liegt die Unglücksstelle.

Tägliche Krisensitzungen, Gespräche mit den Angehörigen

In einem kaum acht Quadratmeter großen Nebenraum hat das Auswärtige Amt sein provisorisches Büro eingerichtet. Die deutsche Botschafterin aus Paris, Susanne Wasum-Rainer, ist gleich am Dienstag angereist. Sie koordiniert die Arbeit des Auswärtigen Amts in Seyne. Tägliche Krisensitzungen, der Ablauf des Staatsempfangs, Gespräche mit den Angehörigen: Sie steht mit allen in Kontakt und organisiert, was nötig ist. "Wir versuchen, Trost zu spenden und die Angehörigen in allen organisatorischen und konsularischen Fragen zu entlasten." Die Bürokratie kann sie ihnen abnehmen, den Schmerz nicht.

Kurz nach 12 Uhr klopft es an ihrer Tür, bald beginnt die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft. Im Rathaus gibt es keinen Fernseher, also hat der Bürgermeister alle zu sich nach Hause eingeladen. Einen Moment später klopft es wieder: Es ist dringend. Sie muss sofort los.

Unverständnis und Wut

Eine Viertelstunde später erfährt auch die Öffentlichkeit, was passiert ist. Susanne Wasum-Rainer sitzt zu diesem Zeitpunkt schon in einer weiteren von vielen Krisensitzungen. Die Maschine ist nicht verunglückt, der Copilot hat den Absturz vorsätzlich verursacht. So lautet die Schlussfolgerung der Staatsanwaltschaft in Marseille.

Zu Schock und Trauer kommen jetzt Unverständnis und Wut. Eva, die junge Kassiererin, die jeden Tag im Supermarkt steht und, wenn gerade niemand einkauft, die Nachrichten im Fernsehen verfolgt, findet kaum Worte. "Wieso reißt er so viele Menschen in den Tod? Wie ist das möglich?"

Im Hotel-Restaurant La Chaumière diskutieren die Betreiber über das eben Gehörte. Ein Terrorist? Ein Amokläufer? Wie nennt man Menschen wie Andreas Lubitz, die zunächst in kein klassisches Profil passen?