Am Ende bekam das US-Publikum das, worauf es so lange hatte warten müssen. Ein Bekenntnis, sämtliche Details und sogar ein paar Tränen. Bruce Jenner war der Vorzeige-Athlet einer Sportnation, Nationalheld, Olympiasieger, Werbegesicht. Außerdem, und das ist nicht weniger von Bedeutung in den USA: Realitystar und Stiefvater von Trash-Ikone Kim Kardashian. Über Nacht wurde er nun zum berühmtesten Transgender des Landes. Er ist nicht der erste Prominente in den USA, der offen zu seiner Umwandlung steht. Aber er ist einer der bekanntesten und könnte somit durchaus etwas bewegen. 

"Ich bin eine Frau", auf diese Worte hatte Amerika gewartet. Zumindest all diejenigen, die monatelang die Verwandlung des ehemaligen Zehnkämpfers verfolgt hatten. US-Medien hatten jeden noch so kleinen Schritt Jenners dokumentiert. Mit seiner Offenbarung im US-Fernsehen endet für den US-Sportler und Schauspieler nicht nur ein jahrelanges Versteckspiel sondern auch die monatelange Jagd der US-Medien nach Jenners gut gehütetem Geheimnis. Dass er im falschen Körper stecke, wisse er schon seit seiner Kindheit, sagte Jenner in dem ABC-Interview der Moderatorin Diane Sawyer. Millionen schauten zu, als er erzählte, dass er schon als Kind heimlich die Kleider seiner Schwester getragen hatte. Das Interview, das zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde, wurde in den USA seit Wochen mit Spannung erwartet.

Die Amerikaner lieben solche Geschichten. Aber sind sie auch bereit dafür? Zumindest markiert Jenners Schritt in die Öffentlichkeit einen neuen Geist in der amerikanischen Gesellschaft: Das Thema Transgender scheint in der breiten Öffentlichkeit angekommen, in der Politik, in Hollywood. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio plädierte vor ein paar Monaten für die Möglichkeit, das Geschlecht auf Geburtsurkunden ohne operative Umwandlung ändern zu können. Der Gouverneur Andrew Cuomo hatte verlangt, dass Krankenversicherungen für Geschlechtsumwandlungen aufkommen. Vor zwei Monaten hat US-Außenminister John Kerry einen Diplomaten zum ersten LGBT-Sondergesandten ernannt, der sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender in aller Welt stark machen soll. Dass den Besuchern des Weißen Hauses seit ein paar Tagen eine "genderneutrale" Toilette zur Verfügung steht, ist nur eine symbolische Randnotiz. 

Reality-Serie über Jenners Verwandlung

Auch in der Filmindustrie ist Transgender Thema. Für ihre Rolle als transsexuelle Gefangene in der Netflix-Serie Orange is the new black wurde Laverne Cox für einen Emmy nominiert – als erste Transsexuelle. Die Amazon-Serie Transparant gewann Anfang des Jahres einen Golden Globe. In TV-Shows wie America's Next Topmodel oder Dancing with the Stars treten Transgender-Menschen auf. Dass der Unterhaltungssender E! angekündigt hat, Jenners Weg zur Geschlechtsumwandlung ab Sommer in einer Reality-Serie zu dokumentieren, überrascht nicht.

Und dennoch scheint Amerika von seiner Prüderie noch lange nicht befreit. In mehreren Staaten wurden zuletzt Gesetze zur Religionsfreiheit unterzeichnet, nach denen es Unternehmen erlaubt ist, homosexuelle Kunden abzuweisen. Indianas republikanischer Gouverneur Pence betonte, das Gesetz sei keine Einladung dazu, Schwule, Lesben und Transgender zu diskriminieren. In Wahrheit ist es eine Einladung zur Diskriminierung.

Unterstützung für seine Offenheit bekommt Jenner nicht nur aus der Community. "Heute haben Millionen Menschen gelernt, dass jemand, den sie kennen, transsexuell ist", kommentiert die Präsidentin der schwul-lesbischen Organisation Glaad, Sarah Kate Ellis. Jenners Geschichte werde "unzählige Menschen auf der Welt beeinflussen". Auf Twitter sagten Jenner zahlreiche Prominente und Transgener-Aktivisten ihre Unterstützung zu. Bruce Jenner sei ein mutiger Mensch, der Leben rettet, twitterte etwa Moderatorin Ellen DeGeneres. "Wir erleben gerade, wie Geschichte geschrieben wird", schrieb HipHop-Labelgründer Russell Simmons.

Der heute 65 Jahre alte Jenner hatte 1976 als Zehnkämpfer Olympia-Gold gewonnen. Er wurde als Sportler des Jahres geehrt und zehn Jahre später in die US Olympic Hall of Fame aufgenommen. Die amerikanische Klatschpresse verfolgte jeden Schritt Jenners, der auf eine Umwandlung hindeutete. Jenners manikürte Fingernägel, seine Frisur, der verschwundene Kehlkopf, sein Brustansatz. Keine körperliche Veränderung, die nicht kommentiert wurde.

Was die Boulevardpresse in kleinen Schritten verfolgte, war für Jenner der denkbar größte, die Verwandlung eines Familienvaters und Sporthelden zu seinem wahren Ich. "Hier bin ich, ein Mädchen, das ich im Körper eines Jungen feststeckt – ich hasse dieses Wort," sagte Jenner bei ABC. Und dass er sich nicht länger verstecken wolle. Er habe einige Schönheitsoperationen hinter sich und Hormone genommen, sagte er. Vollständig umoperiert sei er aber noch nicht.

Schätzungen zufolge gibt es 700.000 Transgender in den USA. 41 Prozent der Betroffenen haben einer Studie zufolge bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Auch Jenner habe an Suizid gedacht. Nun hofft er, mit seinem Schritt in die Öffentlichkeit einige Leben retten zu können. Und auch dass er die Bigotterie vieler Landsleute und die konservativen Ultras in den USA durch sein Outing aufrütteln kann. "Was ich mache, wird etwas Gutes bewirken. Es wird die Welt verändern."