Was ist eine Aufklärungsquote?

"Aufklärungsquote" ist ein Begriff, der in keinem Bericht über die Kriminalstatistik fehlt. Er wird von den Polizeiführungen wie ein Qualitätsnachweis verwendet und von der Bevölkerung – das ist ja die Absicht – auch so verstanden: Hohe Aufklärungsquote = gute Polizeiarbeit, niedrige Quote = schlechte Arbeit. Beides ist falsch. Denn die Aufklärungsquote ist im Wesentlichen ein Effekt der Statistik – einerseits der Dunkelfeld-Problematik, andererseits der Erfassungskriterien der Polizei. Sie erinnern sich: Die PKS erfasst "die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen." Sie erfasst also keineswegs "Täter"! Denn ob der Verdächtige auch wirklich der Täter ist, hat – zunächst – allein die Staatsanwaltschaft zu prüfen.

Ein Beispiel: Wie hoch ist wohl die Aufklärungsquote von Betäubungsmittel (BtM)-Delikten? Das hängt davon ab, was ein solches Delikt und was eine "Aufklärung" ist. Eine Straftat (ein Delikt) liegt für die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) vor, wenn durch irgendeine Schnittstelle eine entsprechende Information (Input) in das System "Polizei" eingegangen ist. Das kann, im einfachsten Fall, eine von außen kommende, nicht mehr veränderbare "Strafanzeige" sein, vielleicht der schriftliche Bericht eines Bürgers. Die meisten solcher externen Strafanzeigen werden mündlich erstattet: Bürger X geht zur Polizeiwache und trägt ein Ereignis vor. Das wird bei BtM kaum jemals der Fall sein. Vielmehr ermittelt die Polizei in diesem Bereich mit einem gelegentlich geradezu wahnhaft wirkenden Eifer von sich aus; in vielen Fällen initiiert sie selbst (über verdeckte Ermittler und Vertrauenspersonen) die Straftaten, die sie anschließend "verfolgt" (angeblich "zur Abschreckung"). Ergebnis: Ohne Verdächtigen keine Tat. Aufklärungsquote 95 Prozent. Danke, Polizei!

In den Fällen der Strafanzeige durch einen Bürger hat die Anzeige dieselbe Hürde zu überspringen wie bei der Anzeigen-Aufnahme von Amts wegen, wenn also die Polizei von einem Ereignis Kenntnis erlangt und von sich aus prüft, ob es sich um eine Straftat handeln könnte: Das Auffinden einer nicht ansprechbaren Person hinter dem Hauptbahnhof kann der Beginn eines Mordprozesses sein oder der Start der weniger spannenden präventiven Maßnahme, einen volltrunkenen Obdachlosen in Sicherheit zu bringen. Hat die hilflose Person schwere Verletzungen, liegt vielleicht beides zugleich vor. In jedem Fall also müssen – in der Regel – Polizeibeamte entscheiden, ob der Verdacht einer Straftat gegeben ist. Nur selten gehen Strafanzeigen direkt bei einer Staatsanwaltschaft ein; diese leitet auch dann in 99 Prozent der Fälle die Anzeige direkt an die Polizei weiter ("mit der Bitte, die notwendigen Ermittlungen durchzuführen") und wartet ab, was von dort zurückkommt.

Wenn nun also der Polizeibeamte X, bei dem der aus der Nase blutende Anzeigeerstatter Y auftaucht, der Ansicht ist, hier handele es sich um ein Delikt der Körperverletzung, so füllt er ein Formular aus, das letztlich Eingang in die PKS finden wird: Ein "Fall" ist geboren. Sodann folgt schon das erste Wunder: Gibt der Anzeigeerstatter Y zu Protokoll, den Schlag auf die Nase habe ihm soeben in der Disco ein Herr Z verpasst, vermerkt der Polizeibeamte: Tatverdächtiger ermittelt. Für die PKS heißt das: Fall aufgeklärt! – Hieraus folgt: Aufklärungsquote Körperverletzung heute 100 Prozent.

Noch besser ist es, wenn gleich fünf Blutende erscheinen oder festgenommen oder vorgefunden werden: Das sind fünf Fälle. Alle fünf sagen aus: Der Herr Z hat in der Disco um sich geschlagen. Super-Ergebnis für Kommissar X: Fünf Fälle aufgeklärt.

Und wenn im Jahr zuvor in dieser Disco nur einer geschlagen wurde, folgt daraus für die Statistik: Anstieg der Gewaltkriminalität um 400 Prozent, Aufklärungsquote 100 Prozent. Wenn das ein rasender Reporter der Lokalzeitung in die Finger kriegt, kann daraus eine gar wundersame Geschichte über die Explosion der Gewaltkriminalität im ländlichen Raum entstehen – selbst wenn die Staatsanwaltschaft drei Wochen später alle Fälle wegen unaufklärbarer Beweisschwierigkeiten einstellt.

Noch ein Beispiel: Nehmen wir an, in der bayerischen Kleinstadt A wird, durch Anordnung der Landespolizeidirektion (auf ein abwägendes Schreiben des Staatsministeriums des Innern, nach einem Gespräch auf Staatssekretärsebene, im Anschluss an den – der Staatskanzlei berichteten – abgestimmten Schlussbericht der interministeriellen Arbeitsgruppe "Effektive Bekämpfung der internationalen Wirtschaftskriminalität") eine "Sonderkommission Wirtschaftskriminalität" (Soko WiKri) gegründet, kriminologisch unterteilt in die Bereiche "Betäubungsmittel/Geldwäsche", "Bettelbetrug" und "Steuerhinterziehung". Zehn Beamte des gehobenen Dienstes werden der Kommission zugeteilt. Sie entwerfen einen strategischen und einen taktischen Plan und gehen ans Werk.

Wir wissen nicht, was dies für die Kleinstadt A an realem Sicherheitsgewinn mit sich bringen wird. Doch wir ahnen, was es für die Kriminalstatistik bedeutet: Sie wird stark ansteigen. Statt, wie seit 15 Jahren üblich, ein paar Kiffer am örtlichen Gymnasium zu observieren, wird nämlich Gruppe 1 der Soko den Handel mit Amphetaminen aufrollen: "Anlassunabhängige Kontrollen" jedes daherkommenden tschechischen Kombis "aufgrund polizeitaktischer Erfahrungen" sind nun Pflicht (Nebeneffekt: starker Anstieg der illegalen Beschäftigung, des Sozialversicherungsbetrugs, der Verkehrsordnungswidrigkeiten). Zudem werden Vertrauensleute angeworben; diese verraten serienweise Bezieher, Einführer und Händler von Kleinmengen. Da die notorisch in der Fußgängerzone herumgreinenden Rumäninnen samt Hund und betäubtem Kind den Stempel des Bettelbetrugs sozusagen auf der Stirn tragen, dürfte auch bei Soko-Gruppe 2 die Kriminalität besorgniserregende Ausmaße erreichen. Aktenabgleiche mit dem Finanzamt decken schließlich bei Soko-Gruppe 3 auf: ein Sumpf der Unklarheit bei der Umsatzsteuer des örtlichen Handwerks!

Ergo: Im bayerischen A hat im letzten Jahr die Ausländerkriminalität um 1200 Prozent, die Betäubungsmittelkriminalität um 700 Prozent, die Steuerkriminalität um 300 Prozent zugenommen. Aufklärungsquote: Ausländer 100 Prozent, BtM 95 Prozent, Steuer 15 Prozent. Wirtschaftskriminalität insgesamt: steiler Anstieg – gottlob fast alle Fälle aufgeklärt. Daher Auflösung der Soko WiKri im folgenden Jahr: Die Kriminalität bricht in sich zusammen. Herzlichen Dank, Staatsministerium des Innern! In der Kleinstadt A ist derweil das Leben weitergegangen wie immer.

Jeder von uns, liebe Leserinnen und Leser, kann sich die atemlosen "Reportagen" ausmalen, die aus solchem Datenstoff für eine nochmals gefilterte, nochmals intellektuell heruntergerechnete Zeitungs- oder Fernsehöffentlichkeit hergestellt werden können: mit fast jeder denkbaren tendenziösen Botschaft, ohne dass man bewusste Fälschung annehmen oder auch nur mutmaßen könnte.

Warum ist das so (oder so ähnlich)? Weil in den beiden Fallgruppen "Betäubungsmittel" und "Ausländer" jeder Fall der Natur der Sache nach nur erfasst werden kann, wenn eine tatverdächtige Person schon feststeht. Ganz offensichtlich ist dieser Zusammenhang bei Spezialdelikten: Ausländerkriminalität oder Betäubungsmittelkriminalität werden zu fast 100 Prozent "aufgeklärt", ebenso etwa "Trunkenheit im Straßenverkehr". Erst findet man den Ausländer ohne Aufenthaltstitel, dann hat man eine "Tat". Auch Sexualdelikte werden fast alle "aufgeklärt", denn auch hier wird ein "Fall" in der Praxis meist nur bekannt, wenn zugleich ein bestimmter Verdächtiger benannt wird. Die Aufklärungsquote tendiert also nur deshalb gegen 100, weil bei diesen Delikten immer (!) zuerst ein Verdächtiger ermittelt und deshalb (!) eine Straftat registriert wird. Da lässt sich natürlich über die Aufklärungsquote preiswert frohlocken. Tatsächlich dürfte, wie ein jeder sich ausmalen kann, die Dunkelziffer in diesen Fällen besonders hoch sein.

An solch einfachen Beispielen lassen sich Probleme von Fall- und Aufklärungsquoten nachvollziehen. Diese sind mitnichten, wie manche Präsentation der PKS suggeriert, die Folge der Fähigkeiten und braven Pflichterfüllung der Polizei einerseits, der kriminellen Intelligenz andererseits, sondern vielfach delikts- oder statistikspezifisch.

Es wird etwa immer gern behauptet, die Aufklärungsquote bei Mord und Totschlag sei besonders hoch (über 90 Prozent). Das stimmt aber nur dann, wenn man die Bedingungen akzeptiert: Jemand muss einen Todesfall als Straftat erst einmal erkennen, dann "anzeigen", und jemand muss ihn als solchen registrieren. Bei einer unbekannten Zahl von Todesfällen geschieht das nicht (denken Sie an verdeckte Sterbehilfe, verborgene Mitleidstötungen, spurenarme Tötungsdelikte durch Angehörige, "Mitnahmesuizide", die als Unfälle getarnt sind). Niemand weiß, wie hoch diese Zahl ist. Daher ist namentlich im Bereich der Schwerstkriminalität (Tötungsdelikte, Terrorismus) die selbstzufrieden daherkommende Attitüde der Sicherheitsspezialisten oft besonders fraglich.