Schock, Trauma, der Boden unter den Füßen ist weg, wenn Angehörige oder Freunde bei einem Unglück sterben. Alle Fluglinien haben für solche Fälle Notfallteams, stellen Seelsorger und Psychologen für die akute Unterstützung. Man sorge dafür, dass alle die Hilfe bekommen, die sie benötigen, sagte eine Sprecherin von Germanwings. Auch an allen Flughäfen gibt es solche Akuthelfer, die jederzeit bereitstehen.

Am Flughafen Düsseldorf waren am Dienstag 15 Mitarbeiter der Flughafenseelsorge und der Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland im Einsatz. "Da geht es erst einmal um nicht viel mehr als Aushalten und Beistehen", sagt Jens Peter Iven, Sprecher der Evangelischen Kirche. Auch am Mittwoch blieben fünf Seelsorger am Flughafen. Sie stehen nicht nur den Angehörigen zur Seite, sondern auch den Mitarbeitern von Germanwings. "Denn die Mitarbeiter stehen genauso unter Schock und haben Kollegen und Freunde verloren."

Experten raten allerdings dazu, sich auch selbst Hilfe zu suchen und sich nicht auf die Airline zu verlassen. "Gerade eine langfristige Begleitung müssen sich die Betroffenen mehr oder weniger selbst organisieren", sagt Christoph Wellens. Er ist Vorsitzender des Vereins Crash, der Opfer von Unfällen und Katastrophen vertritt und unterstützt. Er empfiehlt, sich an neutrale Helfer zu wenden, am besten am eigenen Wohnort.

Wellens Verein gründete sich nach dem Absturz der Concorde in Paris im Jahr 2000 und hat seitdem Opfer vieler Unglücke begleitet. Auch mit Familien des Germanwings-Unglücks hat er Kontakt. Wellens traut den Fluggesellschaften nicht so richtig. "Das Interesse der Airlines ist groß, dass der Unfall schnell in Vergessenheit gerät und dass Ansprüche mit kleinem Geld bezahlt werden", sagt er. Sie wollten das Thema vor allem aus den Medien bekommen, das Geschäft sei nun einmal "knallhart".

Betroffene möglichst lange begleiten

Das Problem mit Traumafolgen ist: Sie zeigen sich oft erst nach Wochen, Monaten oder Jahren. "Bei vielen Betroffenen bildet sich spontan eine Art Funktionsmodus heraus, um unmittelbar mit dem Alltag und den Anforderungen zurecht zu kommen, die auf sie einstürmen", sagt Kai Fritzsche. Er ist Traumatherapeut und Ausbilder für solche Therapeuten. Im akuten Fall sei es oft schwer zu entscheiden, ob eine Traumatherapie notwendig sei oder nicht. "Man kann nicht von jemandem im Schockzustand verlangen, auf die Frage, ob er eine Therapie will, eine Antwort zu haben", sagt Fritzsche. Es wäre daher wünschenswert, wenn die Betroffenen über einen längeren Zeitraum begleitet würden, um einschätzen zu können, wie sie das Trauma bewältigen. Dabei müsse geschaut werden, ob sie Symptome einer Belastungsstörung ausbilden oder nicht. Ist das der Fall, bezahlen Krankenkassen selbstverständlich die psychotherapeutische Behandlung bei einem Spezialisten.

Die Akutphase wird vom Deutschen Roten Kreuz und von den Airlines gut abgedeckt. Die lange, schwierige Zeit danach jedoch eher nicht. Die Betroffenen müssen sich selbst an Beratungsstellen oder eben an Traumatherapeuten wenden.

Auch Kirchen versuchen, diese Lücke zu füllen. In Haltern, das in das Gebiet der Evangelischen Kirche von Westfalen fällt, sind 15 Seelsorger damit beschäftigt, die Verwandten und Mitschüler der verunglückten Schüler zu betreuen. Außerdem haben die Evangelische Kirche im Rheinland und die von Westfalen regionale Teams im Einsatz, die in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit weiteren Opferfamilien Kontakt aufnehmen.

Crash hat einige Hinterbliebene bis zu eineinhalb Jahre lang begleitet, sagt Wellens. Der Verein hat dabei nicht nur ihre Fragen beantwortet, sondern sie auch über die Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten, sich um ganz alltägliche Sorgen gekümmert, sie mit Geld unterstützt. Es sei für Betroffene schwierig genug, ihren Alltag zu regeln, sagt Wellens, vor allem wenn derjenige gestorben ist, der das Geld verdient hat.

Quälender Streit ums Geld

Das sogenannte Abkommen von Montreal regelt, wie viel Geld Fluggesellschaften nach einem Absturz an die Opfer zahlen müssen. Die genaue Höhe müssen die Betroffenen aber nachweisen, beispielsweise in dem sie der Airline vorrechnen, wie viel der Tote verdiente und wie lange er die Familie noch hätte unterstützen können. Oft endet so etwas vor Gericht und ist für die Hinterbliebenen quälend. Je mehr ihnen Betreuer dabei abnehmen könnten, desto erleichterter seien die Betroffenen, sagt Wellers.

Germanwings sagt, man wisse nicht, wie lange man Hilfe bereitstelle. "Das ist auch für uns eine komplett neue Situation", so eine Sprecherin. "Wir versuchen, allen unbürokratisch Unterstützung zukommen zu lassen." Und Lufthansachef Carsten Spohr versprach: Man werde den Betroffenen jede erdenkliche Hilfe gewähren, sei sie psychologischer oder finanzieller Art.

"Wir haben viel gelernt nach dem Tsunami von 2004, als viele Überlebende hier in Düsseldorf angekommen sind", sagt Iven. Familien, deren Verwandte während der Loveparade in Duisburg starben, haben die Seelsorger ebenfalls begleitet – auch über die erste Phase hinweg. "Im Moment stecken wir noch mitten in der Akutphase und arbeiten vor allem daran, welche Hilfe wir jeweils für die einzelnen Betroffenen organisieren können", sagt Iven. Doch es sei wichtig, den Betroffenen später weiter beizustehen. "Nach dem Tsunami haben sich beispielsweise regelmäßige Treffen der Angehörigen als gute Methode im Trauerprozess bewährt."

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