Der Islamist hat sich glatt rasiert, die Haare in Form gebracht und ein weißes Hemd angezogen. Der Richter fragt den Islamisten, ob das Gericht Rücksicht auf die muslimischen Gebetszeiten nehmen solle. Der Islamist verneint.

Der, den die Bundesanwaltschaft als Islamisten und ausgebildeten Terroristen identifiziert hat, sitzt in einem kleinen Saal des Münchner Oberlandesgerichts. Ufuk C., 21 Jahre alt, verschränkt die Füße unter dem Tisch und knetet seine Daumen gegeneinander. Der Sitzungstag ist eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen er das Untersuchungsgefängnis in der Nähe von Ingolstadt verlassen kann. Dort sitzt er, seit ihn Polizisten Ende Juli vergangenen Jahres am Münchner Flughafen festnahmen. C. war auf der Rückreise aus Syrien – und aus dem Dschihad, dem Heiligen Krieg, in den er eigentlich ziehen wollte.

In der umkämpften Provinz Aleppo hatte sich C. einer islamistischen Vereinigung angeschlossen und ein Ausbildungslager für den bewaffneten Kampf durchlaufen. Eine solche Tat ist auch strafbar, wenn sie nicht auf deutschem Boden geschieht. Dem Angeklagten drohen mehrere Jahre Haft.

Der Vorsitzende Richter Manfred Dauster muss sich nun in sieben Verhandlungstagen mühen, Antworten zu finden: Was führt einen jungen Mann, geborener Münchner aus weitgehend geordneten Verhältnissen, dazu, sein Leben aufs Spiel zu setzen? Sich zu opfern im Namen der brutalen Milizen, die mordend durch Syrien ziehen und das Regime von Machthaber Baschar al-Assad durch einen Gottesstaat nach den Gesetzen der Scharia ersetzen wollen?

"Deswegen sind Sie ja bei den Salafisten gelandet"

Dauster hat seine Methoden. Wie ein strenger, aber lieber Großvater vernimmt er Ufuk C., der sich im Laufe der Verhandlung mehr und mehr in seinen Sitz lümmelt und die Arme verschränkt. Dann lässt der Angeklagte sein Leben Revue passieren: Geboren in eine türkische Familie als jüngstes von drei Kindern. Zwei abgebrochene Lehren, den Hauptschulabschluss nachgeholt.

Für einen Teenager genug Probleme. C. versuchte es mit verschiedenen Auswegen: Er kiffte. Dann holte er sich Wodka und Bier an der Tanke, jeden Tag. Später wollte er heiraten, damit ihn die Verantwortung zu mehr Vernunft zwingt. Schließlich kam die Religion. C. ging in die Moschee, die nur ein paar Minuten von seiner Wohnung entfernt war. Er begann, sich Videos von salafistischen Predigern anzusehen, etwa von dem deutschen Konvertiten Pierre Vogel. "Ich hatte immer denselben Tagesablauf: Arbeiten, nach Hause kommen, Videos anschauen." Schließlich habe er "keinen Spaß mehr am Leben" empfunden.

Er hielt sich jetzt für einen Salafisten. Und er glaubte, dass er den muslimischen Brüdern helfen müsse, die im syrischen Bürgerkrieg litten. "Der Koran hält aber zur Gewaltlosigkeit an", sagt Dauster. "Das habe ich nicht verstanden", antwortet C. "Deswegen sind Sie ja bei den Salafisten gelandet", entgegnet der Richter. Er fragt C., welcher der höchste Feiertag des Islam sei. Der kommt erst nach mehreren Versuchen auf das Opferfest. Was das ist, kann er nur schwer erklären.

C. fühlt sich gefangen zwischen Langeweile und ständig neuem Ärger. Im März 2014 fliegt er in die Türkei. Mit einem Kumpel aus der Moschee reist er per Bus weiter nach Syrien. "Kurz vorher habe ich geweint, als ich an meine Mutter gedacht habe. Wie zerstört sie ist", sagt er. Nach einer Woche kommen sie in einem Villenviertel in Aleppo an. Das Terrorcamp ist eine Mischung aus Ferienlager und Kaserne. Man kann schwimmen, Sport machen, ins Internet gehen.