Ein halbes Jahrhundert nach den Frankfurter Auschwitz-Prozessen und fast 70 Jahre nach Kriegsende geht es vor einem deutschen Gericht noch einmal um das nationalsozialistische Vernichtungslager, das wie kein anderes für den Holocaust steht. Am Dienstag beginnt vor dem Landgericht in Lüneburg bei Hamburg der Prozess gegen Oskar Gröning, der als "Buchhalter von Auschwitz" bekannt wurde. Das Verfahren geht in vielfacher Hinsicht über den Rahmen anderer Strafprozesse hinaus. Die Staatsanwaltschaft Hannover wirft dem 93-jährigen Gröning vor, zwischen Mitte Mai und Mitte Juli 1944 Beihilfe zum Mord an mindestens 300.000 Menschen geleistet zu haben.

In diesen zwei Monaten kamen 137 Züge in Auschwitz an, in den Viehwaggons wurden vor allem ungarische Juden aus ihrer Heimat deportiert. Die meisten von ihnen wurden an der Rampe von Auschwitz-Birkenau direkt in die Gaskammern geschickt. Auch Oskar Gröning war mindestens einmal selbst auf der Rampe.

Seine Aufgabe war es, das Gepäck der in den Tod geschickten Menschen zu bewachen. Später zählte, sortierte und verbuchte er das Geld, das in der Kleidung oder im Gepäck der Ermordeten gefunden worden war. Nach Auffassung der Staatsanwälte unterstützte Gröning auf diese Weise das Morden in Auschwitz. Dass er in dem Vernichtungslager war, hat Gröning nie bestritten. Vor Gericht will er nun aussagen.

Gröning lebte unbehelligt in der Lüneburger Heide

Für den Prozess haben sich 67 Nebenkläger gemeldet, sie werden von 14 Anwälten vertreten. Alle Nebenkläger sind Angehörige von Menschen, die in Auschwitz ermordet wurden. Einige haben sogar selbst das Vernichtungslager überlebt, sie sollen im Prozess als Zeugen zu Wort kommen. "Sie werden den Toten eine Geschichte und eine Stimme geben", sagt der Rechtsanwalt Thomas Walther, der viele Nebenkläger vertritt. Wegen der großen Zahl der Prozessbeteiligten und des internationalen Medieninteresses findet der Prozess nicht im Lüneburger Landgericht, sondern in einem Saal der Ritterakademie statt.

Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz haben anlässlich des Gröning-Prozesses auch deutliche Kritik an der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland geübt. "Wir kritisieren die jahrzehntelange Untätigkeit der deutschen Justiz und ihr Desinteresse, Gerechtigkeit herzustellen", sagte am Montag Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee, einem Zusammenschluss von Auschwitz-Überlebenden und ihren Organisationen. So steht der Prozess auch für den späten Versuch der deutschen Justiz, die Versäumnisse und Fehler der vergangenen Jahrzehnte beim Umgang mit NS-Verbrechen zumindest nicht zu wiederholen.

Tausende deutsche SS-Leute, die in Auschwitz beim Mord an den europäischen Juden mitmachten, mussten sich nie vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main stellte vor 30 Jahren Ermittlungen gegen Oskar Gröning und andere SS-Männer ein. Jahrzehntelang wurde bei der juristischen Verfolgung von NS-Tätern in der Regel der Nachweis eines einzelnen Mordes gesucht – doch das ist in einem Vernichtungslager wie Auschwitz kaum möglich. So lebte Gröning jahrzehntelang unbehelligt von der Justiz in der Lüneburger Heide.

Im Jahr 2011 wurde in München der frühere SS-Wachmann John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Sobibor schuldig gesprochen. Das Urteil wurde nicht rechtskräftig, weil Demjanjuk vor der Revision starb. Dennoch änderte daraufhin die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg ihre bisherige Praxis und suchte nun gezielt nach Wachleuten in Vernichtungslagern.

Insgesamt 30 Auschwitz-Verfahren leiteten die Ermittler an die Staatsanwaltschaften weiter. Neben Gröning wurden zwei weitere SS-Männer angeklagt, denen Beihilfe zum Mord in Auschwitz vorgeworfen wird. Das Landgericht Neubrandenburg lässt derzeit die Verhandlungsfähigkeit eines früheren SS-Sanitäters prüfen. Auch das Landgericht Detmold muss entscheiden, ob einem ehemaligen Wachmann der Prozess gemacht wird.

In Ludwigsburg wird derweil weiter nach NS-Tätern gesucht. Derzeit gebe es zwölf Vorermittlungsverfahren, sagte der stellvertretende Leiter der Zentralen Stelle, Thomas Will. Noch ist die juristische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nicht vorbei.