Als am 1. Mai 2011 Johannes Paul II. seliggesprochen wurde, veröffentliche Christ&Welt einen ökumenischen Appell für Óscar Romero. Initiiert hatten ihn christliche Basisgruppen aus der ganzen Welt, darunter aus Deutschland "Wir sind Kirche". Ein Seligsprechungsverfahren für den ermordeten Erzbischof von San Salvador schien damals weit entfernt. Santo subito, das galt jenem Papst, der dem Kommunismus die Stirn geboten hatte. Die Lobby der Befreiungstheologie stand im Verdacht, dem Marxismus zur Auferstehung zu verhelfen.

Möge unsere Treue zu Christus die beste Antwort an diejenigen sein, die die Kirche verachten und verfolgen. Bleiben wir im Gebet vereint.
Óscar Romero

Seitdem ist einiges passiert in Rom. Joseph Ratzinger hatte als Präfekt der Glaubenskongregation erbittert linkskatholische Umtriebe bekämpft; als Papst Benedikt XVI. befürwortete er dann doch das Seligsprechungsverfahren für den "Mann von großer christlicher Tugend". Am Samstag wird der Heilige der Armen zum Seligen der Hierarchen. Die Kirche schließt ein bisschen Frieden mit ihrem linken Flügel.

Wir brauchen Priester mit offenem Geist und großem Herzen, die bereit sind, dem Herrn, der Kirche und seinem Volk in Liebe zu dienen.
Óscar Romero

Als Óscar Romero 1977 das Erzbistum San Salvador übernahm, galt er als weltfremder Liturge. Draußen, auf den Straßen, bahnte sich schon der Bürgerkrieg an; drinnen, in der Kirche, schien ihm alles ruhig. Zunächst wies er seine Priester an, sozialkritisches Engagement zu unterlassen. Doch er merkte: Beten allein hilft nicht in einem Land, in dem Arme systematisch erniedrigt und Geistliche, die an der Seite der Geschundenen stehen, systematisch umgebracht werden. Romero kritisierte die Besitzenden als soziale Sünder, er verlas Listen von Verschwundenen und Ermordeten. Er bezog seine Inspiration nicht aus der Mao-Bibel, sondern aus dem Evangelium. Am 24. März 1980 traf ihn die Kugel eines Scharfschützen während eines Gottesdienstes.

Alle Zitate dieser Seite stammen aus Briefen Óscar Romeros, die demnächst auf Deutsch veröffentlicht werden. Die Adressaten sind Gläubige, die sich an ihn gewandt hatten. Herr Erzbischof, meine Kinder hungern, mein Sohn wurde erschossen, mein Mann geht fremd, was soll ich tun? Wüsste man nicht, wer da antwortet, man könnte viele Sätze für Franziskus-Worte halten: die Kritik an Ausbeutung, die Pflicht zur politischen Einmischung, das Vertrauen in den Glaubenssinn der einfachen Leute, aber auch das Festhalten am Ehe‑Ideal und die unerschütterliche, oft unerwiderte Liebe zur katholischen Kirche. Ein Linkskatholik zeitgenössischen Zuschnitts war Romero nicht. Bei der Familiensynode würde er wohl mit Kardinal Müller stimmen.

Gemeinsam mit dem Tag des Sturms kommen die Tage der Freude, wenn man sieht, wie der Herr Laien und Ordensleute in die apostolische Arbeit ruft.
Óscar Romero

Was will Franziskus den Gläubigen mit dieser Seligsprechung sagen? Vielleicht: Wer aufs Volk hört, lebt gefährlich. Vielleicht: Verschweigen wir barmherzig, dass Rom gegenüber den rechten Militärdiktatoren Lateinamerikas recht blind war. Vielleicht aber auch: Jetzt ist die katholische Kirche befreit genug, um stolz auf Óscar zu sein.