Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), hat Misshandlungsvorwürfe gegen die Bundespolizei in Hannover erschütternd genannt. "Wenn es zutrifft, dass ein Beamter Flüchtlinge gequält, sich damit gebrüstet und die Misshandlung sogar noch dokumentiert hat, muss die Bundespolizei über den Einzelfall hinaus Konsequenzen ziehen", sagte Özoğuz. "Die Polizeibehörde muss unmissverständlich klarstellen, dass sie ein solches menschenverachtendes Verhalten in ihren eigenen Reihen nicht toleriert."

Das NDR-Fernsehmagazin Hallo Niedersachsen hatte zuvor berichtet, in einer Polizeiwache in Hannover sei es im vergangenen Jahr mehrfach zu Übergriffen auf Menschen in Zellen gekommen. Ein Polizist brüstete sich demnach in mehreren Kurzmitteilungen via WhatsApp mit den Handlungen. So habe er ein Foto an einen Kollegen geschickt, auf dem ein gefesselter Mensch in unnatürlicher Haltung und mit von Schmerz verzerrtem Gesicht zu sehen gewesen sei, berichtete der NDR.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl verurteilte die mutmaßliche Misshandlung. Sie zeige "ein entsetzliches Ausmaß an Rassismus und Menschenverachtung", sagte Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. Er forderte, dass die Ermittlungen auf Mitwisser ausgeweitet werden müssten. "Der ganze Sumpf muss offengelegt werden."

In der Rheinischen Post sagte Grünen-Polizeiexpertin Irene Mihalic, "sollten sich die Vorwürfe über rassistisch motivierte Misshandlungen im Polizeigewahrsam bestätigen, wäre das ein echter Tiefschlag für den demokratischen Rechtsstaat". Die Polizei besitze das staatliche Gewaltmonopol im Innern, deshalb komme ihr eine besondere Verantwortung zu. "Es stellt sich die Frage, ob es sich um Einzelfälle oder um ein strukturelles Problem handelt", sagte Mihalic.

Gegen den Beamten sind mittlerweile Ermittlungen eingeleitet worden. "Was genau passiert ist, wissen wir nicht", sagte Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Identität und Zahl der möglichen Opfer seien bislang nicht bekannt. In der Dienststelle des Polizisten in Hannover und in seinem Privathaus suchten Ermittler nach Hinweisen auf die Taten. Klinge zufolge wurde dabei eine illegale Waffe sichergestellt.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fürchtet, dass das Ansehen der Polizei bereits schwer geschädigt worden sei. "Auch wenn das, so wie es sich bislang darstellt, nur ein Einzelfall ist, ist zu befürchten, dass es schon jetzt einen Imageverlust gibt", sagte Niedersachsens GdP-Landeschef Dietmar Schilff. Der "nicht zu entschuldigende Vorfall" belaste die Polizeiarbeit am Hauptbahnhof Hannover, "einem schwierigen Ort".