Wie hoch ist die Kriminalität wirklich?

Die polizeiliche Kriminalstatistik ist, wie Kriminologen zutreffend formulieren, im Wesentlichen keine Statistik über die Wirklichkeit der Kriminalität, sondern eine Statistik über die Tätigkeit der Polizei. Und daneben auch eine über die "gefühlte" (behauptete) Kriminalitätswirklichkeit. Sie ist dadurch weder falsch noch verwerflich. Ihre öffentliche Vermarktung und Bewertung ist allerdings oft bestimmt von Desinformation und politischen Strategien.

Um herauszufinden, wie die Kriminalität wirklich verläuft, müsste man zumindest auch wissen, was bei den (von der Polizei) eingeleiteten Verfahren am Ende herauskam. Das wird in der PKS mit keinem Wort und in keiner Tabelle erwähnt. Zugespitzt: Wenn ein übermotivierter Beamter 100 Verfahren wegen Landfriedensbruch gegen 100 zufällig festgenommene Anti-Bahnhofs-Demonstranten registriert und die Staatsanwaltschaft sämtliche Verfahren sofort mangels Tatverdacht einstellt, ist trotzdem die "politisch motivierte Gewaltkriminalität" explodiert, und die Polizei hat alle Verfahren "aufgeklärt", obwohl in Wirklichkeit gar nichts passiert ist. Die Verzerrung ist nicht Schuld der Statistik, sondern die ihrer Ausleger.

Die Ergebnisse der bei der Justiz ankommenden Strafverfahren finden sich in der sogenannten "Strafverfolgungsstatistik". Sie wird vom Statistischen Bundesamt als "Fachserie 10: Recht" jährlich herausgegeben; wer will, kann sie im Internet nachlesen. Hier wird erfasst, wie die Justiz mit den eingeleiteten Strafverfahren umgegangen und was als deren Ergebnis herausgekommen ist.

Das ist natürlich immer noch nicht die ganze Wahrheit, sondern nur die Wahrheit durch den Filter der justizförmigen Verfahren. Aber da es bei Kriminalität nicht um irgendwelche unmoralischen Handlungen geht, sondern um gesetzliche Straftatbestände, ist natürlich die Frage, ob ein solcher Tatbestand tatsächlich erfüllt wurde, von zentraler Bedeutung. Die Strafverfolgungsstatistik ist daher für die Abbildung der tatsächlichen Kriminalität und ihrer Entwicklung mindestens so wichtig wie die PKS. Trotzdem kennt sie fast niemand. Sie wird auch (vom Bundesjustizminister) nicht öffentlich und medienwirksam präsentiert. Und kaum ein Journalist berichtet über sie.

Der Grund ist vermutlich nicht, dass sie ein bisschen schwerer zu lesen ist als die der Polizei. Das Problem ist: Beide Statistiken sind miteinander überhaupt nicht kompatibel. Sie erfassen vollkommen verschiedene Sachverhalte, überdies nach verschiedenen Parametern. Daher kann man sie auch nicht einfach "nebeneinanderlegen". Selbst die schlauesten Lehrstühle für Kriminologie vermögen es seit Jahrzehnten nicht, eine valide (gültige) Beziehung zwischen beiden Statistiken herzustellen. Das Ergebnis lautet, quer durch alle Lehrbücher der Kriminologie: Nichts Genaues weiß man nicht. Der Rest ist "Gefühl".

Das, wird mancher sagen, kann nicht sein: Man wird doch wenigstens "Tendenzen" ableiten können, also das Ergebnis, ob die Kriminalität sinkt oder steigt! Meine Antwort: leider noch nicht einmal das. Man kann natürlich die PKS-Ergebnisse vieler Jahre vergleichen und hieraus "Tendenzen" errechnen. Aber schon dann hat man wieder vieles außer Betracht gelassen, was sich nicht oder nur sehr schwer errechnen lässt: die Entwicklung des Rechtszustands, die Veränderungen der polizeilichen Sachkompetenz oder der Empfindlichkeiten, die Rückwirkungen tief greifender sozialer Veränderungen auf Anzeigebereitschaft, Definitionsbereitschaft, Handlungsbereitschaft von Polizeibeamten. In einer Gesellschaft ist, mit anderen Worten, alles ständig in Bewegung. Daher sind Aussagen über statistische Werte, sei es zur Kriminalität, sei es zur Rechtstreue, immer nur mit vielen Vorbehalten möglich.

Das missfällt natürlich allen, die "auf einfache Fragen klare Antworten" haben wollen, egal ob sie möglich sind oder nicht. Das sind wir alle. Polizeibeamte vielleicht noch ein bisschen mehr als der Durchschnitt, weil es immerhin auch um den "Erfolg" ihrer beruflichen Arbeit geht. Wer würde schon gern zugeben, dass die Erfolgsmeldungen über seine Pflichterfüllung genauso unsicher sind wie Bedrohungsszenarien, die ihnen vorausgehen? Ganz schlecht kommt die Botschaft "einerseits…, andererseits" bei den Medien an. Und überhaupt nicht hören wollen sie Politiker, also Menschen, deren Beruf und Erwerbsquelle das Haben von Meinungen und das Anbieten von (meist: juristischen) Lösungen für beliebige Probleme ist. Hier müssen die allereinfachsten Botschaften her, koste es, was es wolle. Denn angeblich kann (und will!) der Wähler (das sind Sie!) einfach nicht mehr. Und wer die Bild hat, sagte ein berühmter Staatsmann, hat gewonnen.

Ergebnisse

Nun soll hier keinesfalls der Eindruck erweckt werden, als sei die PKS "falsch", oder als kenne der Kolumnist geheime Wahrheiten. Es geht um etwas anderes.

Zum einen und zu allererst sind die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, hinter den Fassaden der Floskeln und Behauptungen nach der Wirklichkeit zu forschen, die sie selbst betrifft und sich in einer offenen sozialen Kommunikation als "wahr" erweisen kann. Ich weiß, dass dies möglicherweise verunsichernd wirkt: Wenn schon dem BKA nicht zu glauben ist, wem dann noch?

Aber so schlimm ist es nicht. Das BKA lügt nicht. Wer verstanden hat, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik zustande kommt und was sie wirklich erfasst, wird mit kritischer Vorsicht auf Alarmmeldungen blicken und sich vielleicht überlegen, welche soziale Wirklichkeit hinter den Zahlen steckt.

Denn bedauerlicherweise können viele Millionen Bürger zwar mit den Statistiken und den sich daraus ableitenden Schlussfolgerungen über die dritte, zweite und erste Fußball-Bundesliga souverän umgehen, fallen aber auf jede hanebüchene Behauptung über die Kriminalitätsstatistik herein wie Schulkinder. Das kann man verbessern.

Die Multiplikatoren der Presse sind aufgerufen, nicht länger auf desinformative Scheinargumente hereinzufallen oder solche selbst zu produzieren. Würden die Redaktionen das Thema so ernst nehmen, wie es ihre Schlagzeilen vortäuschen, müssten sie erkennen, dass die PKS nicht "das" Bild der Kriminalität zeigt, sondern nur ein Bild – aus einem ganz bestimmten Blickwinkel, mit vielerlei Verzerrungen und noch mehr Voraussetzungen, die man kennen muss, will man ein seriöses Ergebnis vermitteln oder gar Politik daraus machen.

Erste Aufgabe und Voraussetzung einer kritischen Presse ist es, die Dinge zu verstehen. Nur dann kann man Interessen, Tendenzen und Meinungen von Tatsachen trennen und bewerten. Unsere Journalisten haben sich stattdessen angewöhnt, sich wie Politiker zu gebärden. Sie schwimmen im Kielwasser der Macht und bemühen sich, deren Eingebungen vorzuformulieren – als ob sie dadurch Ruhm erringen könnten. Wann ist in der deutschen Presse der letzte Bericht erschienen, der die Zahlen und Ergebnisse der PKS unter methodenkritischem, kriminologischem Blickwinkel infrage stellte? Was sind das für "kritische Medien", die nur noch nach personalisierbaren "Skandalen" suchen, aber den Skandal im Gewöhnlichen nicht bemerken?

Meine Empfehlung an die Leser: Fragen Sie die Damen und Herren "Experten", was es mit der Kriminalitätsstatistik im Detail auf sich hat, und lassen Sie es sich erklären. Bis dahin gilt leider, dass für Leser und Zuschauer alles in einem matschigen Gefühl stecken bleibt. Einerseits wird alles irgendwie immer schlimmer, andererseits aber auch nicht: Egal PKS. Wenn Sie sich da mal nicht täuschen!