Ein Mann rennt vor einem Polizisten weg – und wird mit Schüssen in den Rücken niedergestreckt. Die auf einem Video dokumentierte Szene aus der Stadt North Charleston im US-Bundesstaat South Carolina heizt die Debatte über Polizeigewalt gegen Schwarze an. Menschenrechtsaktivisten riefen für Mittwoch zu einem Protestmarsch vor dem Rathaus auf. Der weiße Polizist muss sich nun wegen Mordes verantworten.

In sozialen Netzwerken war der Tod des 50-jährigen Afroamerikaners in den vergangenen Stunden eines der meistdiskutierten Themen. #WalterScott war unter anderem in den USA, Großbritannien, Deutschland und Südafrika meist genutzter Hashtag auf Twitter. In den Tweets überwog Entsetzen über den neuerlichen Tod eines Schwarzen nach Schüssen eines Polizisten. Besondere Bedeutung wird dem Vorhandensein des Videos beigemessen. Vielfach wurde eine Aussage des Bruders des Erschossenen wiedergegeben: "Was wäre, wenn es das Video nicht gäbe?"   

Die Familie des Opfers hatte sich nach der Festnahme des Polizisten auf einer Pressekonferenz geäußert und lobte den "Helden", der das Video angefertigt hatte. "Nun kennen wir die Wahrheit", sagte der Bruder des Toten, Anthony Scott, wie der TV-Sender MSNBC berichtete. Er denke nicht, dass alle Beamten schlechte Polizisten seien, aber es gebe einige schlechte, sagte Scott.

Der Polizist hatte sich nach dem Vorfall am Samstag auf Notwehr berufen. Er habe um sein Leben gefürchtet, weil der Mann ihm nach einer Verkehrskontrolle seine Elektroschock-Waffe entrissen habe. 

Auf dem Video, dass die New York Times veröffentlichte, ist zunächst zu sehen, wie der Polizist und der Schwarze offenbar eine Auseinandersetzung haben. Medienberichten zufolge war der 50-Jährige in seinem Fahrzeug angehalten worden, weil eines der Rücklichter seines Autos nicht funktionierte. Die Washington Post berichtete unter Berufung auf Offizielle der Stadt, dass sich der 50-Jährige zu weit von dem Polizisten entfernt befunden habe, um einen Elektroschocker gegen den Beamten einzusetzen.

Weiter ist auf dem Video zu sehen, dass der Beamte seine Waffe zieht und acht Mal auf den weglaufenden Mann feuert. Dann eilt er zu dem am Boden Liegenden, fordert ihn auf, die Hände auf den Rücken zu nehmen und legt ihm Handschellen an. Aus Szenen des Videos geht auch hervor, dass der Polizist etwas neben den Angeschossenen legt. Laut Washington Post könnte dies die Elektroschock-Waffe des Beamten gewesen sein – wofür es jedoch keine Bestätigung gibt.

Der Mann starb wenig später vor Ort. Das Video soll von einem Passanten stammen.

Eine "falsche Entscheidung" des Polizisten

Die Bundespolizei FBI will den Fall nach Angaben des US-Justizministeriums in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden untersuchen. Die Washington Post zitiert den Polizeichef von Charleston, Eddie Driggers, es handele sich um einen tragischen Tag für viele. Der Bürgermeister von North Charleston, Keith Summey, sprach auf eine Pressekonferenz von einer "falschen Entscheidung" des Polizisten. Damit müsse der Beschuldigte nun leben. Dem Schützen droht bei einer Verurteilung wegen Mordes eine lange Haft- oder die Todesstrafe.

North Charleston ist mit rund 100.000 Bewohnern die drittgrößte Stadt in South Carolina. Nach Angaben des US-Zensus von 2010 haben 47 Prozent der Bewohner schwarze und 41 Prozent weiße Hautfarbe. Laut der lokalen Zeitung Post and Courier sind aber nur 18 Prozent der Polizisten Schwarze.

Video von Bürgern könnten Debatte über Polizeigewalt verändern

Einige Experten gehen davon aus, dass die Video-Dokumentation von Polizeigewalt die Diskussion im Land verändern könnte. Nunmehr gebe es die Möglichkeit für jeden Bürger, eine Videoaufnahme zu starten, wenn sie einen Disput beobachteten, sagte der Kriminologe an der Bowling Green State University, Philip M. Stinson, der Washington Post. Der Experte für Polizeigewalt an der Universität von South Carolina, Geoffrey Alpert, sagte dem Wall Street Journal, ohne das Video gäbe es nur zwei Personen, die wüssten, was wirklich passiert sei – "und eine von beiden ist tot".

Allerdings müsse nicht jedes Video von Polizeigewalt gegen Schwarze zu einer Verurteilung führen, schreibt die Washington Post weiter. Sie verweist auf den Fall von Eric Garner in New York vom vergangenen Sommer. Damals hatte eine Geschworenenjury entschieden, dass ein weißer Polizist, der den unbewaffneten Garner tödlich gewürgt haben soll, sich nicht vor Gericht verantworten muss. Die Beweise für eine Anklage würden nicht ausreichen, argumentierte die Jury.