Eberhard Schockenhoff hat wenige Stunden nach unserem Interview einen Vortrag in Ingolstadt. Sein Thema: assistierter Suizid. Der Freiburger Professor für katholische Moraltheologie ist einer der gefragtesten Experten für alle ethischen Entscheidungen zwischen Lebensbeginn und -ende. Präimplantationsdiagnostik, Organtransplantation und eben auch menschenwürdiges Sterben. Es gebe kein Recht, den Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen, wird er abends sagen. Das ist die Position der katholischen Kirche.

Was soll man tun? Was darf ich tun? Wie Schockenhoff diese Fragen beantwortet, hat Gewicht. Nicht nur beim Publikum der katholischen Erwachsenenbildung in Ingolstadt, nicht nur in der Bischofskonferenz, sondern auch im politischen Berlin. Der 62-Jährige ist seit 2001 Mitglied des Deutschen Ethikrates. Eberhard Schockenhoff studierte Theologie in Tübingen und Rom. Im eher linken Tübingen zählte er zu den Konservativen. Nach Priesterweihe und Professur galt er als möglicher Bischofskandidat und treuer Sohn der Kirche. Spätestens seit er 2011 das Theologenmemorandum unterschrieb, ist er seiner Kirche in sichtbar kritischer Loyalität verbunden. Er wünscht sich Reformen der Struktur und der Lehre. Die Handreichung des Erzbistums Freiburg, die den Kommunion‑empfang für wiederverheiratete Geschiedene ermöglicht, ist von seinen Gedanken inspiriert.

Eberhard Schockenhoff ist zwar noch immer Seelsorger, doch selten spricht er öffentlich über seinen Glauben – und seine Trauer. Im Dezember vergangenen Jahres starb sein jüngerer Bruder Andreas im Alter von 57 Jahren. Politikkennern war der CDU-Mann als Außenpolitiker vertraut, einem Milllionenpublikum wurde Andreas Schockenhoff vor allem durch einen Satz bekannt: "Ich bin alkoholkrank", gestand er öffentlich, nachdem er im Juli 2011 beim Ausparken ein anderes Auto gerammt und Fahrerflucht begangen hatte. Andreas Schockenhoff machte zum ersten Mal eine Therapie, gab Interviews zum Thema Sucht und stellte sich den Fragen von Günther Jauch. Er erzählte Journalisten vom Krebstod seiner ersten Frau, vom Leben als alleinerziehender Vater dreier Kinder, vom Scheitern seiner zweiten Ehe. Nach einer kurzen Auszeit kehrte er in den Politikbetrieb zurück.

Kurz vor Weihnachten 2014 zelebrierte Eberhard Schockenhoff die Beerdigungsmesse für seinen Bruder in Ravensburg. Von einer Tragödie sprach er in der Predigt. "Behalten Sie ihn in guter Erinnerung", sagte er beim Trauergottesdienst in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale vor der versammelten Parteiprominenz. Danach hat er in den Medien nicht mehr über den Bruder gesprochen.

Wir kennen uns, seit wir ein gemeinsames Buch über das Gewissen geschrieben haben. Eberhard Schockenhoff sagt spontan ein Interview über Ostern, Tod und Auferstehung zu. Am Tag nach unserem Gespräch reist er zu einer Tagung des Deutschen Ethikrates nach Istanbul. Wenige Minuten, nachdem wir das Interview in Ingolstadt beendet haben, wird die Nachricht vom Absturz der Germanwings-Maschine bekannt. Diese Tragödie kommt im Gespräch nicht vor. Oder vielleicht doch.

Frage: Ihr Bruder, der Politiker Andreas Schockenhoff, ist vor wenigen Monaten gestorben. Glauben Sie, dass Sie ihn je wiedersehen?

Eberhard Schockenhoff: Ich habe für ihn das Requiem gehalten, und als ich an seinem Grab stand, war ich mir ganz sicher, dass das kein Abschied für immer ist. Allerdings glaube ich nicht an eine familiäre Wiedersehensfeier im Himmel, wie man sich das so kindlich vorstellt. Das menschliche Leben findet in Gott seine Vollendung. Das ist radikal unanschaulich. Jedes Bild, das wir uns davon machen, kann nur eine Denkhilfe sein. Näher ausmalen möchte ich mir das nicht.

Frage: "Andreas Schockenhoff wird ganz bei Gott sein", hieß es bei der Beerdigung. Hat Ihr Bruder das geglaubt?

Schockenhoff: Er war überzeugter Christ. Ich hoffe, dass er es geglaubt hat.

Frage: Also kein billiger Trost?

Schockenhoff: Nein, ganz bei Gott sein heißt ja, das Kreuz ist nicht der Endpunkt, auch wenn es erst einmal so scheint. Das Markusevangelium schließt mit dem Satz "Und die Jünger fürchteten sich sehr." Auch die Jünger brauchen eine Weile, um zu verstehen, was da eigentlich geschehen ist. Aber dann kommt der Umschwung: Sie finden zusammen und vertrauen sich dieser Lebensbewegung an, die Jesus angestoßen hat. "Bei Gott sein" bezieht sich aber auch auf das Leben vor dem Tod. Es heißt auch, nicht nur auf das zu vertrauen, was man selbst erreichen, erarbeiten und festhalten möchte. Es heißt, geben und lieben zu können, ohne zu fragen: Was bekomme ich dafür? Ich nenne das die Lebenskunst der leeren Hände, darin vermittelt sich die Hoffnung auf die Auferstehung.

Frage: Können Sie so leben?

Schockenhoff: Ich versuche es. Ich habe Menschen erlebt, bei denen ich im Sterben etwas von dieser festen Hoffnung gespürt habe.

Frage: Gehörte Ihr Bruder zu den Menschen mit dieser Hoffnung?

Schockenhoff: Er war ein sehr optimistischer, lebensfroher Mensch. Er hatte hohe Ideale, was die Ehe und die Familie anbetrifft. Aber die Tragik seines Lebens war, dass es ihm nicht vergönnt war, diese Ideale zu leben. Da spielte sicherlich auch sein Alltag als Berufspolitiker eine Rolle. Er war 31, als er in den Bundestag gewählt wurde. Ich erinnere mich, wie seine damalige Frau und er diesen Erfolg feierten. Sie hatten keine Vorstellungen davon, was sie erwartete und was eine politische Karriere für die Familie bedeutete.

Frage: Fanden Sie es richtig, dass er vor einigen Jahren in der Talkshow von Günther Jauch offen über seine Alkoholkrankheit gesprochen hat?

Schockenhoff: Ja, ich fand es mutig. Es war den Menschen in seinem Wahlkreis nicht verborgen geblieben, dass er zu viel trank. Es wurde getuschelt, es gab Gerüchte und Witze über ihn. Dann verursachte er im Juli 2011 nach einem Volksfest mit Alkohol im Blut einen Unfall. Über seine Sucht öffentlich zu sprechen und zuzugeben, dass er Hilfe brauchte, war der einzige Weg, Vertrauen zurückzugewinnen. Das ist ihm auch gelungen. In der Familie ist uns eigentlich erst durch die Nachrufe und die Beileidsschreiben deutlich geworden, welche Wertschätzung in der Politik möglich ist. Auch politische Gegner und Konkurrenten waren beim Requiem in Berlin dabei. Das hat mich tief bewegt.