Basanta Ghimire macht sich am frühen Sonntagmorgen ein Bild von der Zerstörung. Der nepalesische Student steht auf dem Durbar-Platz in Nepals Hauptstadt Kathmandu – ein Unesco-Weltkulturerbe, das noch am Tag zuvor eine beliebte Touristenattraktion war. Doch anstelle der historischen Tempel und Paläste sieht Ghimire nun zusammengebrochene Holzkonstruktionen und Schutthaufen. "Viele Gebäude sind vollkommen zerstört", sagt der 24-Jährige in einem Telefongespräch mit ZEIT ONLINE. "Vermutlich sind noch immer Menschen unter den Trümmern."

Nachdem am Samstagmittag ein Erdbeben der Stärke 7,8 den Himalaya-Staat erschütterte, gewinnen Rettungskräfte nach und nach einen Überblick über das Ausmaß der Verwüstung. Die Opferzahlen muss die Regierung regelmäßig nach oben korrigieren. 1.910 Tote lautet die jüngste Bilanz der Katastrophe, die Nepals Polizei am Morgen veröffentlichte. In Indien, Tibet, Pakistan und Bangladesch starben insgesamt mindestens 60 Menschen. Mehr als 700 der Toten wurden allein in Kathmandu geborgen. Doch kaum jemand glaubt, dass es bei dieser Zahl bleiben wird.

Fast 24 Stunden nach der verheerenden Erderschütterung kam es noch immer zu Nachbeben. Mehr als 30 Stück zählte die amerikanische Erdbebenwarte USGS bislang. Für die meisten Bewohner Kathmandus war an Schlaf nicht zu denken. "Wir haben die Nacht auf einem offenen Feld verbracht", erzählt Basanta Ghimire, der selbst die ganze Nacht wach war. "Keiner traute sich mehr in die Häuser." Die Kälte und der Regen, der in der Nacht einsetzte, habe die Lage zusätzlich erschwert, erzählt er. Bei nur knapp über zehn Grad harrten die Menschen aus. Auf Twitter zeigt Ghimire ein Foto von den in Decken eingehüllten Menschen, die auf dem Gras liegen. "Es fehlt an allem: Es gibt keinen Strom, die Wasserversorgung funktioniert nicht und es gibt auch kaum etwas zu essen, weil alle Läden geschlossen haben."

Erst langsam beginnt die internationale Hilfe anzulaufen: Die indische Armee landete mit Rettungsteams und 43 Tonnen an Hilfsgütern in Kathmandu. Sie will die Bevölkerung unter anderem mit Lebensmitteln und Zelten versorgen. Auch deutsche Helfer, unter anderem eine Rettungshundestaffel, machten sich auf den Weg in die Katastrophenregion. Die Bundesregierung sicherte dem Land ihre Hilfe zu – ebenso wie unter anderem die Vereinigten Staaten und China. Der Internationale Währungsfonds koordiniere sich eigenen Angaben zufolge mit der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank, um schnell Finanzmittel bereitzustellen. "Unser Land befindet sich in einer Krise und wird enorme Unterstützung und Hilfe benötigen", sagte Informationsminister Minendra Rijal im Fernsehen. Das 30 Millionen Einwohner große Land gehört mit einem Pro-Kopf-Einkommen von unter 1.000 US-Dollar pro Jahr zu den ärmsten Staaten der Welt.

Zu den zerstörten Sehenswürdigkeiten des Tourismuslandes gehört unter anderem der 62 Meter hohe Dharahara-Turm im Zentrum Kathmandus, der 1832 ursprünglich als militärischer Wachturm erbaut wurde, zuletzt aber als Aussichtsplattform diente. Dutzende Leichen wurden aus seinen Trümmern geborgen. Über die Schäden außerhalb der Hauptstadt gibt es erst wenige Informationen. Viele Straßen sind zerstört, auch die Telefonverbindung funktioniert vielerorts nicht. Augenzeugen berichten, dass die Dörfer rund um das Epizentrum 80 Kilometer nordwestlich von Kathmandu fast vollständig zerstört wurden.

Lawine am Mount Everest

Auch am Mount Everest hatte die Naturkatastrophe schwere Folgen. Dort löste das Beben eine Lawine aus. Mindestens 18 Bergsteiger wurden getötet. Noch nie zuvor hat ein Unglück auf dem höchsten Berg der Welt so viele Menschenleben gekostet. Teile des Basislagers waren von den Schneemassen überrollt worden. Mehr als 60 Menschen wurden verletzt. Wegen des schlechten Wetters kamen Hubschrauber mit Rettungsteams erst am Sonntag an.

Auch in der Hauptstadt ist die medizinische Versorgung schwierig. Die Krankenhäuser sind mit der Vielzahl an Verletzten überfordert. Hunderte Menschen müssen im Freien behandelt werden. Fotos von Anwohnern in den sozialen Netzwerken Twitter und Instagram zeigen Patienten, die mit provisorischen Verbänden auf der Straße liegen. Es gibt viele freiwillige Helfer, auch Basanta Ghimire gehört zu ihnen. Die ganze Nacht habe er zusammen mit anderen Anwohnern versucht, Überlebende aus den Trümmern zu bergen und sie zu den Krankenlagern zu bringen. Die Männer arbeiteten mit bloßen Händen und einfachen Werkzeugen. "Ich konnte drei Menschen retten, die mit Knochenbrüchen überlebt hatten", erzählt Ghimire. Oftmals komme die Hilfe jedoch zu spät. "In etwa zehn bis fünfzehn Fällen konnte ich nur noch Leichen aus den Trümmern ziehen."

Der Student berichtet auffallend ruhig und sachlich von den Folgen des stärksten Erdbebens, das seine Heimat seit mehr als 80 Jahren heimgesucht hat. Es scheint, als habe er noch kaum Zeit gefunden, die tragischen Ereignisse auf sich wirken zu lassen. Ruhe gebe es derzeit nicht, sagt Ghimire, dessen eigene Familie 300 Kilometer entfernt lebt und bei dem Beben unversehrt blieb. "Wir rennen, rennen und rennen", sagt er. Die Regierung sei mit den Rettungsarbeiten überfordert. "Wir müssen jetzt einfach helfen, wir haben keine andere Wahl."