Was zählt die Kriminalstatistik?

Die PKS enthält – vor allem – die Anzahl der unserer Polizei bekannt gewordenen Straftaten, einschließlich der Versuche, sowie die Anzahl der ermittelten Tatverdächtigen. Sehr vereinfacht ausgedrückt: Die PKS zählt Fälle, die von der Polizei als Fälle registriert werden. Das klingt banal, beinhaltet aber jede Menge Problemstoff. Denn es beruht auf mindestens drei Parametern, die unbekannt sind: Was ist für die Polizei ein "Fall"? Wann und warum registriert die Polizei einen Fall? Was wird aus den Fällen? Auf alle drei Fragen findet sich die Antwort nicht in der Statistik, sondern bestenfalls in ihren Fußnoten – meistens aber nur in den ungenannten Voraussetzungen.

Nehmen wir an, in der Ortschaft A und in der Ortschaft B gibt es in einem bestimmten Zeitraum jeweils 20 Versuche des Wohnungseinbruchs. Die Ortschaft A hat keine Polizeistation, die nächste befindet sich im 30 Kilometer entfernten B und ist stark besetzt. Was meinen Sie, liebe Leser, wie sich dies in der Kriminalstatistik niederschlägt? Meine Vermutung: Die "Kriminalitätsbelastung" der Ortschaft B wird deutlich höher sein als die von A. Warum? Weil bei zehn der zwanzig Versuche in A kein Schaden entstanden ist und daher fünf Geschädigte auf eine mühsame Anzeige verzichten. Und weil die Ermittlungstätigkeit in B weit eifriger ist als in A, und sich das herumspricht. Noch ungleich stärker macht sich dieser Effekt bemerkbar bei Delikten wie Nötigung im Straßenverkehr, Hausfriedensbruch, Körperverletzung und dergleichen.

Was ist eine "Dunkelziffer"?

Eine Dunkelziffer ist, das klingt schon im Namen mit, etwas Dunkles, Unbekanntes, auch Furchterregendes. In der Kriminologie bezeichnet das Wort den Anteil von Straftaten, der nicht bekannt wird, sondern eben "im Dunkeln" bleibt, also nur vermutet (!) wird. Der Gegenbegriff ist das sogenannte "Hellfeld". Er suggeriert: Klarheit, präzise Differenzierung, erfolgreiche Ahndung. Das stimmt leider auch nicht so recht. Man muss, leider schon wieder, mehrere Gesichtspunkte unterscheiden:

Das "Dunkel" ist, aus Sicht der Kriminalstatistik, jener Bereich von Kriminalität, der nicht "offiziell", also von Instanzen der staatlichen Kriminalitätskontrolle erfasst wird. Ob er von anderen (Opfern, Dritten, Institutionen, Verbänden) irgendwie zur Kenntnis genommen wird, spielt keine Rolle. Für die Sichtweise der Polizei und der Strafverfolgungsbehörden ist nur wichtig, dass es "Straftaten" gibt, die nicht in die Statistik gelangen, also nicht als solche erfasst werden.

Eine andere Dimension des Problems liegt sozusagen vor oder unterhalb dieser Ebene: Was als Straftat nicht erfasst wird, muss auch nie beweisen, dass es eine solche ist. Anders ausgedrückt: Wenn Ihr Nachbar 15 Minuten lang verkehrsbehindernd vor Ihrer Garage parkt, könnte (!) das eine "Nötigung" (Paragraf 240 StGB) sein. Viele halten es dafür und bezeichnen es so. Manche Staatsanwaltschaft wird mit guten Gründen anderer Ansicht sein. Weil Sie mit dem Nachbarn auch in Zukunft halbwegs friedlich leben möchten, verzichten Sie vielleicht auf die Alarmierung eines Sondereinsatzkommandos. Ergebnis: War das jetzt eine "Dunkelziffer"? Oder einfach nur ein unerfreuliches, aber rechtlich unerhebliches Ereignis am Samstagmorgen?

Anders gesagt: Bei manchen Deliktsarten wird zwar stets (und mit einiger Berechtigung) von einem "erheblichen Dunkelfeld" gesprochen (zum Beispiel Sexualdelikte, Betrug im Bagatellbereich, Diebstahl). Dabei bleibt aber auch immer im Dunkeln, ob es diese Delikte überhaupt gegeben hat.

"Hellfeld" ist, was die Polizei (!) als solches definiert. Es gibt in den polizeilichen Erfassungsformularen sehr detaillierte Kataloge von Merkmalen für jedes mögliche angezeigte Verhalten. Ob ein solches einem oder mehreren Katalogmerkmalen und einem strafrechtlichen "Tatbestand" zugeordnet werden kann (das Fachwort heißt: subsumieren), ist eine Frage, die von vielem abhängt: von der Darstellungskraft und Durchsetzungsfähigkeit des Anzeigeerstatters; von der Subsumtionsfähigkeit, also der juristischen Kompetenz des Polizeibeamten; von der "Anzeigebereitschaft" von Betroffenen, Zeugen und Polizeibeamten.

Wie hoch ist wohl die "Dunkelziffer" von Beleidigungen und üblen Nachreden? Vermutlich geht sie gegen unendlich. Und die von (erfolgreichen) Wohnungseinbrüchen geht vermutlich gegen null. Warum das so ist, liegt auf der Hand: Die meisten Menschen fühlen sich sehr häufig von irgendjemandem beleidigt (man denke nur einmal an den ganz normalen "Beziehungsstreit"!). Sie halten es aber, aus verschiedenen (guten) Gründen, nicht für tunlich, dies durch Instanzen der staatlichen Kontrolle verfolgen zu lassen. Anders beim Wohnungseinbruch: Die Opfer fühlen sich massiv verletzt, und kaum einer hat gute Gründe, die Tatsache, dass in seine Wohnung eingebrochen und er bestohlen wurde, zu verheimlichen (Ausnahme: Kriminelle, denen verbotene Gegenstände entwendet wurden). Überdies ist die Inanspruchnahme von Versicherungsleistungen meist von einer Anzeige abhängig. Ergebnis: Das "Hellfeld" ist beim Wohnungseinbruchsdiebstahl extrem hoch, bei der Beleidigung extrem niedrig. Mit der tatsächlichen Häufigkeit hat das aber kaum etwas zu tun.

Es gibt Delikte, die praktisch nur dann herauskommen, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) im polizeilichen Hellfeld landen. Wie groß ist beispielsweise das Dunkelfeld der landesverräterischen Agententätigkeit oder der Beteiligung an einer ausländischen terroristischen Organisation oder der einfachen Nötigung? Niemand weiß das, auch wenn noch so viele "Terrorismus-Experten" in Talkshows herumschwadronieren. Wie viele Körperverletzungen gibt es täglich in deutschen Familien? Da darf man, wenn man sich der Wahrheit annähern will, sicher nicht die PKS fragen, sondern muss komplizierte empirische Forschungen anstellen bei Ärzten, Einrichtungen der Kinderbetreuung, Betroffenen, potenziellen Täter/innen, dem Umfeld. Mit den Zahlen der Polizei haben die Ergebnisse solcher Forschungen fast nichts zu tun.

Die Anzeigebereitschaft von – tatsächlichen oder vermeintlichen – Tatopfern spielt vor allem da eine Rolle, wo Straftaten nicht "öffentlich", sondern in engen sozialen Bezügen geschehen. Das betrifft etwa Sexualstraftaten. Hier kann man aufgrund allgemeiner soziologischer Forschung davon ausgehen, dass die Anzeigebereitschaft etwa seit den 1960er Jahren sehr stark gestiegen ist, weil die "Opfer"-Position von der Gesellschaft weitgehend anerkannt ist und nicht mehr negativ stigmatisiert wird. Das bedeutet: erhöhte Fallzahlen in der Polizeistatistik, gleichzeitig Rückgang des Dunkelfelds. Insgesamt hat sich die Zahl der tatsächlich begangenen Taten wahrscheinlich stark verringert. An der Statistik kann man das aber nicht erkennen.