Sie haben sich ein Picknick mitgebracht, Plastiktüten mit Obst und Brot und Wasser. Nun sitzen die Zivilpolizisten auf den Wiesen, ihre Polizeiwesten neben sich, und essen und trinken und rauchen. Der Gezi-Park in der Mitte Istanbuls ist am zweiten Jahrestag der großen Proteste ein trügerisch ruhiger Ort.

Der türkische Staat hat den Park abgeriegelt, die Straßen gesperrt und die U-Bahn-Stationen in der Nähe auch. Um 13 Uhr wollten sich hier eigentlich die Protestierenden von damals versammeln, aber sie kommen gar nicht erst hierher.

Stattdessen laufen sie jetzt auf der İstiklal, jener Haupteinkaufsstraße die zum Taksim-Platz und zum Gezi-Park führt, auf eine Polizeisperre zu. Wasserwerfer, Polizisten mit Schutzschilden und Gasmasken. Die Aktivisten rufen: "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand", so wie damals vor zwei Jahren, als sie im Park zelteten, feierten und demonstrierten. Erst gegen die Pläne der Stadt, die Bäume zu fällen und eine Imitation einer alten osmanischen Kaserne an ihre Stelle zu setzen. Dann gegen die Polizeigewalt, die autoritäre Regierung und die türkische Politik generell.

Sie beschwören den Geist von Gezi

Weil sie heute nicht weiterkommen, setzen sie sich auf die Straße. Sie halten rote Nelken hoch in Gedenken an jene, die gestorben sind bei den Protesten. Auf dem Boden sitzt auch Emre Doganlar, ein 26-jähriger Architekt. Er war vor zwei Jahren "intensiv" dabei, sagt er. "Wie intensiv kann ich nicht sagen, sonst bekomme ich Probleme", ergänzt er grinsend. Er ist etwas enttäuscht, dass heute so wenige gekommen sind, 500 vielleicht. "Aber auch die, die nicht hier sind, tragen Gezi noch in ihren Herzen."

Gezi, das ist für Doganlar und die anderen längst eine Chiffre geworden für ein neues Gemeinschaftsgefühl, das sich nicht schert um die Lagerlogik, nach der Politik in der Türkei normalerweise funktioniert. Ein Gemeinschaftsgefühl allerdings, dass kaum sichtbar ist im öffentlichen Leben, auf den Straßen und den Plätzen, weil der Staat mit Gewalt dagegen vorgeht.

Ausweichort für das Gezi-Gedenken

Vor zwei Jahren hat die Polizei die Protestierenden mit Tränengas und Wasserwerfern aus dem Park getrieben, ihre Zelte mit Baggern abgerissen. Seitdem sind die Behörden noch rigoroser geworden. Am ersten Jahrestag sperrten sie den gesamten Taksim-Platz weiträumig ab, Zivilpolizisten mit Schlagstöcken in ihren Rucksäcken beherrschten das Viertel. So ging es weiter, am 1. Mai und bei jeder anderen Gelegenheit, zu der sich die Protestierenden von damals hätten versammeln und ein öffentliches Zeichen setzten können.

Dieses Jahr aber haben die Demonstranten einen Ausweichort gefunden. Der Abbasağa-Park im Stadtteil Beşiktaş. Hier waren sie schon vor zwei Jahren nach der Gezi-Räumung gelandet, vergangenes Jahr hat die Polizei sie hier vertrieben. Es findet sich nun hier alles wieder: das Camp der Feministinnen (und Feministen), der Protest-eigene Internet-Fernsehsender Çapul TV, die Kommunisten und Sozialisten, die Studierendengruppen. Und vor allem: die Bilder von damals. Sie hängen an Wäscheleinen zwischen den Bäumen, an den Zäunen und Laternenpfählen. Brennende Barrikaden sind da zu sehen und junge Männer, die sich mit ihren roten Sowjet-Flaggen in den Strahl der Wasserwerfer stemmen. Aber auch: Demonstranten und Polizisten, die zusammen rauchen, ein Brot, als Gabe vor eine Polizeiabsperrung gelegt.