Im ersten Moment klingt es nach einer sinnvollen Idee: Damit nicht weiter Tausende Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer sterben, soll schon in Nordafrika entschieden werden, ob sie in Europa Asyl erhalten. Die EU richtet auf afrikanischem Boden Asylzentren ein: Wer als Flüchtling schutzbedürftig ist, der kann legal nach Europa weiterreisen. Wer abgelehnt wird, muss in sein Heimatland zurück. Kein Mensch müsste mehr sein Leben auf dem Meer riskieren. Und den menschenverachtenden Schlepperbanden wird das Geschäft verdorben. Soweit die Theorie.

Doch schon beim Versuch, dem ganzen einen Namen zu geben, fängt der Streit an. Willkommenszentrum, Asyl-, Informations- oder Flüchtlingszentrum? Oder Auffanglager oder Auffangstellen, von denen Kritiker und auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sprechen? Je nach Lesart geht es bei dem Vorschlag nämlich darum, Flüchtlinge von der gefährlichen Überfahrt übers Mittelmeer – oder ganz von der Reise nach Europa abzuhalten. Also ein Beitrag für eine menschlichere Flüchtlingspolitik oder ein weiterer Baustein für die Festung Europa?

Dass bei der Rede von Flüchtlingslagern in Nordafrika trotzdem viele ablehnend reagieren, liegt in der Entstehungsgeschichte der Idee. 2004 nahm der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) den ursprünglich britischen Vorschlag auf, EU-Beamte bereits in Afrika die Asylanträge von Flüchtlingen prüfen zu lassen. Anlass war damals die Rettung von Afrikanern aus dem Mittelmeer durch ein Schiff der Hilfsorganisation Cap Anamur, das die Menschen nach Italien brachte und dafür heftig kritisiert wurde. In Union und SPD fand Schilys Idee vereinzelt Zustimmung, ansonsten war die Ablehnung eindeutig – auch in der EU-Kommission: Es gehe nur darum, Flüchtlingen den Weg nach Europa zu versperren, so der Vorwurf.

Der heutige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat den Vorschlag nun aufgegriffen und findet mehr Verbündete: in Deutschland, europäischen Regierungen sowie in Brüssel. Das liegt an den gestiegenen Flüchtlingszahlen. Schätzungsweise 278.000 Menschen flohen vergangenes Jahr vor Armut oder Gewalt in die EU, 155 Prozent mehr als 2013. Die Grenzschutzagentur Frontex rechnet in diesem Jahr mit 500.000 bis zu einer Million Flüchtlingen, die allein über Libyen einreisen. Mit der Zahl der Flüchtlinge wächst auch die Zahl der Toten im Mittelmeer: Mehr als 3.000 Menschen waren es 2014, in diesem Jahr sind es nach UNHCR-Angaben bereits etwa 470 Opfer – im Vergleich zu 15 im Vorjahreszeitraum. Und die Hauptsaison für die Flüchtlingsboote geht mit den abnehmenden Winterstürmen bald erst richtig los.

Angesichts solcher Zahlen suchen Europas Politiker geradezu verzweifelt nach Lösungen, den Zustrom an Menschen steuern und begrenzen zu können und das weitere Sterben im Mittelmeer zu verhindern. Im Oktober diskutierte der Rat der Innen- und Justizminister die Idee der Asylzentren erstmals, neben Italien und Österreich konnte de Maizière auch den zuständigen EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos für die Idee begeistern. Auf ihrem Treffen im März beschloss der Rat dann "Maßnahmen der verbesserten Steuerung der Migrationsströme", mit denen die Einrichtung von Zentren in Nordafrika, dem Mittleren Osten und am Horn von Afrika möglich werden sollen. Unter Leitung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR oder der Internationalen Organisation für Migration (IOM) soll dort informiert werden: Über Risiken und legale Einreiswege, "freiwillige Neuansiedlung" in anderen afrikanischen Staaten oder Landesteilen und "Rückkehrmaßnahmen" in die Heimat. Nach Angaben der EU-Kommission wird ein Pilotprojekt in Niger diskutiert. Aber noch sei keine Entscheidung gefällt, die Idee solcher Zentren ein "Langzeitprojekt". Avramopoulos soll bis zum Sommer den Vorschlag ausarbeiten. Dann will die EU-Kommission ohnehin eine Strategie zur Asylpolitik vorlegen, die legale Einwanderung ermöglichen, Menschenhandel bekämpfen, Grenzen effektiver überwachen und ein europäisches Asylsystem schaffen soll. Die Asylzentren könnten ein Teil dieser Strategie sein.

Ein ziemlich unausgegorener Teil allerdings. Denn selbst für die Befürworter steht die Idee solcher Zentren vor großen Hürden. Die für die Bundesregierung größte dürfte das deutsche Grundgesetz sein: "Der Antrag auf Asyl kann nur auf deutschem Boden gestellt werden", lautet der Kommentar aus dem Justizministerium, das neben dem Innenministerium und dem Auswärtigen Amt für das Thema zuständig sein soll. Bislang habe man aber nur aus der Presse von der Idee erfahren, heißt es im Justizministerium. Zwar könne man den Weg zum Asylantrag natürlich ändern, heißt es. Doch wegen dieser Hürde geht das Justizministerium eher davon aus, dass die Zentren nur der Beratung und Information von Flüchtlingen dienen sollen.