Jetzt lebt er wie Alhagie und sein Namensvetter Baba aus Gambia im Massenlager Cara di Mineo. Manchmal leiht ihm jemand eine Kamera, dann darf er Fotos machen. "Schau, das hier habe ich gemacht: Das war letztes Jahr im Sommer während des Ramadan." Baba zeigt ein Foto in seiner Facebook-Timeline: In der Nachmittagssonne stehen Hunderte Männer mit erhobenen Händen im Gebet zwischen den kleinen Häusern des Lagers. Einige der Sozialarbeiter wissen inzwischen, dass Baba gut fotografieren kann, bei offiziellen Anlässen darf er hin und wieder die Bilder machen. "Das ist mein großer Traum. Wenn ich irgendwann meine Papiere habe, möchte ich einen Job in einem Fotostudio bekommen", sagt Baba, "oder wenigstens ein Praktikum."

Über seine Flucht spricht er nicht gerne. Er kam über die Wüste, fast ohne Wasser saß er tagelang auf der Ladefläche diverser kleiner Lastwagen. Zwischendurch mussten sie immer wieder Strecken zu Fuß gehen. Nachts klirrende Kälte, tags unerträgliche Hitze. "Ich habe viele Menschen sterben sehen. Das kannst Du Dir nicht vorstellen, oder?" Sein Weg führte über Algerien nach Libyen. Die meisten Wege durch die Wüste enden hier. Die nächste Station ist das Boot. "Wir wissen alle, dass viele Boote untergehen. Das sehen wir im Fernsehen, wir lesen es im Internet. Aber was willst du machen?" Wer einmal in Libyen angekommen ist, der habe keine Wahl mehr. Aber Baba lebt und will nach vorn schauen, nicht zurück.

Hassan Bebeto, 19 Jahre alt, aus Somalia

Am Nachmittag in Catania treffe ich Hassan auf der Straße. Er ist auf dem Weg ins Zentrum, er will ein paar Freunde sehen, "ein bisschen um die Häuser ziehen". Und sich auch so langsam verabschieden, denn Hassan wird nicht mehr lange in Catania bleiben.

Er hat einen kleinen grünen Pass, "Titolo di Viaggo per Stranieri" ist in goldenen Buchstaben eingeprägt. Darin klebt ein Foto von Hassan: sein druckfrischer italienischer Fremdenpass. Fünf Jahre ist das Dokument gültig, er darf damit in andere Länder des Schengen-Raums reisen und jeweils drei Monate bleiben, vorausgesetzt er kann seinen Lebensunterhalt bestreiten. Hassan hat ein Jahr und vier Monate auf diesen Pass gewartet. "Jetzt bin ich frei", sagt er.

Hassan kam vor knapp anderthalb Jahren in Italien an, damals war er 17 Jahre alt, minderjährig. Minderjährige Flüchtlinge genießen besonderen Schutz: Sie dürfen nicht abgeschoben werden und haben ein Recht auf Schulbildung und eine von den Erwachsenen gesonderte Unterbringung, sofern sie ohne Familien gekommen sind. So wie Hassan. Er lebt in der Einrichtung Regina Elena in Catania. Bald wird er ausziehen.

Hassan war sein ganzes bisheriges Leben auf der Flucht. Er ist im somalischen Bürgerkrieg geboren und schon als kleines Kind mit seiner Familie nach Kenia gegangen. Als der Vater starb, entschloss sich Hassan, allein weiter nach Äthiopien zu reisen, um der Familie nicht zur Last zu fallen, denn die Mutter hatte noch zwei Schwestern zu versorgen. "Ich blieb drei Jahre in Äthiopien, aber nach und nach sind alle meine somalischen Freunde weitergezogen. Eines Tages habe ich mir gesagt, ich muss auch gehen, was soll ich hier alleine?" Er fuhr in den Sudan, von dort nahmen ihn Bekannte mit nach Libyen. "Libyen ist eine Katastrophe, dort will jeder nur noch weg", sagt er. Fort in Richtung Norden.

"Ich habe in Tripolis Autos gewaschen, bis ich Geld hatte, 700 Dollar habe ich für die Überfahrt bezahlt." Ein guter Preis, sagt Hassan. Auch er wusste: Es kann sein, dass er auf dem Meer sterben wird. "Aber Allah ist gut und hat mich gerettet." Andere auf seinem Boot sind gestorben. "Ein Kind war nach einem Tag tot, ich weiß nicht genau, warum. Andere sind ins Wasser gefallen." Die Küstenwache hat sie gerettet und zuerst in ein Lager in Pozzallo, im Süden Siziliens gebracht. Von dort kam er dann in das Heim für Minderjährige.

Ist er glücklich, dass er jetzt seine Papiere hat? "Ein Pass allein macht niemanden glücklich." Aber es sei ein Anfang, ein erster Schritt. Jetzt möchte er eine gute Schule besuchen. Vielleicht in Frankreich oder in Deutschland. "Und irgendwann hoffentlich meine Familie nachholen."