Wie oft schießen US-Polizisten? – Seite 1

Am 4. April hat ein weißer Polizist in North Charleston, im US-Bundesstaat South Carolina, einen schwarzen Autofahrer erschossen, der vor ihm wegrennen wollte. Schon wieder? Das dürfte sicher der erste Gedanke gewesen sein, der vielen Menschen durch den Kopf ging. Michael Brown in Ferguson, Missouri, Eric Garner in New York, John Crawford in Dayton, Ohio, Tamir Rice in Cleveland, Ohio – das sind nur einige Fälle der vergangenen Monate, in denen Schwarze unter seltsamen Umständen durch die Hand von Polizisten zu Tode kamen. 

Es drängt sich der Eindruck auf, Schwarze seien sehr viel häufiger Opfer von Polizeigewalt als andere Bevölkerungsgruppen. Aber stimmt er? Schießt die Polizei in den USA häufiger auf Schwarze? Führt sie gar einen "Krieg gegen schwarze Menschen", wie manche Bürgerrechtler sagen?

Die Zahlen dazu sind leider vage. Es gibt in den USA keine offizielle und verpflichtende Statistik, in der registriert wird, wie oft Polizisten aus welchen Gründen auf Zivilisten schießen und zu welcher Ethnie die Getroffenen und die Schützen gehören. Es existieren daher lediglich lückenhafte Daten, die sich unter Stichworten wie "officer involved shootings" oder "Justifiable Homicides", also gerechtfertigte Tötungen, finden lassen. Hier der Versuch, einen Überblick über sie zu geben:

Im Jahr 2001 veröffentlichte das Justizministerium eine Studie zu Schüssen von und auf Polizisten. In Daten aus den Jahren 1976 bis 1998 wurde untersucht, wie oft die Polizei schießt und wie oft auf sie geschossen wird. In "Justifiable Homicide by Police, Police Officers Murdered by Felons" stehen vor allem zwei Ergebnisse: Ungefähr 400 Menschen wurden jedes Jahr von Polizisten erschossen. Durchschnittliche Tendenz leicht steigend. Ungefähr die Hälfte der Toten war weiß (56 Prozent), die andere Hälfte schwarz (42 Prozent).

In der Studie des Justizministeriums wurde die Zahl anschließend in Beziehung zur Bevölkerung gesetzt. Demnach lebten 1998 in den USA 183 Millionen Weiße – die Polizei tötete in diesem Jahr 225. Die schwarze Bevölkerung betrug 27 Millionen Menschen – die Polizei tötete 127. Im Verhältnis zur Größe der Bevölkerungsgruppe starben also sehr viel mehr Schwarze als Weiße. Auch die Hautfarbe der Polizisten im Land wurde dabei erhoben: 1998 waren 87 Prozent der Polizisten in den USA weiß und 11 Prozent schwarz.

Ungenaue Kriminalstatistik

Ähnliche Daten erhebt auch die Bundespolizei FBI. Dort werden die sogenannten Uniform Crime Reports (UCR) gesammelt, so etwas wie die Polizeiliche Kriminalstatistik der USA. Teil der UCR ist eine Tabelle mit den tödlichen Schüssen, die Polizisten abgegeben haben, der Supplementary Homicide Report. Die aktuellsten Zahlen darin stammen aus den Jahren 2009 bis 2013. Auch diese Studie kommt auf die Zahl von ungefähr 400 "Justifiable Homicides", also gerechtfertigten Tötungen pro Jahr, Tendenz steigend.

Die Washington Post verglich die FBI-Daten 2014 mit der Zahl der angezeigten Verbrechen insgesamt. Sie kam zu dem Schluss, dass die Verbrechensrate in den vergangenen Jahren stetig gesunken ist, die Zahl der Tötungen durch Polizisten hingegen nicht.

Die FBI-Daten haben aber mehrere Probleme. Erstens werden sie nicht verpflichtend erhoben, sie sind freiwillig, jede Behörde entscheidet selbst, ob und was sie meldet. Laut USA Today liefern nur 750 der landesweit circa 17.000 Polizeibehörden dem FBI entsprechende Daten.

Zweitens werden darin die Umstände des Todes kaum erfasst und auch nicht, zu welcher ethnischen Gruppe Schütze und Erschossener (es sind fast immer Männer) gehören. Drittens werden darin aufgrund der Richtlinien der Datenbank keine Fälle erfasst, bei denen der Erschossene unbewaffnet war.

Das Datenblog Fivethirtyeight hat diese offizielle Statistik angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass deren Zahlen nicht sehr zuverlässig sind, wenn es um Tode durch Polizisten geht. Zu hoch sei die Gefahr, dass die Todesursache nicht korrekt angegeben wurde oder eine Verwicklung von Polizisten in den Tod unerwähnt blieb. Wie ungenau die Daten sind, kann Fivethirtyeight nicht sagen, der Autor ist sich aber sicher, dass es mehr als die ungefähr 400 Vorfälle sind, die es nach offizieller Zählung pro Jahr in den USA gibt.

Trotz Datenlücken ist der Trend eindeutig

Das Rechercheportal ProPublica hat die FBI-Daten ebenfalls analysiert. Trotz der Lücken und Probleme lasse sich in ihnen ein eindeutiger Trend erkennen, wenn man schwarze und weiße Opfer von Polizeigewalt vergleiche, schreiben die Autoren. Für Schwarze sei das Risiko, von einem Polizisten erschossen zu werden, sehr viel höher als für Weiße. Der Unterschied sei so groß, dass er durch Fehler in den Daten nicht erklärt werden könne. Untersucht hat ProPublica die Daten zwischen 1980 und 2012 aus dem Supplementary Homicide Report des FBI.

Genauere Daten gibt es bei der Polizei von New York City. Sie veröffentlicht jedes Jahr den sogenannten Firearms Discharge Report, in dem aufgeschlüsselt wird, wann Polizisten warum schossen. Hier beispielsweise die Berichte von 2012 und von 2013. Die ausführlichen Statistiken beschreiben unter anderem die Regeln, wann Polizisten schießen dürfen und wann nicht, sie listen auf, wie viele Vorfälle es gibt (ungefähr 100 mit fallender Tendenz), wie viele Schüsse Polizisten dabei abfeuern (inzwischen meistens nur noch einen pro Vorfall), in welchen Stadtbezirken es die meisten Schießereien gibt (Brooklyn), wie lange die Beamten schon im Dienst waren (je mehr Jahre, desto seltener schießen sie) und auch, welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind.

Demnach werden meistens Schwarze von Polizeikugeln getroffen, 2013 traf es sie in 79 Prozent der Fälle. 16 Prozent der Opfer waren Hispanics, fünf Prozent Weiße. Auch hier sind es überproportional viele Schwarze im Vergleich zu ihrem Anteil an der New Yorker Bevölkerung. Meistens schießen außerdem Weiße (54 Prozent), sie stellen die größte Gruppe im New Yorker Polizeicorps (52 Prozent).

Allerdings bringt die Studie der Polizei diese Zahlen in Zusammenhang mit einer zweiten Kategorie: denjenigen Fällen, in denen jemand verdächtig war, in eine kriminelle Schießerei verwickelt zu sein. Die absoluten Zahlen sind dabei nicht vergleichbar. Im Jahr 2013 gab es in New York 1.103 kriminelle Schießereien, aber nur 40 Vorfälle, bei denen ein Polizist bewusst auf einen Menschen schoss, weil er sich oder andere bedroht sah (Intentional Discharge – Adversarial Conflict heißt die Kategorie). Verglichen werden daher nur die relativen Werte. Sie könnten ein Beleg für die These sein, es treffe vermehrt Schwarze, weil sie stärker in Verbrechen verwickelt seien. Aber es widerlegt damit nicht zwingend die Meinung, dass Schwarze aufgrund rassistischer Tendenzen vermehrt Opfer von Polizeigewalt werden. Denn in vielen Fällen hatten die Opfer von Polizeikugeln keine Waffe dabei und es wurde auch keine in der Nähe gefunden.

Zum Vergleich: In ganz Deutschland geben Polizisten pro Jahr selten mehr als 100 Schüsse auf Menschen ab, bei denen jährlich zwischen 8 und 15 Menschen sterben und ungefähr 20 verletzt werden. Hierzulande erhebt das die Innenministerkonferenz, wobei die Ethnie der Opfer nicht erfasst wird.

Bürgerrechtler sammeln eigene Daten

Neben diesen offiziellen Statistiken gibt es in den USA mehrere Untersuchungen von Medien und Bürgerrechtsorganisationen, die die Frage beantworten wollen, wer warum von Polizisten erschossen wird.

Die NAACP, die nationale Organisation für die Förderung farbiger Menschen, untersuchte 2010 in Oakland Polizeistatistiken. Zwischen 2004 und 2008 fanden die Bürgerrechtler demnach 45 Vorfälle, bei denen Polizisten geschossen hatten. Unter den Toten waren 37 Schwarze und kein Weißer. In 40 Prozent der Fälle wurde bei den Opfern keine Waffe gefunden, was wie erwähnt widerlegen könnte, dass es immer um Menschen geht, die zuvor in eine kriminelle Schießerei verwickelt waren.

Das Onlinemagazin ColorLines und das Monatsmagazin Chicago Reporter untersuchten 2007 tödliche Polizeischüsse in zehn großen amerikanischen Städten. In Killed by the Cops kommen sie zu dem Ergebnis, dass überproportional viele Afroamerikaner unter den Toten sind. Vor allem in New York, San Diego und Las Vegas stellten sie die meisten Opfer fest. In jeder der Städte war ihr Anteil doppelt so hoch, als er es angesichts der prozentualen Zahl der Schwarzen in der Gesamtbevölkerung hätte sein dürfen.

Schlussfolgerung: Ja, Schwarze werden in den USA häufiger von Polizisten erschossen als Mitglieder anderer Bevölkerungsgruppen. Dass rassistische Motive dafür verantwortlich sind, dafür gibt es Indizien, aber nicht genug statistische Beweise – weil die Datenlage zu schlecht ist. Allein das ist jedoch ein erstaunlicher Fakt.

Der US-Bundesstaat Missouri hat beispielsweise bereits vor Jahren verfügt, dass eine Statistik aufgebaut werden muss, die festhält, warum Autofahrer von Polizisten kontrolliert werden. In der muss auch stehen, welcher Verdacht die Ursache dafür war und welche Hautfarbe die Insassen des gestoppten Autos hatten. Die Statistik wurde extra geschaffen, um rassistische Übergriffe von Polizisten belegen zu können. Beim Einsatz der Schusswaffe jedoch, der im Zweifel tödlich ist, gibt es eine solche verpflichtende Statistik nicht. Schon gar nicht für die gesamten USA.

Und noch etwas stimmt an den Daten bedenklich: Kaum ein Polizist wurde anschließend bestraft, weil er jemanden erschossen hatte. Fast immer lautete das Urteil später, er habe richtig gehandelt, habe eine Bedrohung bekämpft oder sich selbst verteidigt. Dass ein Polizist, wie jetzt in Charleston, South Carolina, wegen Mordes angeklagt wird, ist die absolute Ausnahme.